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Studio 9 | Beitrag vom 31.05.2016

Armut in DeutschlandJedes siebte Kind lebt von Hartz IV

Von Gudula Geuther

Ein junges Mädchen blickt am 24.01.2014 in Berlin aus einem Fenster. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)
Immer mehr Kinder in Deutschland sind auf Grundsicherung angewiesen. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)

Mehr als eineinhalb Millionen Unter-15-Jährige leben in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften. Das sind 30.000 mehr als noch vor einem Jahr. Eine mögliche Erklärung dafür sieht die Bundesagentur für Arbeit im Zuzug von kinderreichen Flüchtlingsfamilien.

Der Anteil der Kinder in Deutschland, die von Hartz IV leben, nimmt zu. Jedes siebte Kind war im vergangenen Jahr von Leistungen der Grundsicherung abhängig, darauf macht die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann aufmerksam. Sie studierte anlässlich des morgigen internationalen Kindertages die Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Und beklagt:

"Das ist nicht die Armut der Kinder, sondern es ist die Armut der Eltern. Und wir haben natürlich bei uns in Deutschland einen großen Niedriglohnsektor. Wir haben 1,3 Millionen Menschen, die aufstockende Leistungen bekommen. Sie sind in niedrigen Löhnen gefangen und das hat natürlich Auswirkungen auf die Kinder."

Nach den Aufstellungen lebten im vergangenen Jahr mehr als eineinhalb Millionen Unter-15-Jährige in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften, rund 30.000 mehr als im Vorjahr. Paul Ebsen schaut in der Bundesagentur für Arbeit auf diese Zahlen. Er allerdings relativiert sie. Von einem manifestierten Trend will er noch nicht sprechen. Vor allem sieht er eine ganz andere mögliche Erklärung für den Anstieg als die Politikerin der Linkspartei:

"Ein möglicher Erklärungsansatz wäre die Zuwanderung. Das heißt also, die Flüchtlinge, die zu uns kommen, die haben in der Regel auch mehr Kinder, die Familien. Und insofern sind dann auch mehr Kinder in Hartz IV untergebracht."

Mehr arme Kinder in Ostdeutschland

Dabei sind die regionalen Unterschiede ganz erheblich. Der Anteil – nach diesem Maßstab – armer Kinder ist in den ostdeutschen Bundesländern mit 20 Prozent deutlich höher als im Westen, dort sind es 13 Prozent. Allerdings auch hier mit großen Unterschieden: In Hamburg etwa ist jedes fünfte Kind arm. Negative Spitzenreiter sind Bremen und Berlin mit jeweils 31 Prozent, fast jedes dritte Kind lebt also von der sozialen Grundsicherung.

Der Trend allerdings ist im Osten positiver als im Westen: In allen ostdeutschen Bundesländern bis auf Berlin nahm nicht nur die Zahl der Kinder in Hartz-IV-Haushalten ab, um deutlich über vier Prozent etwa in Sachsen. Sondern es sank auch die Quote der Kinder, die arm sind. Am deutlichsten in Sachsen und Brandenburg. Das bedeutet: Die Verbesserung ist in den ostdeutschen Ländern nicht allein darauf zurückzuführen, dass Familien abwandern oder dass weniger Kinder geboren werden.

Die Linkspartei fordert effektivere Maßnahmen gegen Kinderarmut

Dagegen stieg in allen westdeutschen Bundesländern und in Berlin die Zahl und die Quote der armen Kinder an. Mit großem Abstand führt hier Bremen. Hier erhöhte sich der Anteil von unter 15-jährigen in Hartz-IV-Familien um mehr als zwei Prozentpunkte. Aber auch im Saarland, in Nordrhein-Westfalen und in Hamburg ist die Entwicklung deutlich negativ. Auch in Bayern verschlechtert sich die Quote zwar geringfügig. Mit – vergleichsweise - "nur" sechseinhalb Prozent armer Kinder steht das Land aber deutlich besser da als alle anderen. Am zweitbesten sieht es in Baden-Württemberg aus, auch hier mit leicht sinkender Tendenz. Die Linkenpolitikerin Sabine Zimmermann sieht die Bundesregierung gefordert:

"Man hat ja versucht von Seiten der Bundesregierung, den Kindern etwas mehr zukommen zu lassen, indem man ein Bildungs- und Teilhabe-Paket entwickelt hat. Aber dieses Paket ist ja nur ein Bürokratiemonster, und im Endeffekt bekommen die Kinder vielleicht zehn Euro für den Sportverein raus. Und das ist natürlich nicht eine Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland."

Der Arbeitsmarktexperte Paul Ebsen dagegen sieht auch durch die regionalen Unterschiede eher seine These bestätigt, dass die steigenden Zahlen mit dem Zuzug der Flüchtlinge zu tun haben. Immerhin zögen mehr von ihnen in den Westen als in den Osten, gerade auch nach Berlin und Bremen. Dafür spreche auch, dass in den Jahren zuvor kein klarer Trend hin zu immer mehr armen Kindern erkennbar gewesen sei. Verlässlichere Aussagen lassen sich seiner Ansicht nach Ende des Jahres treffen.

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