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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.03.2017

Armut in BerlinOhne Frühstück in die Schule

Von Milena Bialas und Bahareh Ebrahimi

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Im Speisesaal der Kinder- und Jugendeinrichtung "Arche" isst ein Kind in Berlin-Hellersdorf eine warme Mahlzeit. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Im Speisesaal der Kinder- und Jugendeinrichtung "Arche" isst ein Kind in Berlin-Hellersdorf eine warme Mahlzeit. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Im Arche-Haus im Berliner Ortsteil Friedrichshain werden täglich 80 bis 90 Kinder betreut. Das Mittagessen dort ist für viele Kinder die erste richtige Mahlzeit am Tag. Doch wichtiger als das Essen ist für die Kinder, dass sie Ansprechpartner haben und sich jemand um sie kümmert.

"Genau beim essen, da fängt die Abgrenzung an, weil man sieht den Kindern von heute die Armut im ersten Augenblick nicht an, die haben so scheinbar ordentliche Klamotten, aber eben an solchen Beispielen, wenn man das Mittagessen nicht teilt, da fängt es an. Es gibt eine sehr hohe Zahl an Kindern, die  ohne Frühstück in die Schule gehen. Die kommen schon mit leerem Magen in die Schule und sollen im Unterricht folgen, das ist überhaupt nicht möglich. Die werden dann aggressiv können sich nicht konzentrieren, stören den Unterricht ..." 

Seit 2005 arbeitet Paul Höltge bei der Arche, einer durch Spenden finanzierten Organisation, die für jeden offen ist. Es ist eine feste Anlaufstelle, man muss kein Hartz-IV-Empfänger sein: 

"Die Arche ist für alle Kinder da, egal aus welchen sozialen Schichten sie kommen, denn Kinderarmut bedeutet einfach nicht nur materielle Armut, zwar in den meisten Fällen, aber oft gibt es auch eine emotionale Armut, und die emotionale Armut kommt auch in besten Familien vor, wenn die Eltern sich nicht die Zeit nehmen, sich um die Kinder zu kümmern.

Deswegen sind solche Anlaufstellen wie die Arche für Kinder wichtig, dass sie Ansprechpartner haben ... Deswegen ist die Arche komplett kostenlos, damit sich kein Kind darüber Gedanken machen muss, jetzt die Eltern irgendwie fragen zu müssen, habt ihr ein bisschen Geld für mich."

Essen, Hausaufgaben machen, Freunde treffen

Im Arche-Haus im Berliner Ortsteil Friedrichshain werden täglich 80 bis 90 Kinder und Jugendliche betreut. Manche kommen nur zum Essen, manche nur, um ihre Hausaufgaben zu machen oder sich mit ihren Freunden zu treffen. Deutschlandweit betreut die Arche über 4000 Kinder, in Berlin gibt es sechs Standorte.

"Für viele Kinder ist das Mittagessen in der Arche die erste richtige Mahlzeit am Tag."
"In Hellersdorf ist ein Standort direkt in der Schule integriert, wo es extrem viele verhaltensauffällige Kinder gab und gibt, die ohne Frühstück zur Schule gegangen sind, bis zu 60 Prozent waren das dort, deswegen haben wir an dieser Schule erst einmal mit einer Frühstückversorgung angefangen."

"Was ist dein Lieblingsessen?"
"Lasagne! Ja!"

Regeln müssen respektiert werden

Can Yener arbeitet seit 2006 als Pädagoge und Erzieher bei der Arche. Die Beziehung, die er zu den Kindern hat, ist wie eine Freundschaft – aber Can und die anderen Mitarbeiter haben das Sagen. Die Regeln sollen respektiert werden - trotzdem wissen die Kinder, dass die Betreuer immer für sie da sind.

"Wir können heute sagen: Das war nicht cool, du kriegst die gelbe Karte, weil du hast den einen gehauen, du musst mal für einen Tag nach Hause gehen, dass müssen sie dann auch akzeptieren, aber am nächsten Tag kann man darüber reden und dann ist auch alles wieder gut. Ist halt so mit der Freundschaft."

"Kartoffeln auch?"
"Na ja. Ein paar."
"So?"
"Ja. Bitteschön." 

"Die Beziehung mit den Kindern und Jugendlichen sozusagen ist der Mittelpunkt dieser Arbeit, so schaffen wir eine Basis, also eine Vertrauungsbasis, wo wir mit den Kindern von da aus arbeiten können. Die Mitarbeiter arbeiten für sämtliche Hilfeleistungen, wir helfen bei den Hausaufgaben, geben Nachhilfe."

Die Kinder begeistern sich auch für die verschiedenen Angebote, die sie hier nach der Schule wahrnehmen können, wie zum Beispiel im Toberaum zu spielen, Musik zu machen oder an den wöchentlichen Partys teilzunehmen. Manche haben sogar mehr Freunde in der Arche als in der Schule.

"Ganz viele hier, mehr als in der Schule ..."
"Ja, in der Schule habe ich nur zwei, aber hier fünf oder so ..."
"In der Küche macht immer Annett die Vorbereitungen, immer wenn ich aus der Schule komme, sehe ich sie aus dem Fenster, wie sie immer Obst schneidet ... und die Kinder lieben das Essen, weil es ein Kindergericht ist. Wir backen hier immer Plätzchen und Kuchen und wir dürfen mal da rein gehen und mithelfen."

Weniger als 841 Euro: Das ist arm

Wer weniger als 841 Euro im Monat verdient, gilt als arm. Das ist für jeden siebten Berliner der Fall. Und in diesen Haushalten leben eben auch Kinder. Laut einer Statistik aus dem Jahr 2015 lebte fast jedes dritte Kind in Berlin in einer Familie, die Hartz IV bezog. In der Arche werden zwar die Kinder betreut, aber was zuhause passiert, wissen die Mitarbeiter oft nicht. Doch manchmal eröffnen sich traurige Einblicke. 

"Den Kindern und Familien sieht man die Armut nicht gleich an, aber gerade unsere Pädagogen arbeiten direkt in die Familien hinein, wir machen auch Hausbesuche, wir gehen auch mit Lebensmittel-Tüten zu Hause vorbei, um einfach zu schauen, wie geht es den Kindern dort. Und was sich da für Missstände manchmal auftun, was für Zustände, in denen die Wohnungen sind, da kriegt man einen ganz großen Schock. Auch wenn man mal von einem Kind gefragt wird, willst du mein Papa sein, da bekommt man zu spüren, was alles nicht stimmt. Letztendlich sind es die Kinder, die da alle hingelassen werden, die Eltern sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, aber wir müssen halt für die Kinder da sein."

Auch wenn es traurige Erlebnisse gibt – Die Kinder und ihre Betreuer in der Arche erleben viele schöne Momente.

"Die schönen Momente sind da natürlich, dann zu sehen und zu beobachten, wie die in der Arche bei uns aufblühen, auch die kleinen Dinge wertschätzen, zu wissen, hier können sie Kind sein."

Leben am Rand: Kinderarmut in Deutschland

Fast zwei Millionen Kinder leben in Armut oder in sozial gefährdeten Verhältnissen. Bundesweit wächst jedes siebte Kind in einer Familie auf, die Harz IV bezieht, in Ostdeutschland sogar jedes fünfte. Dabei trifft Armut gerade Kinder besonders hart. Denn wer aus einkommensschwachen Familien kommt, ist einer vergleichsweise höheren Gefahr ausgesetzt, sozial isolierter aufzuwachsen, gesundheitliche Nachteile zu erfahren und hat häufiger mit Problemen auf dem eigenen Bildungsweg zu kämpfen.

Die Sendung entstand im Rahmen einer Kooperation mit den Studentinnen des Masterstudiengangs Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin: Anne Heigel, Milena Bialas, Bahareh Ebrahimi, Morgane Llanque, Josephine Günther, Madeline Dangmann und Nina Raddy.

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