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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 13.12.2015

Artistenschule in BerlinAkrobatik als Leistungskurs

Von Kerstin Hildebrandt

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(Kerstin Hildebrandt)
Übungen, die schon beim Zusehen schmerzen. (Kerstin Hildebrandt)

Akrobaten, Seiltänzer und Jongleure verzaubern ihr Publikum. Was so mühelos aussieht, ist in erster Linie Hochleistungssport. Auch hier gilt: Früh übt sich, wer es zu etwas bringen will - ein Besuch an der Staatlichen Artisten-Schule in Berlin.

"So, es geht los Marlene ... zweite Runde ... "

Diese Übung tut schon beim Zusehen weh. Die zehnjährige Marlene liegt auf dem Rücken, während ihr Sportlehrer ihr rechtes Bein nach vorne biegt, bis es fast neben dem Kopf liegt. Das zierliche Mädchen verzieht keine Miene. Ein paar Sekunden muss sie diese extreme Dehnung noch aushalten.

".... vier, drei, zwei, eins, null .... "

Erlöst. Jetzt ist Tim dran. So mühelos wie bei Marlene geht es bei ihm nicht. Irgendwann fließen vor Schmerzen ein paar Tränen.

"Schön halten Tim, Du schaffst das."

Es ist Donnerstag Mittag: Elf Mädchen und zwei Jungen zwischen zehn und elf dehnen sich gerade auf Biegen und Brechen. Spagat, Querspagat und Brücke - selbst Balletttänzerinnen könnten hier neidisch werden.

"Und Mittelspagatler schieben Schulter, bitte"

Eine normale Klasse beim Schulsport ist das hier ganz offensichtlich nicht und auch die Halle ist beim genauen Hinsehen keine normale Sporthalle. Von der Decke hängen Trapeze, lange Stoffbahnen und Luftringe. Auf einem Trampolin üben ältere Schüler Saltos, ein Mädchen balanciert über ein Seil, in einer anderen Ecke wird jongliert.

(Kerstin Hildebrandt)20 Stunden in der Woche Training - neben dem normalen Unterricht. (Kerstin Hildebrandt)

Marlene, Tim und ihre Mitschüler aus der sechsten Klasse gehen auf die Staatliche Artisten-Schule in Berlin. Eines Tages - so ihr Traum - wollen sie Akrobaten werden, Jongleure oder Trapezkünstler. 20 Stunden in der Woche trainieren sie auf dieses Ziel hin - neben dem normalen Unterricht. Begonnen haben sie mit ihrer Ausbildung vor mehr als einem Jahr. Klassenlehrer Axel Schnor hat sie seitdem begleitet.

"Wenn Sie sich überlegen, dass man bei einigen so 'nen dicken Petziball da noch durchschieben konnte beim Querspagat und jetzt kommen sie runter und sitzen fast im Überspagat, kamen hier her und haben teilweise keinen Klimmzug gekonnt, Und insofern sieht man schon 'ne deutliche Entwicklung, erst recht was die akrobatischen Elemente angeht: Aus dem Purzelbaum ist eine Rolle vorwärts geworden. Wir sind dabei jetzt uns Richtung Flickflack zu entwickeln, also Herr Vogel wird das jetzt so perfektionieren, die restlichen Dinge, dass wir bald anfangen können."

Herr Vogel, das ist der zweite Sportlehrer der sechsten Klasse. Er ist verantwortlich für die akrobatischen, die turnerischen Elemente. Gerade übt er mit einigen Schülern Handstandüberschlag.

"Das war jetzt schon gut, sehr schön."

Eigentlich ist der 68-Jährige schon auf Rente, aber dann kam er wieder zurück, um für einen erkrankten Lehrer einzuspringen. 30 Jahre lang hat Udo Vogel mit jungen Artisten an der Schule zusammengearbeitet - schon zu DDR-Zeiten, als hier noch der Nachwuchs für den Staatszirkus herangezogen wurde. Damals begann die Ausbildung erst im jungen Erwachsenenalter und es gab weniger Probleme, den geeigneten Nachwuchs zu finden.

"Erstmal hatten wir einen größeren Pool, um Talente zu sichten, aber die, die kamen, die hatten wesentlich bessere Voraussetzungen, weil mehr in den Schulen damals gemacht wurde und den Sportunterrichten wirklich zielgerichtet gearbeitet wurde und da hatten wir keine Probleme mit diesen Grundvoraussetzungen, die wir jetzt schaffen müssen.

Gerade in der Übergangszeit haben wir das dann auch gemerkt, nach der Wende, da wurde es immer schwieriger Schüler zu kriegen, die unseren Anforderungen entsprachen, weil einfach die Grundvoraussetzungen nicht da waren. Und das war auch ein Grund zu sagen, dann basteln wir unsere Künstler selber."

Vor der Aufnahme werden die Kinder getestet

Unsere Künstler selber basteln heißt: Seit einigen Jahren wird schon ab der fünften Klasse ausgebildet. Vor der Aufnahme werden die Kinder getestet: Wie beweglich sind sie? Wie steht es um ihre Koordination und Ausdauer?

"Bestimmte Voraussetzungen müssen da sein, auch ein bisschen anatomisch gesehen. Es gibt Leute, die werden einfach nicht weich, weil einfach das anatomisch nicht funktioniert. Und was für uns ganz wichtig ist, sie müssen, schon die Kleinen müssen so 'nen bisschen Persönlichkeit ausstrahlen. Viele Dinge müssen von innen kommen. Man kann das eine oder andere speziell Techniken trainieren, aber so das gewisse Etwas muss man einfach mitbringen. Man kann vieles antrainieren, aber das nicht, und das ist ganz wichtig."

Die Kinder müssen einen eigenen Kopf haben

Die Kinder müssen sich also verbiegen können und trotzdem einen eigenen Kopf, eine eigene Persönlichkeit haben. Hier wachsen schließlich keine Turner heran, sondern Künstler.

"Ich gehe ja nicht ins Varieté oder in den Zirkus, um Sport zu sehen, sondern ich will unterhalten werden und das ist die Grundvoraussetzung, die wir schaffen. Wenn wir Unterhaltung, aber auch Höchstleistung bringen, dann ist das eigentlich unser Ziel."

Lächeln, nie das Lächeln vergessen, auch wenn etwas wehtut, ermahnt Udo Vogel seine jungen Zöglinge immer wieder. Von 80 bis 100 Kindern, die sich jedes Jahr bewerben, schaffen etwa 15 den Sprung an die Schule. Um dort den Alltag dann durchzuhalten, braucht es viel Disziplin. Sechs Tage die Woche wird gelernt und trainiert. Auch Samstags ist hier Unterricht. Ein ziemliches Pensum für Grundschüler, meint Klassenlehrer Schnor.

"Die einen verkraften das besser oder kommen damit besser klar, für andere ist es relativ schwer und die brauchen auch einen gewissen Anlauf. Wir haben es schon, dass am Nachmittag natürlich die Konzentration teilweise ein bisschen nachlässt und dass sie müde werden, das ist natürlich hier auch der Fall. Aber es ist so, dass sie für die Sache brennen und bereit sind, dann eben auch früh ins Bett zu gehen und dann raus zu kommen am nächsten Morgen. Aber letztendlich bleibt es schon doch 'ne ziemlich harte Geschichte."

Als Pädagoge achte er darauf, dass die Belastungsgrenzen der Kinder nicht überschritten werden, versichert Axel Schnor. Trotzdem muss er den Schülern einiges zumuten, denn artistische Höchstleistungen, ein extrem biegsamer Körper, sind nun einmal nicht ohne Schmerzen zu erreichen.

"Mit Freude hat das nichts zu tun. Aber es ist eine Notwendigkeit und es geht eigentlich immer nur um die Sache. Es hat alles irgendwie seinen Sinn, seine Berechtigung und das ist meine Motivation, das trotzdem zu machen, obwohl ich weiß, dass ich in dem Moment denen natürlich auch wehtue, das muss man ganz klar so sagen, und dann sträuben sie sich auch und zappeln. Das ist auch schon für mich eine belastende Situation irgendwo. Aber es gehört zum Geschäft."

Einen Eindruck vom Lohn dieses harten Trainings bekommt man gleich nebenan, in der anderen Hälfte der Artistenhalle. Hier zeigen einige der Älteren gerade ihr Können.

Die Trainingshalle ist keine Bühne: Noch sieht man die Arbeit und Anstrengung, die hinter den Kunststücken stecken.

Auf der Tribüne an der Längsseite der Halle sitzt Harry Owens, der Gründer des Traumtheaters Salomé. Owens ist bekannt für seine poetischen, artistischen Bühnenprogramme, und er kommt regelmäßig hierher, um junge Talente zu sichten.

"Künstler sind halt auf der ganzen Welt zu suchen und wir haben hier durch die Staatliche Artistenschule, natürlich die gute Möglichkeit, dass hier in Deutschland jetzt auch sehr gute Sachen entstehen und die Akzeptanz haben in der ganzen Welt."

Schon während der Ausbildung können die angehenden Artisten bei ihm auftreten. So oft wie möglich praktische Erfahrungen sammeln, darauf wird an dieser Schule sehr viel Wert gelegt.

Eben hat eine Schülerin der zwölften Klasse ihre akrobatische Nummer vorgeführt. Das Requisit: Ein überdimensionaler Holzstuhl, der wie ein Trapez in luftiger Höhe hängt. Harry Owens diskutiert mit ihr, wie man das Ganze in einer Bühnenshow umsetzen kann.

Arbeit und Anstrengung

Die Trainingshalle ist allerdings keine Bühne: Noch sieht man die Arbeit und Anstrengung, die hinter den Kunststücken stecken. Bei einer Aufführung darf davon nichts mehr zu spüren sein.

"Jede künstlerische Darbietung, egal, wie schwer sie ist, muss wie eine Leichtigkeit zum Publikum kommen. Der Künstler, der darf nicht schwitzen, der darf nicht: Ach, ist das schwer. Das ist das Schwere eigentlich an jeder Sache: Eine Nummer einzuüben, das ist okay, aber es muss Leichtigkeit das Ziel sein, es muss wie aus einer anderen Welt sein. Das ist das Schöne."

Mit Kritik hält sich der Salomé-Direktor in dieser Phase zurück.

"Weil jeder Anfang muss gemacht werden und jeder Schritt muss überlegt werden und da kann man hier noch nicht kritisieren. Wenn was fertig ist, dann kann man sagen: Okay ... dann übt man Kritik, aber jetzt muss man motivieren. Das ist der Zeitraum der Motivation, sonst geben sie auf - auf halben Wege."

Einer, der mit dafür sorgt, dass die Schüler nicht aufgeben auf halben Wege, ist Ronald Wendorf, der künstlerische Leiter. Er hat die Artistenschule einst selbst besucht. Auf dem Flur, der zur Halle führt, hängen die Fotos aller Absolventen. Eine lange Reihe: Die Schule wurde schon 1956 in Ostberlin gegründet. Damals dauerte die Ausbildung vier Jahre und eine Anstellung beim Staatszirkus der DDR war den Absolventen garantiert. Von einer derart sicheren beruflichen Perspektive können junge Artisten heute nur träumen.

Vor einem Bilderrahmen bleibt Wendorf stehen. "Absolventen 1982" steht da. Die "Flying Briggs". Seine Truppe. Wendorf war Flieger in einem "Manegen- Flug-Akt" - so hieß das damals.

"Man sieht einfach mal, was wir gemacht haben, das heißt, die Fangstühle- das nannte man auch Fangstühle - waren 5,50 Meter hoch und 5 Meter auseinander und ja, dann sind wir halt geflogen. Hier sieht man gerade eine Passage, so nennt man das: Einer oben drüber, einer unten durch. Ja, es war auch ehrlich gesagt ne ziemlich gefährliche Sache, weil wenn die Leute hier unten gepennt haben, dann ist man einfach auf die Erde geknallt, dann lag man einfach auf der Erde."

Zeiten haben sich eben geändert

Etwas Ernsthaftes sei aber nie passiert, versichert der ehemalige Flugakrobat. Das Ende der DDR kann man an dieser Absolventen-Galerie deutlich erkennen: Aus Schwarzweiß-Bildern werden ab 1990 Farbfotos, statt großer Gruppen in der Manege sind jetzt vor allem Solokünstler zu sehen, ab und zu auch mal ein Duo oder Trio. Gruppen mit vielen Artisten sind teuer und werden viel seltener engagiert. Also hat man sich nach der Wende dem Markt angepasst und bildet vor allem Solisten aus. Die Zeiten haben sich eben geändert. Heute will auch kaum einer mehr zum Zirkus. Nachwuchsakrobaten schwärmen jetzt vom Varieté - der Salto Mortale hat ausgedient. Ronald Wendorf findet, dass die Sache mit dem Nervenkitzel auch nicht mehr ganz zeitgemäß ist.

"Das hat sich ein bisschen geändert finde ich. Es gibt immer noch diesen Sensationszirkus, aber eigentlich will das Publikum, und auch die Veranstalter gehen eher dahin, lieber eine romantische oder eine ästhetische Sache, aber doch sicher, die die die Leute genießen können, als diesen Kitzel. Braucht man nicht mehr. Gibt es sicherlich noch und manchmal hat es sicherlich auch seine Berechtigung, ich will es gar nicht sagen, aber es geht mehr um Sicherheit und genießen und in gucken und staunen."

Der Gang mit den Absolventen-Fotos führt vorbei an einem Ballettsaal und dann hinaus auf einen gepflegten Campus mit Rasenflächen, Bäumen und einem Fußballplatz.

Pünktlichkeit wird erwartet

Es ist große Pause. In anderen Schulen wäre der Hof jetzt voller lärmender Kinder. Hier aber ist weit und breit niemand zu sehen. Die Kinder müssen nicht raus, Bewegung haben sie auch so genug. Auch eine Schulglocke, die das Ende und den Beginn einer Stunde einläutet, gibt es übrigens nicht. Pünktlichkeit wird trotzdem erwartet.

Emilie und ihre Freundinnen aus der sechsten Klasse kommen gerade vom Mittagessen aus der Kantine. Übermütig lässt die Elfjährige ihre Tasche auf den Boden fallen und macht einen Handstand. Dass Emilie hier ist, verdankt sie einer glücklichen Fügung und ihrem Bewegungsdrang:

"Meine Nachbarin und mein Nachbar gehen auch beide auf die Schule hier - bloß im Ballettbereich. Und dann waren wir mal hier zum Tag der offenen Tür und haben uns auch mal Artistik angeguckt und mein Vater hat gesagt, das wäre was für mich, weil ich sehr gerne turne und sehr gerne Sport mache und deswegen bin ich jetzt hier."

Später möchte Emilie einmal am chinesischen Mast turnen. Ein großes Ziel, denn die sechs Meter hohe vertikale Stange gilt als eine der härtesten artistischen Herausforderungen. Jetzt aber geht es erst einmal zum Ballettunterricht und den kann das quirlige Mädchen überhaupt nicht leiden.

"Stange ... alles so langsam ... wir mögen lieber Action"

Inzwischen ist es halb drei geworden und man merkt den Kindern an, dass sie einige Schulstunden hinter sich haben. Der Ballettlehrer muss sie immer wieder zur Ordnung rufen. Ganz offensichtlich ist das Training an der Ballettstange aber auch einfach nicht ihre Sache. Und doch wissen auch sie schon: Haltung und Anmut, das braucht man für eine gute Bühnenpräsenz.

Ein langer Tag für Sechstklässler

Nachdem Ballett stehen noch zwei Stunden Naturwissenschaft auf dem Unterrichtsplan. Schluss ist heute um zehn vor fünf. Ein langer Tag für Sechstklässler. Nicht alle werden das harte Pensum bis zum Ende der Ausbildung durchhalten.

Die selbstbewusste Emilie zum Beispiel, die am chinesischen Mast hoch hinaus wollte, hat kurz nach meinem Besuch in der Artistenschule aufgeben. Die Anforderungen waren wohl doch zu hoch für die Elfjährige. Die Entscheidung haben schließlich die Eltern getroffen, vorausgegangen waren aber Gespräche mit dem Lehrer. Von einem Scheitern will Ronald Wendorf aber in Fällen wie diesen dennoch nicht sprechen.

"Hier werden sie ihre Grenzen erfahren, lernen und damit umgehen und begleitet, ihre Konsequenzen daraus ziehen, entweder das überwinden oder tatsächlich noch einmal einen anderen Weg einschlagen."

Ganze neun Jahre dauert die Ausbildung, jedenfalls für die, die bis zum Schluss durchhalten. Wer das Zeug dazu hat, kann hier auch das Abitur machen - mit dem Fach Artistik als Leistungskurs.

Einige Tage später. Biologie-Grundkurs der elften Klasse.

Mit im Kurs sitzen auch einige Ballettschülerinnen, deutlich erkennbar an ihren klassischen Haarknoten und ihrer aufrechten Körperhaltung. Die Artisten teilen sich Räume und Personal mit der Staatlichen Ballettschule Berlin. Die Ausstattung für die insgesamt fast 300 Schüler ist komfortabel: Neben der großen Trainingshalle, gibt es zehn Ballettsäle, einen Kostümfundus mit Schneiderei, ärztliche Betreuung und Ernährungsberatung sowie ein Internat für Schüler von außerhalb. Der Gebäudekomplex im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist modern und hell - gestaltet vom renommierten Architekten Christoph Langhof.

Der Unterricht zieht sich an diesem Morgen etwas zäh, geduldig versucht die Lehrerin Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Kathleen Köcher weiß aber um die besondere Situation der Jugendlichen:

"Die Schüler sind schon sehr zielstrebig und motiviert. Es ist hier im Unterricht sehr leise und sie arbeiten gut mit. Es ist allerdings auch schwierig sie jetzt für tiefer greifende Inhalte zu begeistern, man merkt schon, dass das nicht das oberste Ziel ist, und man muss sich mit der Unterrichtsplanung auch entsprechend darauf einstellen. Deswegen sind viele Aufgaben dann für die Schüler von mir auch freiwillig, weil ich weiß, dass sie einfach sehr lange Trainingszeiten haben und die Zeit am Tag natürlich auch begrenzt ist."

Geschenkt wird den Schülern - bei allem Verständnis für ihre Doppelbelastung - das Abitur auch hier nicht.

"Das ist ja jetzt hier die E-Phase, das heißt, die Noten, die sie dieses Jahr bekommen, zählen noch nicht fürs Abitur, aber sie werden darauf vorbereitet, und die Schüler haben ja auch prinzipiell die Möglichkeit, hier nur die Berufsfachschule zu machen, wenn Ihnen das fachlich zu schwierig oder zu viel Druck ist. Aber wer in die gymnasiale Oberstufe geht, der muss auch entsprechend was leisten."

Aber egal, ob die Schüler die Berufsfachschule oder die gymnasiale Oberstufe besuchen, mit erfolgreicher Beendigung der 13. Klasse haben alle einen Abschluss als staatlich geprüfter Artist in der Tasche. Sie haben dann zwei Ausbildungen in einem Alter gemacht, in dem andere Jugendliche gerade mal ihr Abi schaffen. Zeit hat hier offensichtlich niemand zu verlieren. Ronald Wendorf weiß aus eigener Erfahrung:

"Es ist ja in unserem Beruf relativ wichtig, dass man schon in jungen Jahren arbeiten kann und nicht erst nach der Schule anfängt, lange, lange zu lernen und die besten Jahren, die man körperlich doch hat irgendwie mit Schule verbringt und nicht mit dem, was man gerne macht."

Die Schüler der jetzigen Elften sind übrigens die ersten, die mit ihrer Artistenausbildung schon in der fünften Klasse begonnen haben. Einige jedenfalls. Denn viele ihrer Klassenkameraden haben schon aufgegeben. Von 21 zu Beginn haben es nur ganze sechs bis hierher geschafft. Im Laufe der Jahre kamen einige Quereinsteiger dazu, sodass die Klasse jetzt aus zwölf Schülern besteht.

Einer dieser Seiteneinsteiger und erst seit ein paar Wochen mit dabei ist der 18-jährige Matthes Lorenz. Bei den Dehnübungen hat er noch etwas Mühe: Seine Beine gehen nicht so weit auseinander, sind nicht so gerade gestreckt wie bei seinen Mitschülern. Dabei hat der junge Kreuzberger jahrelang Sportakrobatik im Verein trainiert und bringt von zu Hause aus einiges mit.

"Ich komme ursprünglich aus dem Zirkus, meine Mutter hat in Potsdam den Zirkus Mondolino aufgebaut und bin halt von früh an darin aufgewachsen und meine Mom hat an der Schule fast absolviert, sie hat vorher abgebrochen. Ja, und so ist das für mich entstanden und sozusagen in die Wiege gelegt."

Sie breitet die Arme aus, als wolle sie fliegen

Die Liebe zur Kunst wurde auch Luna Schamal in die Wiege gelegt. Das schmale, hoch gewachsene Mädchen mit den halblangen, braunen Haaren stammt aus einer Familie von bekannten Keramik-Künstlern. Als Kind hat sie davon geträumt, mit Keramik zu jonglieren. Die Idee mit dieser ungewöhnlichen Jonglage hat sie inzwischen aufgeben, kreative Einfälle hat sie aber auch heute noch. Gerade hängt Luna fünf Meter über dem Hallenboden in einer Kombination aus langen Stoffbahnen und einem Seil. Sie breitet die Arme aus, als wolle sie los fliegen und lässt sich kopfüber nach unten fallen.

"So ein Requisit, was sich Luna ausgedacht hat, gibt es noch nicht so richtig. Das ist ein Moment, der wichtig ist für eine gute Show: Spektakuläre Sachen machen."

An diesem Tag aber will Luna das Kunststück nicht gelingen, sie bleibt einfach nicht mit den Kniekehlen im Tuch hängen. Wären da nicht die Sicherungsseile, sie würde auf den Boden prallen. Trainer Uwe Podwojski bleibt gelassen.

"Wir versuchen die Schüler so vorzubereiten, dass sie die Tricks, die sie ausführen, sicher sind. Also wenn Sachen unsicher sind, wird die Longe genommen und es wird so lange probiert, bis es sicher ist. Oder aber, wenn die Schülerin sagt, ich habe da ein bisschen Angst, dann macht man es nicht, das ist überhaupt kein Problem."

Luna ist eine der wenigen, die seit der fünften Klasse mit dabei ist. Auch sie wollte schon mal das Handtuch werfen.

"Also, ich bin in der 8. Klasse fast von der Schule gegangen. Ich hatte auch schon alles erledigt und alles war geklärt und ich war mir auch schon sicher, hatte eine neue Schule. Und habe dann zwei Tage vor der Prüfung gespürt, dass es ein Fehler wäre."

Mindestens einmal im Jahr muss der Artistennachwuchs nämlich einen Leistungstest absolvieren. Wer den nicht besteht, für den war es das, so sind die Regeln. Luna durfte die Prüfung damals noch machen, obwohl sie schon abtrainiert war. Und sie bestand - gerade noch so.

"Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich das wahrgenommen habe und nicht die Schule verlassen habe, weil, das ist was Besonderes hier."

Ideale Voraussetzungen für eine Luftakrobatin hat Andrea Matoussek. Die 16-jährige Schweizerin ist nur ein Meter 60 groß, zierlich und hat vor allem: viel Kraft. Und allein auf ihre Kraft ist sie angewiesen, wenn es bei einer Aufführung ganz oben am Trapez keine Longe mehr gibt.
Jetzt aber ist Trainingszeit. Also schnallt sich Andrea den Gurt um, an dem das Sicherungsseil angebracht ist und setzt sich auf die Trapezstange. Trainer Uwe Podwojski zieht sie ca. zwei Meter hoch. Das reicht für heute. Bei einem Auftritt würde das Trapez jetzt um einiges höher hängen.

"Ich würde sie gern in diesem Jahr nach Wiesbaden, zum Nachwuchsfestival schicken, aber diesen Trick, den üben wir heute zum ersten Mal, da müssen wir uns erst mal ranpirschen."
"Und dann schaffst sie das in ein paar Monaten, ohne Sicherung diese Übung zu machen?
"Ich hoffe, dass das nicht länger als eine Woche dauert. Wir können ja, wenn sie wollen ein paar Tricks aus ihrem normalen Programm zeigen .... so los, noch mal hoch mit Dir."

Und dann zeigt Andrea, was sie kann, geht in den Spagat und in den Handstand, es folgen ein paar beeindruckende Abfaller, also jene Elemente, bei denen sich ein Artist fallen lässt und dann zum Beispiel nur mit den Kniekehlen oder Fersen am Trapez hängen bleibt.

"So, das war jetzt ein Abfaller, den nennt man Babykiller, weil man auf den Bauch fällt, wenn man ihn falsch macht. Eine schöne Abfallertour und das tolle bei Andrea ist, finde ich immer, sie hat ne gute Mischung aus Abfallern, aus Eleganz und Kraftelementen. Gerade diese Kraftelemente sieht man bei Frauen eher selten in der Form in so einer Eleganz. Und Andrea hat noch drei Jahre Zeit."

In den vergangenen Jahren sind Andrea, Luna und ihre Mitschüler in allen artistischen Grundtechniken ausgebildet worden - in Jonglage, Seiltanz oder auch Äquilibristik - also Gleichgewichtsakrobatik. Irgendwann mussten sie dann eine Wahl treffen, für ein Spezialgebiet. Die Lehrer waren dabei nur beratend tätig. Artistik-Trainerin Jana Wendorf-Walter.

"Die dürfen das selber entscheiden, auch wenn sie eine Fehlentscheidung für sich tun. Wir sagen ihnen das natürlich, sie dürfen es trotzdem ausprobieren für sich. Das ist nicht mehr so wie früher. Früher wurde gesagt, du machst das und du bist dafür geeignet oder der Staatszirkus braucht das, dann bilden wir das aus. So ist das nicht mehr."

Ein Spezialgebiet haben die Elftklässler also schon, ein zweites soll jetzt noch dazu kommen. Damit haben sie später größere Chancen, ein Engagement zu finden, denn die internationale Konkurrenz ist groß.

Jahrzehntelang hält der Körper solche Belastung selten durch

Es ist ein harter Beruf, der auf sie wartet. Ein Beruf, in dem sie fast ausschließlich auf ihren Körper angewiesen sind. Mit ihm verdienen sie ihr Geld, er ist ihr Instrument, ihn treiben sie zur Perfektion. Abend für Abend muss er Höchstleistungen vollbringen. Jahre- oder gar jahrzehntelang hält der Körper eine solche Belastung aber selten durch. Dass weiß auch Luna.

"Mein Plan B ist eigentlich das Abi und dann Psychologie, aber ich glaube nicht, dass das klappt, aber in diese Richtung ... Ich würde gern weiter arbeiten mit Sport und Bewegung, vielleicht auch in die Tanzrichtung gehen. Aber ich weiß nicht, wie lange das laufen wird mit Artistik und suche mir da schon eine Alternative."

Bis zur Rente stehen Artisten also selten im Scheinwerferlicht. Macht das Abitur, sagt Trainer Uwe Podwojski deshalb seinen Schülern immer wieder, dann könnt ihr später noch etwas Neues anfangen. Er selbst hat immerhin 23 Jahre aktiv als Akrobat gearbeitet, hat sich die Welt angeschaut und bereut keine Minute. Heute gibt er seine Erfahrungen an die nächsten Generationen weiter und ist überzeugt.

"Man bereitet die Schüler auf einen Beruf vor, der sehr, sehr schön ist. Und wenn wir sie gut vorbereiten, dann haben sie auch ein sehr gutes Berufsleben. Das ist wie in allen Berufen. Wenn man gut ist, bekommt man die guten Jobs und darauf versuchen wir die Schüler vorzubereiten."

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