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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 13.08.2008

Aschenputtel trifft Geldadel

Neu im Kino: "Nanny Diaries" und "Elegy oder Die Kunst zu lieben"

Vorgestellt von Hans-Ulrich Pönack

Scarlett Johansson verdingt sich in "Nanny Diaries" als Kindermädchen in der dekadenten Oberschicht New Yorks. Sie kümmert sich darum, dass der fünfjährige Sohn nicht ebenso wie seine Eltern durchdreht – und findet als Belohnung Mr. Right. In "Elegy" wird ein alternder Literaturprofessor in der Person einer hübschen Studentin, gespielt von Penelope Cruz, von der Liebe überrannt.

"Nanny Diaries"
USA 2007, Regie: Shari Springer Berman und Robert Pulcini, Hauptdarsteller: Scarlett Johansson, Laura Linney, ohne Altersbeschränkung

Der Film stammt von Shari Springer Berman und Robert Pulcini (B+R, USA 2007), einem hierzulande weitgehend unbekannten Filmemacher-Duo, das sowohl Dokumentarfilme ("Off The Menu: The Last Days Of Chasen´s", 1998) wie auch Spielfilme ("American Splendor", 2003, Debütspielfilm) herstellt. Hier nun adaptieren sie den gleichnamigen Debütroman von Emma McLaughlin und Nicola Kraus aus dem Jahr 2002 (deutsche Erstveröffentlichung unter dem Titel "Die Tagebücher einer Nanny", 2004).

Im Mittelpunkt steht Annie. Die hat gerade einen glänzenden College-Abschluss hingelegt, möchte aber - sehr zum Unwillen ihrer Mutter - nicht Bankerin werden, sondern lieber Anthropologie studieren. "Die Wissenschaft vom Menschen" bzw. auch "die Lehre am Menschen"- gedacht, getan. Annie geht sogleich in die Praxis, wird Nanny, Kindermädchen. Die reiche Familie X wird sozusagen ihr erstes Forschungsobjekt, im New Yorker Stadtteil Upper East Side.

Doch Mr. + Mrs. X lassen ihre "Mary Poppins"-Träume schnell platzen. Denn hier zeigt sich die dekadente Oberschicht in Reinkultur: Mr. X kümmert sich überhaupt nicht um die Familie, sondern affärt viel lieber bzw. gerne "aushäusig", während seine komplett neurotische Ehefrau die tägliche Zeit lieber mit Shopping, Lunch-Verabredungen, Yoga-Kursen oder abgehobenen "Nanny-Elternabenden" verbringt - anstatt mit ihrem fünfjährigen Sohn Grayer. Der ist auch schon auf dem besten Weg durchzuknallen, aber das weiß Annie fortan - nach mühevollem Beginn - zu verhindern.

Bald schon kommen Kind und Kindermädchen gut miteinander zurecht. Was natürlich der schnöseligen wie ewig genervten Mama überhaupt nicht gefällt. Nette, naive "Aschenputtel" meets stinkigen Geld-Adel. Warum und wieso, wird nicht klar. Denn wir befinden uns im Heute, wo Sklaven-Behandlung, Demütigungen, eklige Arroganz, also deftiger Psycho-Terror nicht unbedingt mehr "ausgehalten" werden müssen. Aber Annie-Nanny hält tapfer-trotzig durch. Verliebt sich zudem in einen smarten Nachbar-Boy aus der "Ober-Etage" und überhaupt: Schließlich und endlich wird alles gut.

Bekloppt ist der Film. Trotz Hollywoods-Schnuckelbiene Scarlett Johansson, der Woody-Allen-Muse ("Match Point"; "Scoop - Der Knüller"), die ja neuerdings auch singt (im April stellte sie in London ihr Album "Anywhere I Lay My Head" vor, das aus Coverversionen von Tom-Waits-Liedern besteht). Scarlett als Nanny zeigt permanent grübelnden Schmollmund, zieht andauernd betrübt die Augenbrauen hoch, ist permanent erstaunt bis traurig sowie auch ein bisschen entsetzt. Eine völlig humorlose, uninspirierte, bleierne Präsenz, zudem mit einer völlig uncool-monotonen Stimme ausgestattet: Eine absolute No-Charme-Figur. Völlig unspannend, reizlos, belanglos.

Der Film geht weder als Satire noch als Sozialkomödie noch als Herz-Schmerz-Späßken durch. Die gesellschaftlichen Klischees tropfen tüchtig wie mächtig, auch wenn sich in den beiden Neben-"X"-Hauptrollen die mehrfach "Oscar"-nominierte Laura Linney ("Die Truman Show"; "Kinsey - Die Wahrheit über Sex"; kürzlich "Die Geschwister Savage") sowie "Kotzbrocken" Paul Giamatti ("Sideways"; "Shoot`Em Up") prächtig abmühen und Scarlett Johansson glatt an die Wand spielen. Der von ihr im Off gesprochene kritische Kommentar verliert sich in Allgemeinplätzen, parodistische Ansätze verpuffen. Eine uninteressante Banalität von Komödie.


"Elegy oder Die Kunst zu lieben"
USA 2008, Regie: Isabel Coixet, Hauptdarsteller: Penélope Cruz, Ben Kingsley, Patricia Clarkson, ab zwölf Jahren

"Elegy" NUR IN ZSHG MIT FILMSTART!Isabel Coixet ist eine spanische Regisseurin und Drehbuchautorin, die vor fünf Jahren auf der Berlinale mit dem Familien-Drama "Mein Leben ohne mich" ihren internationalen Durchbruch erreichte. Ihr 2006 gedrehter Film "Das geheime Leben der Worte" dominierte bei den "spanischen Oscars", den "Goyas", und gewann in den Kategorien "Bester Film", "Beste Regie", "Bester Produzent" sowie "Bestes Original-Drehbuch". Ihr neuester Film hatte im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale Welturaufführung.

Drehbuch-Autor Nicholas Meyer adaptierte dabei den im Jahr 2001 herausgekommenen Roman "Das sterbende Tier" des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth. Sein Held: Der in die Jahre gekommene Literatur-Professor David Kepesh. Der unterrichtet an einer Hochschule und genießt, auch gerne "praktisch", die Verehrung seiner Studentinnen. Kurze wie unverfängliche Affären hakt der bindungsunwillige Intellektuelle, der aus seiner Ehe geflohen ist, schnell ab. Doch als er der wunderschönen Consuela Castillo begegnet, ändert sich emotional alles.

Eine ebenso leidenschaftliche wie tragische Beziehung nimmt ihren Lauf. Und: Die temperamentvolle junge Frau macht dem charismatischen Literaten auch deutlich, dass sie ihm intellektuell durchaus "gewachsen" ist. Ein alternder Zyniker wird von der Liebe "überrannt". Blüht als Liebhaber noch einmal prächtig auf, steht sich aber dann selbst im Weg, ist geradezu "lächerlich" eifersüchtig und spießig-besitzergreifend. Zudem: In dieser Lebensphase an die Liebe wirklich zu glauben, ist ihm nicht (mehr) möglich.

Ein Balanceakt von großem Emotionskino. Ergreifend und schön, auf den gefühlvollen Pointen-Punkt zwischen Ironie und Glaubwürdigkeit gebracht. Ohne jeden Anflug von Sentimentalität und Voyeurismus; mit melancholischen Gedanken, Brüchen und Bewegungen.

Dabei geht es nicht um den ewigen Geschlechterkampf oder um Parteinahme. Es geht um eine behutsam entwickelte Geschichte einer spannenden Beziehung. Was deshalb so einfühlsam funktioniert, weil sie erzählerisch unaufgeregt, sanft, dicht daherkommt und darstellerisch wunderbar "gelingt": "Oscar"-Preisträger Sir Ben Kingsley ("Gandhi"), kürzlich als alkoholkranker Killer in "You Kill Me" von schon grandioser Nonchalance, trifft in Worten wie mit seiner Körpersprache, trifft in Bewegung, Gesten und Blicken genau den richtigen Reiz-Ton eines überklugen Egoisten, der über die Endlichkeit lamentiert und die Gegenwart des Lebens verdrängt.

Die spanische Schönheit Penélope Cruz ("Volver - Zurückkehren") ist ein ebenbürtiger Partner und überzeugt mit viel Charme, Selbstbewusstsein, Intensität. Ein virtuoses Beziehungs-Kammerspiel, mit weiteren hervorragenden Stichwortgebern wie Patricia Clarkson als Kepeshs Dauer-Bett-Freundin, die als Karrierefrau erste schmerzliche Erfahrungen mit verblassender Attraktivität machen muss, Peter Sarsgaard als Sohn, der dem Vater nie verziehen hat, dass er die Mutter verlassen hat, sowie mit Dennis Hopper als Freund und Weggefährte, der gerne Ratschläge gibt, diese selbst aber nie befolgt.

Ein Film, der insgesamt auch gut komponiert ist: Untermalt ist er von einer angenehm unaufdringlichen Klaviermusik, die sich nur selten in den Vordergrund schiebt, und ausgestattet ist er mit außerordentlich gedämpften, ruhigen Farbtönen, die der Romanze eine stimmungsvolle Warmnote gibt. In "Elegy" läßt sich gut-unterhaltsam-fein eintauchen.

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