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Kompressor | Beitrag vom 27.05.2020

Archiv für Popkultur in ÄgyptenWo die Revolution lebendig wird

Eine deutsch-ägyptische Journalistin im Gespräch mit Massimo Maio

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Ramy Essam mit Gitarre am Mikrofon auf der Bühne (imago images / VIADATA)
Wurde mit Protestsongs auf dem Tahrir-Platz in Kairo berühmt: Ramy Essam. (imago images / VIADATA)

Die ägyptische Revolution von 2011 hat eine Blüte der Popkultur hervorgebracht. Eine Auswahl der Werke kann man sich in einem Online-Archiv ansehen und anhören. Die Arbeiten zeigen, wie eng Popkultur und Politik in Ägypten miteinander verknüpft sind.

Im Jahr 2011 demonstrierten Millionen von Ägypterinnen und Ägyptern gegen die Diktatur des Präsidenten Husni Mubaraks. Befreit haben sie sich dabei nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch. Die Proteste lösten kulturell eine Revolution aus, die bis heute nachwirkt – trotz der Repression.

Ein Team um die Forscherin Nicola Pratt von der Universität von Warwick hat jetzt ein Online-Archiv popkultureller Arbeiten zusammenstellt: "Politics, Popular Culture and the 2011 Egyptian Revolution" dokumentiert, wie eng Popkultur und Politik in Ägypten miteinander verbunden sind. Versammelt sind mehr als 200 Artefakte der visuellen Kunst, Performance, Fotografie, Graffiti, Musik und Filme, die während der ägyptischen Revolution und in der Folgezeit entstanden sind. Das digitale Archiv ist kostenlos zugänglich.

Die mobilisierende Kraft Musik

"Es ist bedeutsam, weil Popkultur ein Aspekt der Revolution war, der bis jetzt noch nicht ausreichend gewürdigt wurde", sagt eine deutsch-ägyptische Kulturjournalistin im Gespräch mit Kompressor.* Man spreche immer wieder über die Rolle der sozialen Medien, doch politische Botschaften seien auch über Graffiti und Musik verbreitet worden.

Ein berühmtes Beispiel ist Ramy Essam, dessen Lieder auf dem Tahrir-Platz von Tausenden Menschen gesungen wurden. Essam hat Slogans zu Liedern verarbeitet und wurde so berühmt.

"Beim Blick auf die Region ist vielen Leuten nicht klar, was für eine mobilisierende Kraft Musik hat, besonders in Ägypten, wo Musik auch in der Vergangenheit gegen jede Art von religiöser Engstirnigkeit Bestand gehabt hat."

Neue Sounds aus Armenvierteln

Vor der Revolution habe sich die Popmusik in kommerzieller Stagnation befunden. "Mit dem arabischen Frühling wurde die Popwelt auf den Kopf gestellt." Nicht alles sei explizit politisch gewesen, aber es gab einen definitiven Bruch mit der Musik davor.

Neu entstanden ist das Genre Mahraganat - ein "wilder Mix aus lokalen Rhythmen und Autotune Rap", entstanden in den ärmsten Vierteln Kairos. Die Texte handelten von Exzess und Rausch, bewegten sich hart an der Grenze des gesellschaftlich Akzeptierten. Das sei sehr subversiv.

Die politische Situation sehe derzeit "relativ düster aus", so die Journalistin. "Gleichzeitig ist trotzdem die Kultur der einzige Ort, wo die Revolution in Ägypten weiterlebt. Popkultur kann zwar nicht explizit Kritik üben, aber sie lässt sich auch nicht ganz kontrollieren. Und die Zensur übersieht auch immer wieder etwas."

*Wir nennen den Namen der Gesprächspartnerin nicht, um sie und ihre in Ägypten lebende Familie zu schützen. Aus demselben Grund haben wir das Audio des Gesprächs gelöscht.

Mehr zum Thema

Ägypten - Leben unter Überwachung und Repressionen
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 13.12.2019)

Ägypten - Zwischen Angst und Armut
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 4.10.2019)

Ägypten unter Al-Sisi - Leben unter der Armutsgrenze
(Deutschlandfunk, Eine Welt, 8.6.2019)

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