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Sein und Streit | Beitrag vom 28.07.2019

Archivgespräch mit Herbert MarcuseWie die freie Gesellschaft gelingen kann

Moderation: Ivo Frenzel und Willy Hochkeppel

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Deutsch-amerikanischer Philosoph und Soziologe, geistiger "Altvater" der linken deutschen Studentenbewegung der 60er Jahre. Aufgenommen am 1. September 1976. | Verwendung weltweit (picture alliance/ dpa/Wilhelm Bertram)
Vor 40 Jahren gestorben: Herbert Marcuse, "Hausphilosoph" der 1968er. (picture alliance/ dpa/Wilhelm Bertram)

Eine freie und sozialistische Gesellschaft ist möglich: Davon war der Philosoph Herbert Marcuse bis zu seinem Tod 1979 überzeugt. Früh erkannte er, dass es bei einer gesellschaftlichen Revolution nicht nur um materielle Werte geht.

Er war gewissermaßen der "Hausphilosoph" der 68er-Bewegung: Herbert Marcuse, Philosoph und Vertreter der Kritischen Theorie. Vor allem die radikale Kapitalismuskritik, die er in seinem Buch "Der eindimensionale Mensch" entwickelte, das 1967 auf Deutsch erschien, lasen damals viele Studierende mit geradezu religiöser Inbrunst.

Von der Überzeugung, dass eine bessere, freie Gesellschaft möglich sei, rückte Marcuse bis zu seinem Tod 1979 nicht ab. "Es gibt heute wahrscheinlich nichts, was nicht realisiert werden kann - vorausgesetzt, dass die Menschen ihre Gesellschaften vernünftig einrichten", sagte der Philosoph in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk 1976.

Darin verabschiedete er sich gleichzeitig von der klassischen marxistischen Vorstellung einer proletarischen Revolution: Denn in den hochentwickelten Industrieländern existiere das Proletariat nicht mehr als Proletariat im Marxschen Sinne. "Der Kapitalismus hat Lebensbedingungen geschaffen, die bei aller Ausbeutung und Enthumanisierung immerhin ein Lebensniveau für die Majorität der Bevölkerung erzielt haben, wie es sich Marx im 19. Jahrhundert noch nicht einmal vorstellen konnte", sagt Marcuse. Anstelle der Arbeiterklasse schreibt der Philosoph insofern auch gesellschaftlichen Randgruppen oder der Studenten- und Umweltbewegung die Kraft zur sozialen Veränderung zu.

Eine "transmaterielle" Revolution

Dadurch wandelt sich Marcuse zufolge auch das Ziel gesellschaftlicher Veränderungen: Zwar stehe die Deckung materieller Bedürfnisse weiterhin an erster Stelle, aber es gehe auch um Werte jenseits des Materiellen. "Das ist, was die neue Linke meint, wesentlich, wenn sie von der neuen Lebensqualität spricht." Bei einer Revolution sollte es also nicht nur darum gehen, die Produktivität zu steigern oder die Eigentumsverhältnisse zu verändern", erklärt Marcuse. Sondern genauso um Nicht-Materielles: "Nämlich die Entwicklung und Befriedigung dieser transmateriellen Bedürfnisse. Leben als Genuss, neue Sinnlichkeit, die Ausarbeitung einer neuen Moral jenseits der bürgerlichen Moral."

Der deutsch-amerikanische Philosoph und Soziologe, geistiger "Altvater" der linken deutschen Studentenbewegung der 60er Jahre, spricht während einer Kundgebung des Angela-Davis-Solidaritätskomitees am 3. Juni 1972 auf dem Frankfurter Opernplatz. | (picture-alliance / dpa / DB)Kapitalismuskritiker Marcuse bei einer Kundgebung im Juni 1972 auf dem Frankfurter Opernplatz. (picture-alliance / dpa / DB)

Ansätze zu einer solchen Bewegung sieht Marcuse in den 1968ern, obwohl er nie geglaubt habe, dass die Achtundsechziger eine Revolution bringen würden – einfach, weil dieser Bewegung die revolutionären Massen gefehlt hätten. Aber:

"Die Studenten, die Frauen, die unterdrückten nationalen und rassischen Minoritäten waren in diesem Sinn eine Avantgarde, im Sinn des Vorwegnehmens künftiger Möglichkeiten und Ziele radikaler Veränderungen."

Erst muss die globale Armut beseitigt werden

Letztlich sei eine freie Gesellschaft aber erst möglich, nachdem überall auf der Welt Armut und Elend abgeschafft worden seien. "Das heißt also, die wahre sozialistische Gesellschaft wird in ihrer ersten Phase sicher keine Gesellschaft ohne Arbeit sein", betont Marcuse. "Aber die Arbeit würde eben das bestimmt definierte Ziel haben, überall in der Welt Armut und Elend zu beseitigen. Und dann erst können wir diese neuen Qualitäten des Lebens uns vorstellen."

So etwas eine "Utopie" zu nennen, ist für Marcuse "Propaganda von der Seite des Bestehenden her", wie er sagt. "Ich glaube, dass noch nie jemand demonstrieren konnte, dass – nicht heute, weil Jahrzehnte der Veränderung dafür nötig sind – eine Gesellschaft, in der entfremdete Arbeit nicht mehr Lebensinhalt ist, in der Armut und Elend im Weltmaßstab abgeschafft sind, dass das eine Utopie ist."

Die Verantwortung des marxistischen Philosophen bestehe vor diesem Hintergrund gleichwohl darin, die Macht des Bestehenden und die Macht der Gewalt heute nicht zu unterschätzen. Und denen, die für die Veränderung der Gesellschaft arbeiten wollen, zu sagen: "Das Risiko, das ihr tragt, ist entsetzlich groß", so Marcuse. "Aber hier sind Wege, die vielleicht dazu führen werden, einen neuen Faschismus aufzuhalten oder vielleicht sogar zu vermeiden".

(uko)


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