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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.11.2017

ARD-Tatort von Anne Zohra Berrached"Ich wollte starke Emotionen sehen"

Moderation: Ute Welty

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Schauspieler des ARD-Tatorts "Der Fall Holdt": Kerstin Ramcke, Christian Granderath, Maria Furtwängler, Susanne Bormann und Regisseurin Anne Zohra Berrached (imago/Future Image)
Schauspieler des ARD-Tatorts "Der Fall Holdt": Kerstin Ramcke, Christian Granderath, Maria Furtwängler, Susanne Bormann und Regisseurin Anne Zohra Berrached (imago/Future Image)

Der aktuelle ARD-Tatort bezieht sich auf einen realen deutschen Mordfall: Den Fall Bögerl. Regisseurin Anne Zohra Berrached betont, wie wichtig ihr beim Dreh eigene Haltung und Fantasie waren. Ein Tatort ohne eigene Handschrift habe keine Seele.

Ute Welty: Neuer Sonntag, neuer "Tatort". Gerade erst hat uns "Fürchte dich!" in die Welt der Geister entführt, da geht es jetzt mehr um die Realität, denn der "Fall Holdt" lehnt sich an an die wahre Geschichte des Falls Bögerl.

2010 wurde die Ehefrau des damaligen Sparkassenchefs in Heidenheim entführt und ermordet. Nach Monaten wird die Leiche von Maria Bögerl von einem Spaziergänger am Waldrand von Heidenheim gefunden. Der oder die Täter werden in der Realität nie ermittelt.

Regie beim "Tatort" morgen hat Anne Zohra Berrached geführt. Für ihren Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg ist sie mehrfach ausgezeichnet worden - unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis -, derzeit läuft "24 Wochen" im Kino. Guten Morgen, Frau Berrached!

Anne Zohra Berrached: Guten Morgen!

Welty: Wenn man sich so an der Wirklichkeit orientiert mit einem Spielfilm, mit einer Fiktion, wie geht man dann mit diesen verschiedenen Details aus der Wirklichkeit um, um es eben in diesem Spielfilm aufgehen zu lassen?

Regisseurin Anne Zohra Berrached bei der Berlinale 2016. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Regisseurin Anne Zohra Berrached bei der Berlinale 2016. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Berrached: Wir haben uns bei dem "Tatort" an verschiedenen Fällen, verschiedenen realen Fällen entlanggehangelt, beziehungsweise der Autor, der Jan Braren war das. Und der Fall Bögerl ist nur ein Fall, den wir da uns genau angeguckt haben, und daraufhin hat er das Drehbuch geschrieben. Ich habe ja schon ein paar Mal Filme gemacht, wo so ein realer Bezug da ist, und das ist ein bisschen ein anderes Arbeiten, aber es ist was Wunderschönes, weil die Realität meistens doch die schönsten Geschichten schreibt.

Welty: Inwieweit ist das ein anderes Arbeiten für eine Regisseurin?

Berrached: Auf der einen Seite ist es so, dass man sich natürlich Dinge nehmen kann aus der Realität. Auf der anderen Seite versuche ich immer, natürlich auch mein eigenes Ding daraus, also meinen eigenen Film zu machen und meine eigene Sicht der Dinge. Ich möchte ja keine Kopie machen, sonst können wir auch einen Dokumentarfilm machen, sondern wir machen einen Spielfilm, einen szenischen Film. Das muss irgendwie auch, meine eigene Haltung muss da drin sein und meine eigene Fantasie.

"Ich wollte vor allem starke Emotionen sehen"

Welty: Und was bedeutet das für die Schauspieler, also in diesem Fall für Maria Furtwängler und Aljoscha Stadelmann?

Berrached: In dem Fall, in dem "Tatort", den wir jetzt am Sonntag, in einem Tag, sehen, bedeutete das – was ich wollte oder mein Regiekonzept war eben hier, dass ich vor allem starke Emotionen sehen wollte bei den Schauspielern, und dass ich eigentlich keine Verfolgungsjagden oder Action-Szenen machen möchte, sondern dass ich wirklich, dass die Spannung aus den Emotionen der Schauspieler entstehen sollte. Ich wollte eben starkes Schauspiel haben.

Welty: Und wie bekommt man Schauspieler dazu, ein starkes Schauspiel abzuliefern?

Berrached: Ich bekomme die dazu, indem ich, glaube ich, ein bisschen penetrant bin. Ich höre halt einfach nicht auf, darüber zu sprechen oder das zu wollen, was ich eben haben will. Was ein Regisseur ja letztlich macht, ist, er guckt sich das an, was der Schauspieler anbietet, und versucht eine Hilfestellung zu geben und mehr dahin zu treiben, dass es real wird, dass es authentisch ist.

Meine Richtlinie ist ja, dass ich gucke, dass ich mir das angucke, was die machen, und dann beurteile: Ist das authentisch, glaube ich das, was die da tun? Und wenn ich es nicht glaube, sage ich es so lange, bis ich es glaube. So einfach ist es eigentlich.

Ich finde, dass Maria Furtwängler und Aljoscha Stadelmann ein so außergewöhnliches gegenteiliges Paar sind – die sind ja das absolute Gegenteil –, und dass die das wahnsinnig gut gemacht haben. Der "Tatort" wird ganz stark getragen von Marias sehr durchlässigem Schauspiel.

"Einfach den besten Film machen"

Welty: Im Vorfeld war viel darüber zu lesen, dass sich Maria Furtwängler als Kommissarin Charlotte Lindholm auch als Antiheldin positioniert. Wie sehr hat die Figur vielleicht damit gehadert, die ja zu den beliebtesten im "Tatort" zählt? Platz zwei nach den Kollegen in Münster …

Berrached: Das müssen Sie Maria Furtwängler selbst fragen. Darüber haben wir nie gesprochen.

Welty: Ehrlich nicht?

Berrached: Nein, natürlich nicht. Oder ich habe versucht, auch mir diesen Druck da rauszunehmen. Es ist ja tatsächlich einer der erfolgreichsten "Tatorte", und sie macht wirklich sehr große Einschaltquoten. Und das habe ich versucht, gar nicht so doll zu überlegen, weil das ist ja mein dritter langer Film, den ich hier gedreht habe. Ich bin jetzt keine sehr erfahrene Regisseurin, sondern es ist der dritte lange Film. Und ich habe versucht, eigentlich einfach den besten Film zu machen und das so gut wir möglich zu machen. Und das können Sie sich jetzt morgen angucken.

Welty: Dieser Ihr "Tatort" hat auch eine unfreiwillige Aktualität, es spielt die Debatte um sexuelle Übergriffe eine Rolle. Wie wichtig war und wie wichtig ist es Ihnen, dass eben der "Tatort" auch mit seinem Bezug zur Realität und zur Aktualität die Menschen vor dem Fernseher packt?

"Ich habe den Film als Frau gemacht, und da bin ich natürlich auch stolz drauf"

Berrached: Ja, das ist natürlich wahnsinnig wichtig. Und klar ist es auch so, darüber werde ich jetzt ganz oft gefragt, ich bin eine Frau, es gibt wenige weibliche Regisseurinnen insgesamt und natürlich beim Krimi vor allem. Es gibt da Studien drüber, Maria Furtwängler hat gerade eine große Studie gemacht, wo es wieder darum geht, wie viele Frauen tauchen auf im Film, also vor der Leinwand. Und natürlich ist es dahinter genauso, dass es eben ganz, ganz wenig Frauen gibt. Ja, ich habe den Film als Frau gemacht, und da bin ich natürlich auch stolz drauf.

Welty: Gibt es eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen dem, was Männer machen, mit dem, was jetzt Regie angeht, und dem, was Frauen machen?

Berrached: Das ist so eine schwierige Frage.

Welty: Deswegen stelle ich sie.

Berrached: Ich weiß. Ich habe fast das Gefühl, dass, wenn man diese Frage stellt, dass es schon ein bisschen dazu hintreibt, dass wir den Unterschied weiterhin sehen. Also ich glaube, dass natürlich jeder, der einen Film macht, den Film ein bisschen anders macht, egal, ob Frau oder Mann. Und ich glaube, dass wir unterschiedlichste Filme brauchen und dass diese Vielfalt an unterschiedlichen Filmen, dass das uns ausmacht und dass wir nicht jeden Sonntag das Gleiche wollen.

Und das muss ich sagen, das sehe ich manchmal bei den "Tatorten", dass ich doch denke, da gibt es ein paar dabei, die finde ich nicht gut. Und das liegt daran, dass der Regisseur oder die Regisseurin ihre Handschrift nicht da reinlegt, also ihre Seele da reinlegt. Und egal, ob Frau oder Mann, ich finde, es muss individuelle Filme geben. Und na klar kann ich nur diesen "Tatort" als Frau machen. Und der ist ein bisschen anders als der "Tatort", der letzte Woche oder vorletzte Woche kam.

Keine Furcht vor Twitter

Welty: Apropos letzte Woche, je außergewöhnlicher der "Tatort", umso intensiver die Diskussion. Wir haben es ja gerade vergangenen Sonntag wieder erlebt. Wie intensiv werden Sie morgen Abend beispielsweise Twitter verfolgen, wo ja auch immer eine erste Meinungsbildung stattfindet?

Berrached: Ehrlich gesagt, habe ich mich ein bisschen daran gewöhnt. Weil ich immer Filme mache, die sehr kontrovers diskutiert werden, die sehr polarisieren. Und ich mag es ein bisschen. Ich mag es auch, wenn jemand sagt, er mag das gar nicht, was ich da gemacht habe. Weil dann habe ich ja trotzdem was in ihm ausgelöst. Man kann eine Meinung haben. Das Schlimmste wäre für mich, wenn jemand zu mir sagt, ach, das war mir egal, der war so langweilig. Und das wird aber nicht passieren morgen Abend.

Welty: Anne Zohra Berrached im "Studio 9"-Gespräch. Sie hat Regie geführt beim morgigen "Tatort". "Der Fall Holt". Frau Berrached, ich bin morgen dabei. Haben Sie Dank!

Berrached: Super, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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