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Tonart | Beitrag vom 21.03.2019

Archivieren von MusikSpotify und Netflix sind keine wirklichen Lösungen

Jace Clayton im Gespräch mit Martin Böttcher

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Kopfhörer, dargestellt in dreidimensionalem Binärcode  (Ian Cuming / imago stock&people)
Kopfhörer-Visualisierung in Binärcode: "Die große Frage nach kulturellem Besitz." (Ian Cuming / imago stock&people)

In Berlin beschäftigt sich das "Find the File"-Festival mit der Archivierung von Musik. Der DJ Jace Clayton sagt, er wolle das nicht der Privatwirtschaft allein überlassen und plädiert für staatliche und Do-it-yourself-Archive.

Jace Clayton lebt als Künstler, Autor und DJ in Manhattan. Mit einem interdisziplinären Ansatz erkundet Clayton, wie Sound, Gedächtnis und öffentlicher Raum miteinander interagieren. Er denkt darüber nach, wie Musik gesammelt und verfügbar gemacht wird – an diesem Wochenende spricht er auf dem "Find the File"-Festival am Berliner Haus der Kulturen der Welt. Wie wird Musik heute gesammelt, erhalten, selektiert und reaktiviert? Darum unter anderem geht es auf dem Festival.

"Ich denke, es gibt die große Frage nach kulturellem Besitz", sagt Clayton im Deutschlandfunk Kultur. "Wem gehört was? Und wer hat das Recht zu besitzen? Wer hat das Recht veranstaltet und aufgeführt zu werden?" Ihn interessiere dabei vor allem: "Wessen Musik, wessen Kultur aus dem Archiv entfernt wird oder wessen Arbeit dort eingestellt wird."

Obwohl es technisch möglich wäre, werde es wohl nicht so weit kommen, dass alles archiviert werde, sagt Clayton: "Es gibt zu viele Daten und nicht genügend Zeit, sie durchzusehen. Wir stellen das schneller her als wir es verarbeiten können. Und gleichzeitig haben die Leute heute wegen des Aufkommens von Streaming-Diensten seltener Zugang und Hoheit über die Daten, die sie verwenden oder selbst herstellen."

Mehr Archive, weniger Hoheit über die Daten

Es entstünden immer mehr Archive, aber se seien firmengebunden, und werde es immer schwieriger für Individuen, die Hoheit über ihre Daten zu behalten. Streaming-Dienste wie Spotify und Netflix seien keine Archive in dem Sinne, dass sie Zugang, Forschung und Erhaltung ermöglichten beziehungsweise sicherten, sagt Clayton. 

Clayton bringt ein Beispiel: Einmal habe ihm Spotify geschrieben, dass er im Jahr 2018 einen Song am häufigsten gehört habe, aber er habe ihn gar nicht mehr hören können. "Als ich ihn hören wollte, war er entfernt worden, höchstwahrscheinlich wegen widerrechtlicher Sample-Nutzung. Und als ich Spotify kontaktiert habe, antworteten sie, sie können nicht sagen, warum er rausgenommen wurde – nur dass er nicht mehr da war." Das sei unheimlich, findet Clayton. "Besonders, weil es um Erinnerung geht und Formen von Ausdruck und Kultur und Formen von Geselligkeit, die mit Musik zusammenhängen – die angegriffen werden auf diese merkwürdige Weise. Es ist eigentlich ein vielversprechenden Angebot, aber im Grunde bleibt nicht viel für uns übrig."

Plädoyer für staatliche und Grasswurzel-Archive

Clayton plädiert für staatliche Archive einerseits und Grassroots-Archive andererseits, Regierungsarchive, die von Steuergeld finanziert werden und gemeinwohlorientiert sind, und gemeindebasierte Archive, Do-it-yourself-Archive. "Was jetzt der Standard ist, diese komischen halben Firmenarchive wie Spotify und Netflix – das ist keine wirkliche Lösung."

(mfu)

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