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Tonart | Beitrag vom 21.01.2020

Archive of Contemporary MusicDrei Millionen Platten suchen ein neues Zuhause

Von Andreas Robertz

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(Signierte) Platten im Archive of Contemporary Music (Deutschlandradio / Peter Mücke)
Das Gegenteil von Streaming: signierte Platten im Archive of Contemporary Music. (Deutschlandradio / Peter Mücke)

Über 400 Prozent Mietanstieg: Die Gentrifizierung New Yorks bedroht auch eine einzigartige Pop-Sammlung, das Archive of Contemporary Music. Es geht um drei Millionen Platten, 700.000 CDs und viele Raritäten wie das Album "Taxi Driver" - handsigniert von Robert de Niro.

Wird es in 40 Jahren noch Apple geben? Oder Microsoft? Marken leben mit ihren Produkten und jetzt schon kauft kaum noch ein Amerikaner für seinen privaten Gebrauch einen Computer. Wo sind Kodak, Xerox, IBM? Alles ist vergänglich, sagt Bob George und lacht dabei. Deswegen haben Leute Kinder, und er seine Platten.

"Das ist nicht pessimistisch. So haben sich Zivilisationen verändert. Jeder wird sein iPhone in die Toilette schmeißen, denn die Marke wird es nicht mehr geben. Deine ganze Musik wird verschwunden sein. Alles."

Neben dem Gründer Bob George hat das Archiv drei feste Mitarbeiter, die mehr als 250.000 gespendete Platten und CDs pro Jahr kategorisieren. Von Schellack über Kassetten, Tonbänder, CDs und Plattenalben ist hier alles zu finden, was moderne Musikgeschichte geschrieben hat, von Punk bis New Wave, von Weltmusik bis House, von Rock bis Disco:

"Als ich hier in den 70er-Jahren eingezogen bin, wollte hier keiner leben. Aber es war aufregend und billig. Es gab hier fünf Clubs in der Nachbarschaft. Die sind jetzt alle weg. Das Verhältnis zwischen Spaß und Geld verdienen war fast optimal."

In den letzten Jahren explodierten die Mieten

Seitdem hat sich hier viel verändert: Nach dem 11. September sanken die Mieten, dann kam Robert De Niro und sein TriBeCa Filmfestival und alles zog wieder an. 2012 begann dann ein massiver Ausverkauf mit einem Mietanstieg von über 400 Prozent.

Aber auf Robert de Niro will Bob George nichts kommen lassen. An der Wand hängt das Album von "Taxi Driver", von ihm unterschrieben.

Bob Marley, Jimi Hendricks, The Cure, Brian Jones' erstes Album, Cream, R.E.M., Police: Viele der signierten Platten sind Originale, die nirgendwo mehr zu finden sind. Mehr als 1800 handsignierte Kostbarkeiten gibt es hier.

Aber es geht nicht nur um die Musik, die Illustrationen der Alben sind mindestens genauso wichtig, erklärt Bob und zieht ein Album aus dem Jahr 1951 aus dem Regal, mit klassischer Ballettmusik und einer kitschigen Primaballerina auf dem Cover.

"Das würde man doch nicht kaufen, oder? Ich habe einen Dollar dafür bezahlt und wenn du es aufmachst, siehst du frühe Zeichnungen von Andy Warhol."

Stolz zeigt Bob George Laurie Andersons erste Single "Oh Superman", die er selber herausgegeben hat.

Sogar aus Stuttgart kamen Raumangebote

Das Archiv ist keine öffentliche Institution und man muss Bob anrufen, wenn man es nutzen will. Für regelmäßige Öffnungszeiten fehlt das Personal. Vor allem Filmemacher melden sich bei ihm, die Material für ihre Recherche brauchen, und Produktionsfirmen, die keine Kopie der ursprünglichen Platte mehr haben.

Seit die New York Times vor 14 Tagen über das Archiv und seine drohende Obdachlosigkeit berichtet hat, hat Bob mehr als einhundert Angebote für neue Räumlichkeiten bekommen, eines kam sogar aus Stuttgart:

"Die meisten Angebote kommen aus dem Norden des Staates New York, von kleinen Städten, die eine Attraktion suchen", sagt Bob. "Das wäre vielleicht möglich."

Aber er weiß nicht, ob er eine Attraktion sein möchte, mit all den Erwartungen und Services, die sein Archiv dann leisten müsste. Er versteht sich vielmehr als Konservator einer Musikkultur, die er durch das Streaming und Sharing gefährdet sieht:

"Was passiert mit den jungen Leuten und ihrer Musik? Du hörst sie in einem schlechten Format und in schlechter Qualität. Die Leute haben gelernt, das zu akzeptieren. Es ist normal. Man weiß nicht mehr, welche Version man gerade hört, von welchem Album, wo sie herkommt, den Kontext, in dem sie geschrieben wurde. Man grabscht sie einfach irgendwoher."

Doch Bob ist sich sicher, dass seine Platten länger bestehen werden als Spotify und die Cloud. In den nächsten Tagen wird er viel unterwegs sein. Er muss ein neues Zuhause für sein Archiv finden.

Mehr als 170.000 CDs aus dem New Yorker Archiv sind auch über die freie Online-Bibliothek https://archive.org/ einsehbar.
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