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Zeitfragen | Beitrag vom 21.04.2020

ArzneimittelengpässeSparzwänge lassen Medikamente knapp werden

Von Anke Petermann

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Beratungsgespräch in einer Apotheke in Essen (imago / Ralph Lueger)
Noch gibt es die meisten Medikamente zu kaufen: Doch die Coronakrise offenbart Probleme bei der Arzneimittelversorgung. (imago / Ralph Lueger)

Weil die Arzneimittelproduktion großteils nach Asien ausgelagert wurde, werden manche Medikamente in der Coronakrise knapp. Nun sucht die Politik nach Wegen, die Produktion nach Deutschland zurückzuverlagern und die Versorgung wieder zu garantieren.

In der Koblenzer Sophien-Apotheke ist gut zu tun, in Zweierreihen stehen Kunden diszipliniert mit Coronaabstand Schlange. Doch nicht jeder bekommt, was er braucht. Man möge ihn anrufen, wenn die Bestellung da sei, bittet ein Mann mit leicht verzweifeltem Unterton. Es geht um Teststreifen für den Blutzuckerspiegel.

Martina Will musste den Kunden schon mal vertrösten, weil der Großhandel, bei dem sie ordert, vom Hersteller nicht beliefert wurde. "Das war jetzt ein Diabetiker", sagt die Apothekerin über den Kunden. "Er ist darauf angewiesen, dass er mehrfach täglich seine Werte überprüft, und das war so ein Hilfsmittel zur Überprüfung der Werte. Und er sagt, es wird knapp, er hätte es jetzt noch für zwei Tage."

Diabetiker gehören zur Coronarisikogruppe und sollten derzeit gut auf sich aufpassen. Doch um sie zu versorgen, fehlen nicht nur Teststreifen. Andreas Kiefer, Chef der Sophien-Apotheke, tritt an einen der großen Schränke hinter dem Verkaufsraum. In der Schublade ganz oben auf: Metformin, beliebtestes Mittel gegen Altersdiabetes, sollte drin liegen. Aber: "Da sehen Sie: leer, leer. In der Stärke 1000, von den großen, sind jetzt keine da."

Lieferengpässe können leichter ausgeglichen werden

So lange es die 500-Milligramm Stärke bei Metformin noch gibt, lässt sich für die gewünschte Wirkung die Tablettenzahl verdoppeln. Früher wäre das Ausweichen ohne das Placet des Arztes gar nicht so einfach möglich gewesen. Doch seit März verschafft eine Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums Apothekern mehr Freiheit, Lieferengpässe auszugleichen. Als Präsident der Apothekerkammer Rheinland-Pfalz begrüßt Andreas Kiefer das.

"Wir wollen das ja nicht, dass die Patienten dauernd zum Arzt gehen, immer wieder klingeln. Es muss was geändert werden. Dauernd in die Apotheke, weil was nicht lieferfähig ist. Da haben wir jetzt Ausweichmöglichkeiten, andere Stärken, andere Packungsgrößen abzugeben. Das ist jetzt besser geworden durch die Verordnung vom Bundesminister."

Man hat sich kaputt gespart

Ressortchef Jens Spahn weiß, dass Qualitätsprobleme und Ausfälle in der Wirkstoff- und Medikamentenproduktion namentlich in China und Indien für die Engpässe maßgeblich verantwortlich sind. Ganz Europa hat sich aus Kostengründen abhängig gemacht – von nur bedingt zuverlässigen Lieferanten in Asien. Man habe sich "kaputt gespart", gab unlängst in Brüssel Hans-Peter Liese zu, Arzt und Gesundheitsexperte der europäischen Christdemokraten.

"Wir haben gerade bei den Nachahmerprodukten, wo kein Patent mehr drauf ist, zu wenig auf die Qualität geachtet. Man hat immer nur auf den Preis geguckt und hat wegen weniger Cent bestimmte Anbieter aus dem Markt gedrängt. Das rächt sich jetzt leider."

Arzneimittelproduktion bei der Firma Merck in Darmstadt. (picture alliance / Ulrich Baumgarten)Nur die großen Hersteller haben noch eine Chance: Arzneimittelproduktion bei der Firma Merck in Darmstadt. (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
Lieses Parteifreund, Bundesgesundheitsminister Spahn, will nachsteuern: "Wir brauchen Anreize, wirtschaftliche Anreize für Unternehmen, Produktionsstätten in Deutschland zu haben. Das kann bedeuten, dass wir wieder auch mehr werden bezahlen müssen, etwa für Generika – nicht nur Cent-Beträge. Aber ich denke, die Sicherheit geht hier vor ökonomischer Effizienz."

Die Wirkstoffe sind nicht knapp

Denn neben Diabetesmedikamenten wie Metformin erschwert auch die Knappheit bei Herz-Kreislauf-Medikamenten und Antidepressiva die Versorgung von chronisch kranken Menschen. Doch es gebe keine Unterversorgung und damit keinen Grund für Hamsterkäufe, betont man beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

"Wir lassen eigentlich niemanden ohne Arzneimittel weg, wir finden immer eine Lösung auch zusammen mit dem Arzt", bekräftigt der Präsident der Apothekerkammer Rheinland-Pfalz bekräftigt. Aber anstrengend sei es für alle. "Und zeitaufwändig", fügt Heike Weser an. Nicht nur Chroniker sind betroffen, weiß die pharmazeutisch-technische Assistentin.

"Zum Beispiel auch ein Ibuprofen 800, Schmerzmittel, entzündungshemmend. Das ist auch schon ganz lange in der höchsten Stärke nicht lieferbar. Und das ist halt etwas, was im Akutfall verschrieben wird."
Probleme bei der Tablettenproduktion sind hier ursächlich, weiß die Mainzer Pharmazieprofessorin Irene Krämer. Die Wirkstoffe selbst sind nicht knapp. Wie gut, dass die Krankenhausapotheke an der Unimedizin Mainz stabile Lieferanten hat und Kapseln selbst produzieren kann, sagt Apothekendirektorin Krämer am Telefon.

"Wir haben immer noch eine große Eigenherstellung. Wir haben die Ausstattung und das Know-how dafür. Für mich ist das der Königsweg." – Neben kluger Bevorratung.

Eigene Krankenhausapotheken sind kostspielig

Propofol und andere Narkosemittel sind in anderen Krankenhausapotheken schon bedrohlich knapp – auch abhängig davon, wie viele Covid-19-Patienten unter Narkose künstlich beatmet werden müssen. In Mainz reichen die Vorräte noch. Eindringlich fordert Krämer, die Krankenhausapotheken produktionsfähig zu halten.

"Es ist in den letzten Jahren extrem abgerüstet worden in den Krankenhausapotheken – auch unter dem Kostendruck. Eine Sterilabteilung, in der man Infusionslösungen herstellen kann, das ist eine teure Angelegenheit, das sind teure Räume und Gerätschaften, die man da braucht. Und in vielen Krankenhäusern konnte man sich das auch nicht leisten, das zu erhalten oder neu einzurichten."

Eine Apothekerin stellt im Labor einer Apotheke in Flensburg Medikamente her. (picture alliance / dpa / Benjamin Nolte)Nur noch wenige Arzneimittel werden in der Apotheke hergestellt. (picture alliance / dpa / Benjamin Nolte)
Das muss sich ändern, findet die Mainzer Pharmazieprofessorin. Mehr einheimische Produktion würde das Versorgungsrisiko verringern, da stimmt Andreas Kiefer zu. Der Koblenzer Apotheker stellt mit zehn Mitarbeitern selbst Schmerztabletten her – nicht-verschreibungspflichtige. Bei den verschreibungspflichtigen greifen die Rabattverträge von Krankenkassen. Und die räumen nur dem günstigsten Produzenten eine Chance ein.

"Dann ist der eine am Markt, und alle anderen sind weg. Und die bauen auch die Kapazität ab, weil die gar nicht mehr die Chance haben, an anderer Stelle reinzukommen. Da sind zwar auch Erleichterungen eingetreten in letzter Zeit, aber noch nicht genug." Doch eine mittelständische Produktion in Deutschland wieder aufzubauen, hält Andreas Kiefer für möglich: "Wir haben hier auch noch gute Wirkstoffhersteller", meint er.

Die Marktvielfalt wieder erhöhen

Dass die Rabattverträge ein in Jahrzehnten gewachsenes Überangebot eindämmen, erkennt Apotheker Kiefer an. An der Notwendigkeit dieser Kontrakte halten die Krankenkassen prinzipiell auch fest, weil sie Kosten für die Gesetzliche Krankenversicherung um mehr als vier Milliarden Euro im Jahr reduzieren.

Doch manche Kassen nehmen jetzt schon stets mehrere Hersteller unter Vertrag. Das fördert die Marktvielfalt und erhöht die Liefersicherheit. Mehrpartner statt Exklusivverträge, darin sieht auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft einen Ausweg aus nicht nur coronabedingten Engpässen.

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