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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.06.2017

"Arsen und Spitzenhäubchen" in Stuttgart Ein Klassiker, neu inszeniert

Rainer Zerbst im Gespräch mit Eckard Roelcke

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Arsen und Spitzenhäubchen Komödie von Joseph Kesselring 10. Juni 2017 Regie Jan Bosse Regie: Jan Bosse Bühne: Moritz Müller Kostüme: Kathrin Plath Musik: Arno Kraehahn Licht: Felix Dreyer Dramaturgie: Katrin Spira Auf dem Bild: Sebastian Röhrle (Teddy Brewster), Ferdinand Lehmann (O'Hara), Christian Schneeweiß (Jonathan Brewster), Manolo Bertling (Mortimer Brewster), Astrid Meyerfeldt (Dr. Einstein) Foto: Bettina Stöß Honorarfrei (Bettina Stöß)
Szene aus "Arsen und Spitzenhäubchen" in der Inszenierung Jan Bosse am Schauspiel Stuttgart (Bettina Stöß)

"Arsen und Spitzenhäubchen" ist ein Klassiker, heiter, aber doch recht harmlos. Jetzt bringt Regisseur Jan Bosse das Stück in Stuttgart auf die Bühne. Damit gibt es Boulevard am Staatstheater. Passt das?

Dreimal dreht sich die Bühne von Moritz Müller in dieser Inszenierung, mit gutem Grund. Vorn zeigt das Bühnenbild eine geordnete, bieder-brave Wohnzimmerwelt der beiden alten Damen Brewster, doch das alles ist nur Fassade, dahinter liegt das Chaos, natürlich das Chaos, das jedes Bühnenbild von hinten aufweist – Bretter, Stangen, Wandstützen -, aber auch Holzsärge und wallendem Nebel. Das ist die wahre Welt dieses Stückes, in dem zwei alte Damen ältere einsame Herren vergiften, um ihnen ein trübes Weiterleben zu ersparen, und in der deren Neffe zum Massenmörder mutierte. Wie seine Tanten hat auch er zwölf Menschen auf seinem Gewissen. Wahnsinn und bürgerliche Oberfläche wohnen dicht an dicht.

Beim dritten Mal aber will sich das Bühnenbild nicht mehr zur Einheit fügen, es stehen nur noch Versatzstücke im Raum – das ist der Zeitpunkt, an dem spätestens das Weltbild des zweiten Neffen, Mortimer, endgültig zerstört ist, muss er doch, wenn er die Tanten vor drm Zugriff des Gesetzes bewahren will, deren Tun kaschieren.

Ein Abend der komödiantischen Begabungen 

Ansonsten inszeniert Bosse das, was dieses Stück auch ist – eine Boulevardkomödie, deren Witz heute zusätzlich darin besteht, den Theaterbesucher ständig an den Filmklassiker zu diesem Stück zu erinnern. Bosse versucht, dem gegenzusteuern – durch Slapstick und durch verbale Gags (Wo war ich stehengeblieben? - Ach ja da drüben).

Es ist ein Abend der komödiantischen Begabungen, und an denen ist das Schauspiel Stuttgart reich. Michael Stiller, in Stuttgart meist in Nebenrollen eingesetzt, glänzt hier gleich in drei unterschiedlichen. Sebastian Röhrle gelingt eine Gratwanderung beim etwas debilen dritten Bruder, der sich für Präsident Roosevelt hält und doch irgendwie ahnt, dass er es möglicherweise doch nicht ist. Christian Schneeweiß verkörpert den Massenmörder in einer Mischung aus dumpfer Debilität und gefährlichem Aggressionswahn. Astrid Meyerfeldt verleiht dem gleichfalls nicht ganz normalen Chirurgen Dr. Einstein skurrilen Witz.

Mehr freilich sollte man nicht in die Inszenierung hineindeuten – und kann sich die Frage stellen, ob Boulevard am Staatstheater seinen Platz hat, es ist nach dem "Raub der Sabinerinnen" in dieser Spielzeit das zweite Beispiel in Stuttgart.

Alle Termine und Informationen auf der Website des Theaters.

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