Seit 20:03 Uhr Konzert

Mittwoch, 17.07.2019
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Tonart | Beitrag vom 04.06.2019

Archivfunde von Inge Brandenburg: "I Love Jazz"Vergessenes Talent der 60er wiederentdeckt

Marc Böttcher im Gespräch mit Carsten Beyer

Beitrag hören
Inge Brandenburg steht in einem blauen Kleid mit großen weißen Punkten in einem Garten mit blühenen Büschen. (picture alliance / dpa / marco Bodenstein)
Die deutsche Jazzsängerin und Schauspielerin Inge Brandenburg (picture alliance / dpa / marco Bodenstein)

"First Lady des Jazz", so wurde Inge Brandenburg gefeiert, bis man sie Richtung Schlager trimmte, was sie nicht akzeptierte. 20 Jahre nach ihrem Tod kommen unveröffentlichte Gesangsaufnahmen ans Licht, voller Liebe zum Jazz und Beweis ihres brillanten Könnens.

Die internationale Jazz-Szene feierte Inge Brandenburgs außergewöhnlich facettenreiche Stimme, die als Ausnahmeerscheinung galt. 

Geboren in Leipzig, aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen in Nazi-Deutschland, verlor sie ihre Eltern früh. In Heimen groß geworden, ging sie in die Westzone des besiegten Deutschlandes. Hier lernte sie, einen eigenen Weg zu finden und fand sich sehr schnell als gefeierte Sängerin der europäischen Jazzszene wieder.

Wende im Leben

Doch das deutsche Publikum der frühen 60er Jahre konnte mit dieser Musik nichts anfangen. Die Plattenfirmen versuchten, das Stimmwunder Richtung Schlager zu lancieren. Doch Inge Brandenburg weigert sich und verklagt das Label, das keine weiteren Jazztitel veröffentlichen wollte, obwohl der Vertrag dies scheinbar garantierte. Brandenburg verlor. Von Alkoholproblemen verfolgt, versuchte sie im hohen Alter nochmals einen Durchbruch, der aber nicht gelang. 

Den Archiven entrissen

Nun werden 18 Songs aus Archiven veröffentlicht, die eine Wiederentdeckung der Stimme von Inge Brandenburg möglich machen: Aufnahmen, die zwischen 1959 und 1971 entstanden sind, vorrangig aus den Bereichen Blues, Chanson und Jazz, aber auch Schlager und Musical. Ihr Biograph und Filmemacher Marc Böttcher hat das neue Album nach intensiver Recherche in vielen Institutionen zusammengestellt. 

Auf einer Studiobühne steht Inge Brandenburg und singt.  (picture alliance / United Archives / Siegfried Pilz)Inge Brandenburg zu Gast bei Musik aus Studio B, 1962 (picture alliance / United Archives / Siegfried Pilz)

Den ersten indirekten Kontakt zu Inge Brandenburg nahm Böttcher durch einen Nachlassfund auf. Ein junger Mann kontaktierte ihn aus München, er habe den Nachlass auf dem Trödelmarkt gefunden, ob das nicht etwas für ihn sei. Böttcher meinte, er solle den Umschlag mal zusenden. "Und dann kamen drei große Umzugskartons mit Tagebuchaufzeichnungen, Kleidern, Tonbändern. Und dann habe ich vier Jahre lang daran gesessen, um den Film zu realisieren", so Böttcher. "Sing! Inge, sing!" wurde 2011 zu einer intimen Biographie, die auch das Leiden der Sängerin stark zum Ausdruck bringt. 

Talent für gute Texte

Die Songs verraten, dass Inge Brandenburg nicht nur eine hervorragende Interpretin, sondern auch eine talentierte Textdichterin war. "Nachdem sie auch keine Plattenverträge mehr bekam und 'persona non grata' wurde, weil sie undiplomatisch immer den Mund zur unrechten Zeit aufgemacht hat und sich in dieser männerdominierten Welt nicht zurecht fand, - da hat sie angefangen, eigene Texte zu schreiben über ihr eigenes Leben, aber selbst singen, durfte sie diese nicht." So stammen die Songs "Riesenrad" oder "Morgen kann es schon zu spät sein" von ihr. Nur wenige Freunde ermutigten sie, diese doch selbst zu singen.

Verbitterung

Brandenburg hatte nie das Glück, so Böttcher, einen Mentor an ihrer Seite zu wissen. Sie habe keinen Förderer oder eine Band gehabt, die sie gestützt hätten. Freunde, die sie sich suchte, enttäuschten sie und gaben nie den Halt, den sie sich gewünscht hatte. Auch berufliche Freunde rieten ihr eher, doch die angebotenen Texte zu singen, die ihr viel zu banal erschienen - auch weil diese gar nichts mit ihrer eigenen Lebenserfahrung zu tun hatten. Nette Liedchen, die auch 17-Jährige hätten singen können, das lehnte sie rundweg ab. 

Neue Aufmerksam für die Sängerin

Marc Böttcher konnte mit seinem Film 2011 neue Aufmerksamkeit für die Sängerin erreichen. Produzenten würden nun auch sehen, dass sich hinter dem Namen eine interessante Geschichte verberge. Sein biographisches Buch und die nun erschiene CD stoßen auf Interesse. Gerade sei er dabei, ein Theaterstück zu schreiben, in dem Inge Brandenburg eine wichtige Rolle spielen wird. 

(cdr)

Inge Brandenburg
"I Love Jazz"
Unisono-Records

Mehr zum Thema

Sängerin Uschi Brüning - "Ich hatte immer die Freiheit zu tun, was ich will"
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 03.03.2017)

Jazz-Sängerin Dianne Reeves - Die Menschen glücklich machen
(Deutschlandfunk Kultur, In Concert, 21.01.2019)

Das Archiv für populäre Musik in Eisenach - 700 Quadratmeter Jazz-Geschichte
(Deutschlandfunk Kultur, Musikfeuilleton, 30.05.2019)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur