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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 05.06.2020

Arzt und Sozialpädagoge Gerhard Trabert"Ich habe nicht den Anspruch zu missionieren"

Moderation: Ulrike Timm

Der Sozialmediziner Gerhard Trabert. (picture alliance / dpa / Peter Zschunke)
Der Sozialmediziner Gerhard Trabert. (picture alliance / dpa / Peter Zschunke)

Man nennt ihn Armenarzt oder Straßen-Doc: Gerhard Trabert ist Professor, Notfallarzt und Krisenmediziner in Flüchtlingslagern. Meistens versorgt er mit seinem „Arztmobil“ Wohnungslose in Mainz. Eigentlich wäre er gern überflüssig.

Gerhard Trabert hätte es einfach haben können, mit einer netten Praxis in Mainz. Das wollte er aber nicht, das wäre "nichts für mich gewesen". Seit mehr als 25 Jahren ist der Arzt und Sozialpädagoge lieber mit seinem "Doc-Mobil" unterwegs und kümmert sich speziell um Wohnungslose.

"Ich habe geglaubt, das mache ich ein paar Jahre, dann wird diese Lücke in unserem Sozial- und Gesundheitssystem geschlossen sein. Genau das ist nicht der Fall, im Gegenteil."

"Immer mehr Menschen fallen durch das System"

Mindesten 80.000 Menschen leben in Deutschland ohne Krankenversicherung, vermutlich sind es viel mehr. Zählten zu Traberts früheren Patienten vor allem obdachlose Menschen, behandelt er heute auch "die alleinerziehende Mutter, die nicht die Zuzahlungen leisten konnte." Es seien aber auch Privatversicherte, die die Beiträge nicht mehr zahlen könnten, EU-Bürger oder geflüchtete Menschen. "Es sind immer mehr Menschen gekommen, die durch unser System hindurchfallen."

Zunächst war der Mediziner allein mit seinem Arztmobil unterwegs und hielt seine Sprechstunde in einem Heim für Wohnungslose ab. Seit 2013 versorgen mehr als 20 Mediziner, Pflegekräfte und Sozialarbeiter die Patienten in der "Ambulanz ohne Grenzen" - kostenfrei wohlgemerkt.

Der ehemalige 400-Meter-Läufer hat gelernt, sich auch über kleine Schritte zu freuen. Bei seinen wohnungslosen Patienten könne nicht gleich das erste Ziel sein, diese von der Straße zu holen.

"Für mich ist schon ein Erfolg, wenn ich zu einem Menschen in Beziehung treten kann und er mich als Gesprächspartner akzeptiert. Ich habe nicht den Anspruch, jemanden zu missionieren. Natürlich werde ich im Laufe dieser Begegnung auch mal thematisieren, dass jemand sich auch wohler fühlen würde, wenn er ein eigenes Zimmer hat."

"Wolfgang ist Wellness für die Seele"

Ein eigenes Dach über dem Kopf, das hat jetzt der 88-jährige Wolfgang. Von all seinen Patienten kennt ihn Trabert am längsten. Der Mann lebte mehr als 50 Jahre auf der Straße.

"Das Besondere ist, immer wenn ich zu ihm komme, bringe ich ihm seine Medikamente, wir unterhalten uns, dann ist das für mich fast so, wie Wellness für die Seele. Er ruht so in sich selbst, das fasziniert mich."

Doch der Alltag von Trabert bringt auch das mit sich: Wunden, die mit Maden belegt sind, üble Gerüche, Menschen, die sich komplett aufgegeben haben. Wie geht der Arzt damit um?

"Ich bin - da habe ich nichts dafür geleistet - damit ausgestattet, dass mir so ein Anblick und diese Gerüche nichts ausmachen. Ich erwarte von niemanden, dass er das kann. Wichtig ist bei allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, ehrlich zu sich selbst zu sein. Wenn das etwas ist, was mir zu schaffen macht, dann bringt es gar nichts, sich selbst unter Druck zu setzen. "

"Ich habe meiner Familie viel zugemutet"

Für die Familie, für seine vier Kinder, das weiß Trabert, war er nicht immer da: "Ich habe ihnen viel zugemutet. Aber ich habe ihnen auch sagen müssen, ich muss auch das leben, was mir wichtig ist. Sonst verliert ihr euren Vater, dann ist er nicht mehr er selbst."

Woher Trabert den Antrieb für sein soziales Engagement hat, dafür gebe es viele Gründe. Einer, so der Mediziner, heißt Ferdinand, sein Großonkel. Er saß im KZ, war Gegner des NS-Regimes. "Er hat meinen Vater sehr geprägt und der wiederum mich. Nie wieder darf so etwas bei uns passieren - keinen Millimeter nach rechts. Absolut gegen Rassismus zu sein, gegen soziale Ungerechtigkeit."   

Das klingt fast so, also wäre bei Trabert in Zukunft auch eine politische Karriere nicht ausgeschlossen. Doch auch wenn der Arzt selten nein sagen kann, in die Politik will er nicht:

"Das würde mir sehr schwerfallen im politischen Alltag, Kompromisse einzugehen. Ich bin ganz froh mit dieser Rolle, die ich habe. Ich kann klar signalisieren, was ich möchte, muss nicht irgendwo Abstriche machen."

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