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Studio 9 | Beitrag vom 02.03.2017

Armutsbericht"40 Prozent sind vom Wohlstand abgekoppelt"

Von Volker Finthammer

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Ein Obdachloser sitzt in Berlin an der Spree im Regierungsviertel und bittet um Unterstützung (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
Ein Obdachloser sitzt in Berlin an der Spree im Regierungsviertel und bittet um Unterstützung (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)

Es ist ein Paradox: Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Frühjahrsstand seit über zehn Jahren − und dennoch steigt die Armut in Deutschland weiter an. Warum ist das so?

Eigentlich müssten die gute Konjunktur und die steigenden Löhne und Gehälter zu einem Rückgang der Armut beitragen. Doch der heute vorgelegte Bericht der Wohlfahrtsverbände belegt: Die Armut in Deutschland steigt weiter.

"Da muss man allerdings ganz klar sehen, die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder, leider. Es ist ja ein zentraler Befund, der ja auch im Moment heiß diskutiert wird, dass bei allen Rekordergebnisse der Wirtschaft immer weniger Menschen an diesen Rekorden teilhaben. 40 Prozent in Deutschland sind von der Wohlstandsentwicklung mittlerweile abgekoppelt, haben daran keinen Anteil mehr und leben von der Hand in den Mund."

… sagt Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Aufgrund der guten Datenlage des Statistischen Bundesamtes konnte in dem aktuellen Bericht erstmals ein Zehnjahresvergleich durchgeführt werden.

Der Osten baut Armut ab, der Westen leidet

Danach konnte in allen ostdeutschen Bundesländern die Armut abgebaut werden. Aber nur in Hamburg und in Bayern bleib die Armutsquote konstant. In allen anderen Bundesländern stieg sie in der vergangenen Dekade weiter an. Von relativer Armut spricht man, wenn das Einkommen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens beträgt.

Für einen Einpersonenhaushalt heißt das in Deutschland im Jahr 2015: weniger als 942 Euro im Monat. Für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren weniger als 1884 Euro. Das gilt als die Grenze unter der die Teilhabe am normalen Leben ohne viele Extras kaum mehr möglich ist. Unter diesen Voraussetzungen ist die Armutsquote im Jahr 2015 erneut gestiegen und erreicht mit 15,7 Prozent der Bevölkerung einen neuen Höchststand.

"Die Armut in 2015 stieg über die Bundesländer betrachtet fast flächendeckend. Am stärksten in Berlin hier nämlich gleich von 20 auf 22,4 Prozent."

Allein in Berlin ist die Armutsquote in den vergangenen zehn Jahren um 14 Prozent gestiegen, was wohl auch daran liegt, dass Berlin mit knapp 20 Prozent die höchste Quote von Hartz-IV-Empfängern in Deutschland hat. Den mit Abstand stärksten Anstieg der Armutsquote im Zehnjahresvergleich gab es jedoch mit 21,5 Prozent in Nordrhein-Westfalen, auch wenn die aktuelle Armutsquote von 17,5 Prozent aktuell keinen weiteren Anstieg gegenüber dem Vorjahr ausweist.

Rentner sind der "völlige Ausreißer"

Zu den vom Armutsrisiko am stärksten betroffenen Gruppen zählen nach wie vor Erwerbslose und da vor allem Langzeitarbeitslose, gefolgt von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien, sowie Menschen mit geringer Qualifizierung:

"Im Zehnjahresvergleich fallen insbesondere jedoch die Rentnerinnen und Rentner ins Auge. Ihre Armutsquote stieg von 10,7 auf 15,9 Prozent, das ist ein Zuwachs von 49 Prozent ein völliger Ausreißer in der Armutsstatistik."

… betont Schneider. Die Wohlfahrtsverbände fordern deshalb eine Reform der Altersgrundsicherung und der Rente, um Altersarmut wirksam vorzubeugen. Zu den weiteren Forderungen gehört ein armutsfester Mindestlohn, Qualifizierungsprogramme für Arbeitslose und öffentliche Beschäftigungsangebote.

Mehr Geld sollte vor allem in die schulische Bildung investiert werden, um den benachteiligten Kindern eine Chance zu geben. Und nicht zuletzt sollte mehr für bezahlbaren Wohnraum getan werden.

Die Verbände begrüßen es deshalb auch, dass die Gerechtigkeitsdebatte offenbar in das Zentrum des Bundestagswahlkampfs rückt, was aber nicht allein dem neuen SPD Kandidaten zu verdanken sei:

"Unsere Beobachtung ist, dass seit den Wahlen in den USA in Deutschland sensibler und anders über Ungleichheit diskutiert wird."

Und das könnte bei diesem schwierigen und umstritten Thema hilfreich sein.

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