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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.06.2017

ArchitekturpsychologieBesser arbeiten in der Hängematte?

Riklef Rambow im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Mitarbeiter im Moskauer Büro des Internetdienstleisters Yandex liegt mit Laptop in einer orangefarbenen Hängematte. (imago)
Mit Laptop in der Hängematte: Im Moskauer Büro des Internetdienstleisters Yandex kann man auch im Liegen arbeiten. (imago)

Eine Gondel als Konferenzraum oder Arbeiten in der Hängematte: Firmen wie Google, Instagram oder Airbnb haben oft ungewöhnliche Bürokonzepte. Aber lässt sich in solchem Ambiente wirklich besser arbeiten? Das haben wir den Psychologen Riklef Rambow gefragt.

Das Büro als Lounge, als Nachbau eines englischen Herrenclubs oder als Palmenoase. Mit solchen Office-Konzepten setzen gerade Start-ups und Firmen der New Economy wie Google, Dropbox oder Microsoft Trends.

Ob man in derartigen Räumen wirklich besser arbeiten kann, lässt sich dem Architekturpsychologen Riklef Rambow zufolge allerdings (noch) nicht sagen.

Nur PR oder steckt mehr dahinter?

Man wisse wenig über die langfristige Wirkung dieser Bürokonzepte, sagte der Architekturpsychologe Riklf Rambow im Deutschlandfunk Kultur. "Erstens gibt es die noch nicht so lange, zweitens gibt es sie meistens in Firmen, die sich gar nicht beforschen lassen würden." Außerdem hätten diese Unternehmen ein "starkes Interesse" daran, zu vermitteln, dass sie ganz an der Spitze der Entwicklung seien.

Ein Raum Büro der Firma Google in Hamburg dem Kellinghusenbad nachempfunden. Die Büros von Google sind stets unterschiedlich nach Motiven des Standorts gestaltet. (imago)Ein Raum Büro der Firma Google in Hamburg ist dem Kellinghusenbad nachempfunden. Die Büros von Google sind stets unterschiedlich nach Motiven des Standorts gestaltet. (imago)

Grundsätzlich sei jedoch ein ästhetisch schöner Raum nicht automatisch besser zum Arbeiten geeignet. "Schöne Räume sind nicht immer auch Räume, in denen wir uns zum Beispiel ganzheitlich also in unserer ganzen Körperlichkeit auch langfristig wohlfühlen", so Rambow. "Stellen Sie sich vor, ganz einfach mit einem Beispiel eines Stuhles: Viele Stühle sind ästhetisch sehr attraktiv, wir mögen uns gern daraufsetzen, aber nach zehn Minuten bekommen wir eventuell Rückenschmerzen." Umgekehrt seien ergonomisch gut gestaltete Stühle "nicht unbedingt die, auf die wir intuitiv zusteuern".

Die Vorteile von Großraum- und Einzelbüro verbinden

Die alte Frage, ob Großraum- oder Einzelbüro, lässt sich Rambow zufolge nicht mit entweder-oder beantworten. "Das meiste, was heute eben an ambitionierterem Bürobau gemacht wird, das sind sozusagen Mischformen zwischen diesen beiden Extremen. Also sogenannte Kombibüros, oder Businessclubbüros", so der Geschäftsführer des Berliner Instituts für Architektur- und Umweltpsychologie. "Also ganz unterschiedliche Lösungen, wo versucht wird, die Vorteile von beiden Varianten, dem Einzelbüro und dem Großraumbüro, miteinander zu verbinden."

(picture alliance / dpa / Lisabel Ting)Besser arbeiten mit Haustier? Bürokatze Dora von 3DMatters in Science Park in Singapur bleibt auch über Nacht im Büro. (picture alliance / dpa / Lisabel Ting)

Letztlich müsse man bei der Entscheidung Großraum- oder Einzelbüro auch die konkrete Arbeitstätigkeit beachten. "Es gibt auch heute noch Tätigkeiten, die verlangen sehr viel Privatheit oder auch Vertraulichkeit und Konzentration, und da mag dann, also wenn solche Aufgaben einen Großteil des Tages einer Person ausmachen, dann das gute alte Einzelbüro auch nach wie vor absolut seine Berechtigung haben und die ideale Form für eine solche Tätigkeit sein."

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Architektur schafft Lebensqualität – das ist das Motto des heutigen Tags der Architektur, der genau genommen ein Wochenende der Architektur ist: Heute und morgen laden die Architektenkammern der Bundesländer ein, sich Objekte und Projekte anzuschauen. Eine Rundfahrt führt durch den nördlichen Landkreis von Karlsruhe oder in Chemnitz eröffnet die 3D-Micromag AG ihre Türen, und damit sind wir auch schon bei dem Schwerpunktthema von Riklef Rambow, der Geschäftsführer des Berliner Instituts für Architektur und Umweltpsychologie legt seinen Fokus vor allem auf die Wahrnehmung von Architektur und da vor allem auf die Wahrnehmung von Arbeitsräumen. Guten Morgen, Herr Rambow!

Riklef Rambow: Guten Morgen, Frau Welty!

"Die individuelle Wahrnehmung kann sehr unterschiedlich sein"

Welty: Gibt es so etwas wie ein Grundgerüst, an dem sich unsere Wahrnehmung entlanghangelt, an dem es sich orientiert, ob ein Gebäude, ein Büro für unsere Psyche gut oder schlecht ist?

Rambow: Also das kann man so einfach sicherlich nicht sagen, ein Grundgerüst der Wahrnehmung. Es gibt natürlich bestimmte Prinzipien, nach denen wir unsere Umwelt wahrnehmen, bestimmte Aspekte, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten. Die hängen aber jeweils viel mit der eigenen Geschichte zusammen, also sind sehr individuell, und in der Architekturpsychologie geht es dann natürlich darum, sozusagen in diesen vielen individuellen Wahrnehmungsweisen Konstanten aufzuspüren, die etwas darüber aussagen, wie die meisten von uns die Umwelt wahrnehmen, und das ist im Prinzip auch das Problem.

Also, die individuelle Wahrnehmung kann sehr, sehr unterschiedlich sein, aber Psychologie ist als Wissenschaft natürlich immer bestrebt zu abstrahieren und zu sehen, was uns auch verbindet, und da wird es dann manchmal etwas schwieriger. Und die Fra… ja, nee, das ist tatsächlich…

Kluft zwischen dem Schönen und dem Ergonomischen

Welty: Das dachte ich mir schon, aber inwieweit kann denn etwas gut für die Psyche sein und einem dann trotzdem nicht gefallen? Gibt es das?

Rambow: Also so rum gefragt, also gut für die Psyche sein, aber einem nicht gefallen … Ja, da würde ich sagen … Das ist eine ziemlich schwierige Frage. Ja, also ästhetisches Gefallen oder Sympathie auf den ersten Blick ist natürlich nicht immer ein Garant dafür, dass langfristig auch irgendetwas gut für uns ist.

Also, schöne Räume sind nicht immer auch Räume, in denen wir uns zum Beispiel ganzheitlich also in unserer ganzen Körperlichkeit auch langfristig wohlfühlen. Das fängt an, also stellen Sie sich vor, ganz einfach mit einem Beispiel eines Stuhles: Viele Stühle sind ästhetisch sehr attraktiv, wir mögen uns gern daraufsetzen, aber nach zehn Minuten bekommen wir eventuell Rückenschmerzen, oder umgedreht sind ergonomisch gut gestaltete Stühle nicht unbedingt die, auf die wir intuitiv zusteuern. Also das ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass Gefallen nicht immer schon eine Garantie dafür ist…

"Der Büromarkt ist extrem dynamisch"

Welty: Vor diesem Hintergrund, wie sieht denn dann die Zukunft der modernen Büroarchitektur aus? Die Beispiele sind ja sehr unterschiedlich. Da gibt es Gondeln als Meetingräume oder auch den Nachbau eines englischen Clubs in einer Firma.

Rambow: Also da sprechen Sie ein Thema an, der Büromarkt ist extrem dynamisch, und die Trends, die da vorherrschen und sich verbreiten im Augenblick und die vor allen Dingen auch über die Medien sozusagen jetzt in das Bewusstsein der Bevölkerung gebracht werden, sind extrem unterschiedlich, und es gibt einige, die Sie jetzt gerade schon angesprochen haben, also diese Gondeln und Hängematten, in denen man dann entspannen kann oder chillen kann, die mit Firmen wie Google verbunden sind und die sehr stark über die Medien popularisiert worden sind, die aber eigentlich im Augenblick in der Masse der Büroarbeitsräume eine fast zu vernachlässigende Größe sind.

Das ist für die Architekturpsychologie ein gar nicht so einfaches Thema, weil wir eigentlich über diese Art von Büroräumen in ihrer langfristigen Wirkung überhaupt nichts wissen, weil, erstens, gibt es die noch nicht so lange, zweitens gibt es sie meistens in Firmen, die sich gar nicht beforschen lassen würden und die ihrerseits ein starkes Interesse daran haben, sozusagen zu vermitteln, dass sie da ganz an der Spitze der Entwicklung ist, das heißt, also da bin ich fast auf dem gleichen Niveau wie Sie vom Kenntnisstand her.

Großraum- oder Einzelbüro?

Ich weiß, was so alles berichtet wird, ich kenne die schönen Bilder, und intuitiv – da haben Sie ja ganz am Anfang schon drauf hingewiesen – sind das natürlich Bilder, wo viele Leute zuerst mal denken, also das ist ja supertoll, so haben wir uns das immer schon gewünscht, Palmen und Hängematten und trotzdem irgendwie hocheffizient arbeiten, also wäre ja schon schön, wenn es funktionieren würde.

Welty: Der ewige Streit, der geht ja um die Frage, Großraumbüro oder Einzelbüro. Daran scheiden sich ja die Geister. Was halten Sie für besser?

Rambow: Ja, genau, das ist eine Frage, die wirklich seit 40, 50 Jahren nicht nur diskutiert, sondern auch empirisch untersucht worden ist, und die so, wie Sie sie gestellt haben, natürlich auch nicht beantwortet werden kann, weil es diese Gegenüberstellung Großraumbüro versus Einzelbüro eigentlich so auch nicht gibt, und das meiste, was heute eben an ambitionierterem Bürobau gemacht wird, das sind sozusagen Mischformen zwischen diesen beiden Extremen. Also sogenannte Kombibüros, oder Businessclubbüros.

Die Vorteile beider Varianten verbinden

Also ganz unterschiedliche Lösungen, wo versucht wird, die Vorteile von beiden Varianten, dem Einzelbüro und dem Großraumbüro, miteinander zu verbinden auf möglichst sinnvolle Art und Weise, und ein ganz wichtiger Punkt, den man bei der Beantwortung der Frage im Auge behalten muss, ist, die Arbeitsumwelt muss immer zur Arbeitsaufgabe passen und zur Kultur des Unternehmens und zu dem, was da eigentlich gemacht werden soll. Das ist ja sehr, sehr unterschiedlich zwischen den unterschiedlichen Büros.

Es gibt auch heute noch Tätigkeiten, die verlangen sehr viel Privatheit oder auch Vertraulichkeit und Konzentration, und da mag dann, also wenn solche Aufgaben einen Großteil des Tages einer Person ausmachen, dann das gute alte Einzelbüro auch nach wie vor absolut seine Berechtigung haben und die ideale Form für eine solche Tätigkeit sein. Es gibt andere Tätigkeiten natürlich, die kann man sehr gut öffnen und vielleicht nicht in ein riesiges Großraumbüro des Typs, die wir aus amerikanischen Filmen der 70er- und 80er-Jahre kennen. Also, das ist eine Form, die eigentlich, glaube ich, heute niemandem mehr empfohlen würde. Also, diese ganzen Büroetagen, die nur durch solche Cubicles unterteilt wird, also kleine... so Würfel.

Welty: Es bleibt tatsächlich sehr individuell, glaube ich. Der Psychologe Riklef Rambow beschäftigt sich mit Architektur und Umweltpsychologie, und darüber haben wir gesprochen am heutigen Tag der Architektur. Haben Sie herzlichen Dank!

Rambow: Ja, vielen Dank an Sie!

Welty: Und wenn Sie sich für den Tag der Architektur heute und morgen interessieren, es gibt auch eine App, mit der man sich eine Tour in der Nähe zusammenstellen kann. Das alles finden Sie im Netz unter "Tag der Architektur".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. DLFKultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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