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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.10.2016

Artenschutz Kröten-Klau im großen Stil

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Eine Aga-Kröte sitzt auf dem Waldboden. (imago / blickwinkel)
Die Bestände vieler Amphibien- und Reptilienarten sind akut gefährdet. (imago / blickwinkel)

Die Weltartenschutzkonferenz CITES in Südafrika hat erhöhten Schutz für zahlreiche Tierarten angemeldet. Das sei gerade für Amphibien und Reptilien wichtig, sagt Sandra Altherr von Pro Wildlife. Denn sie würden im großen Stil für den europäischen Heimtiermarkt eingesammelt.

Elefanten, Graupapageien, Berberaffen und zahlreiche weitere Arten genießen künftig erhöhten Schutz vor Tierhändlern und vor dem Verlust ihres Lebensraums - das hat die Artenschutzkonferenz CITES entschieden. Auch für dutzende Reptilienarten haben die Delegierten strengere Regeln beschlossen. Ein wichtiger Schritt, sagt Sandra Altherr von der Tierschutzorganisation Pro Wildlife, denn viele diese Arten seien akut gefährdet.

"Gerade Reptilien und Amphibien werden oft vergessen, weil sich kleiner sind, weil sie still sind und eben nicht so charismatisch", sagt Altherr im Deutschlandradio Kultur. Viele Arten stünden jedoch am Rande der Ausrottung, weil sie in Europa für den Heimtiermarkt eingesammelt "und zwar zum Teil in großen Mengen".

Für die meisten dieser Tiere gebe es überhaupt keine Beschränkungen, so Altherr. "Das heißt, es kann der Bestand in der Wildnis regelrecht geplündert werden, solange sie nicht bei CITES, also diesem Weltartenschutzabkommen geschützt sind." Für über 60 Arten habe man dies bei der Konferenz in Südafrika nun erreichen können.

Die EU braucht ein Artenschutzgesetz

Zufrieden sei sie mit dem Artenschutzabkommen trotzdem nicht, sagte die Tierschützerin. Es erfolge immer nur dann eine Reaktion, wenn sich eine Tierart quasi schon am Rand der Ausrottung befinde. Wünschenswert sei ein EU-Gesetz das alles, was in den Herkunftsländer illegal sei, etwa den Fang oder den Export einer Tierart, auch in Europa unter Strafe gestellt werde.

Altherr: "Solange diese Tiere nicht bei CITES geschützt sind, solange nutzt es ihnen nichts auf dem internationalen Markt, wenn sie in Costa Rica oder Malaysia geschützt sind."

Sobald die Tiere außer Landes geschafft seien, könnten Schmuggler sie weltweit verkaufen. "Und in der EU kann kein Artenschutz-Beamter da im Moment etwas dagegen tun - und dieses Gesetzeslücke wollen wir schließen."


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Welche Tiere müssen dringend geschützt werden, damit sie nicht aussterben? Bei dieser Frage denkt man schnell an die Großen – an Elefanten, an Nashörner, an Raubkatzen und ihre schönen Felle –, aber haben Sie auch schon mal an Kröten, Echsen und Frösche gedacht? Sollten Sie, denn gerade diese kleinen Kreaturen brauchen mehr Schutz, als man denkt. Im Blick hat das die Artenschutzorganisation Pro Wildlife, die neben vielen zurzeit in Johannesburg vertreten ist bei der Artenschutzkonferenz Cites, die heute zu Ende geht, und in Johannesburg sprechen wir jetzt mit Sandra Altherr von Pro Wildlife. Guten Morgen nach Südafrika!

Sandra Altherr: Guten Morgen!

Frenzel: Warum sollten wir uns gerade um diese kleinen Tiere Sorgen machen?

Altherr: Ja, gerade Reptilien und Amphibien, die werden oft vergessen, weil sie kleiner sind, weil sie still sind und eben auch nicht so charismatisch sind für viele Leute. Viele von diesen Arten stehen wirklich akut am Rand der Ausrottung, und zwar, weil sie hier in Europa für den Heimtiermarkt eingesammelt werden, und zwar zum Teil in großen Mengen.

Frenzel: Wie muss man sich das vorstellen? Die werden quasi importiert, und da gibt es keinerlei gesetzliche Einschränkungen.

Altherr: Für die meisten dieser Tiere gibt es überhaupt keine Beschränkungen. Das heißt, es kann der Bestand in der Wildnis regelrecht geplündert werden, solange sie nicht bei Cites, also bei diesem Welt-Artenschutzabkommen, geschützt sind. Und das konnten wir bei dieser Konferenz für über 60 Arten insgesamt erreichen.

Tierarten ohne CITES-Schutz haben oft schlechte Karten

Frenzel: Das heißt, Sie haben Fortschritte, aber sind noch nicht ganz zufrieden.

Altherr: Ja, wir sind deshalb nicht zufrieden, weil dieses Abkommen, wo wir hier vertreten sind, immer nur reagieren kann, wenn der Bestand quasi schon am Rand der Ausrottung ist. Was wir uns wünschen, ist, dass die EU ein Gesetz verabschiedet, die sagt, alles, was in den Ländern, wo diese Tiere herkommen, illegal war, zum Beispiel der Fang oder der Export, das muss auch in der EU strafbar sein, denn es ist ja lebende Hehlerware, über die wir hier reden.

Frenzel: Das heißt, ich verstehe Sie richtig, es gibt viele Länder, dort, wo diese Reptilien zu Hause sind von der Natur her, die eigentlich schon ein Verbot haben, damit zu handeln, allerdings bei den Empfängerländern, also zum Beispiel bei uns in Deutschland und anderen europäischen Ländern, gibt es keine Einschränkungen. Das heißt, die können dann hier gehandelt werden?

Altherr: Ja, solange diese Tiere nicht bei Cites geschützt sind, solange nutzt es ihnen nichts auf dem internationalen Markt, wenn Sie zum Beispiel in Costa Rica oder in Malaysia streng geschützt sind. Wenn diese Tierschmuggler – denn bei diesen Tieren muss man wirklich von Schmugglern reden – diese Tiere außer Landes geschafft haben, können sie die Tiere weltweit frei verkaufen und in der EU kann kein Artenschutzbeamter im Moment etwas dagegen tun. Und diese Gesetzeslücke wollen wir schließen.

Erfolge der Artenschutzkonferenz in Südafrika

Frenzel: Gut, das kann CITES nicht leisten, reden wir darüber, was es geleistet hat, das Artenschutzabkommen, die Konferenz, die jetzt eben heute in Johannesburg zu Ende geht. Was sind denn die großen Fortschritte?

Altherr: Ich denke, ein fulminanter Erfolg ist sicherlich, dass vier Haiarten und neun Rochenarten geschützt wurden. Das war mit so überwältigender Mehrheit, dass es da überhaupt keinen Zweifel mehr gab und in zweiter Instanz nur bestätigt werden konnte. Sehr umstritten bis in die allerletzte Minute war der Schutz von Graupapageien – für Wildentnahmen gilt künftig ein absolutes Handelsverbot weltweit. Das ist ein Riesenerfolg und das hat 15 Jahre gedauert. Für die Elefanten gab es auch einige Fortschritte. Es ist nicht ganz optimal gelaufen, aber wir konnten vieles erreichen. Zum Beispiel haben Namibia und Simbabwe eine Absage bekommen, dass sie mit Elfenbein handeln dürfen. Das sind schon wichtige Sachen.

Frenzel: Frau Altherr, was ich mich manchmal frage, es gibt ja diese Artenschutzbemühungen schon seit Jahrzehnten, und man müsste eigentlich den Eindruck haben, diese Liste sei doch schon längst vollständig der Tiere, die wir schützen müssen. Ist es richtig, der Eindruck, dass die Artenschutzkonventionen da eigentlich immer nur hinterherhinken?

Altherr: Ja, sie hinken nur hinterher, und oft werden Entscheidungen nicht getroffen, weil leider nicht nur Artenschützer auf dieser Konferenz sind, sondern knallharte Geschäftemacher. Wir haben dort Elfenbeinhändler, wir haben dort Besitzer von Nashörnern, also die so große Jagdfarmen besitzen, zum Beispiel in Südafrika, und natürlich versuchen, sich ihr Geschäft weiterhin offenzuhalten. Dann gibt es Tropenholzhändler, und diese Kräfte sind ja auch sehr, sehr stark. Das heißt, es ist ein regelrechtes Tauziehen um die bedrohten Arten.

Tauziehen mit Elfenbeinhändlern und Nashornfarmern

Frenzel: Wenn ich recht informiert bin, saßen Sie ja sogar zwischen diesen Gruppen, die Sie da beschrieben haben, nämlich zwischen Nashornfarmern und Großwildjägern. Die Positionen liegen ja wahrscheinlich relativ weit auseinander, aber haben Sie vielleicht doch irgendwie ich will jetzt nicht sagen Freundschaften geschlossen, aber zumindest mal Verbindung aufgebaut?

Altherr: Ja, man kann sich seine Nachbarn einfach nicht aussuchen, das ist auch hier auf der Konferenz so, weil das alphabetisch sortiert wird. Natürlich spricht man mit dem einen oder anderen von der Händlerseite, bei uns war das jetzt vor allen Dingen der Fall bei dem Exotenhandel. Natürlich stehen wir im Kontakt mit diesen Leuten, wir treffen sie ja auch in anderen Verhandlungen, aber in der Regel sind die Positionen so konträr, denn wir wollen Schutz, die andere Seite will Handel ohne Begrenzung, da kommt man schlecht auf einen gemeinsamen Nenner. Und deshalb ist auch diese Konferenz so wichtig, denn diese Konferenz ist die einzige Artenschutzkonferenz, die Entscheidungen trifft, die bindend sind. Und ja, viele andere Artenschutzkonferenzen sind einfach sehr zahnlos.

Frenzel: Sagt Sandra Altherr, Mitgründerin der Organisation Pro Wildlife, live aus Johannesburg, wo heute die Artenschutzkonferenz Cites zu Ende geht. Frau Altherr, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Altherr: Vielen Dank und Grüße nach Deutschland!

Frenzel: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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