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Zeitfragen | Beitrag vom 15.12.2020

ArchitekturforschungDie neue Einfachheit des Bauens

Von Dirk Asendorpf

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Florian Nagler steht auf einer Dachebene. (imago/Stefan Zeitz)
Der Architekt Florian Nagler, hier in einer Aufnahme von 2015. "Ich bin kein Technikfeind", sagt er. Aber für ihn liegt die Zukunft des Baus in weniger komplexen Bauformen. (imago/Stefan Zeitz)

Zu komplex, ziemlich störanfällig und kaum nachhaltig: Heutige Bauweisen versprechen modernen Komfort, zeigen im Detail aber ihre Tücken. Der Architekt Florian Nagler will daher traditionelle Bauweisen zukunftsfähig machen.

Bad Aibling, Oberbayern: Drei Versuchshäuser stehen direkt nebeneinander auf einem ehemaligen Kasernengelände. Draußen geht der Blick auf das Wendelsteinmassiv, drinnen riecht es nach Rohbau. Laura Franke nutzt die Zeit bis zum Einzug der ersten Mieter. Die Umweltingenieurin prüft mit einer ganzen Batterie an Messgeräten, ob das dreistöckige Gebäude alle Energiesparvorschriften erfüllt:

"Ich messe hier die Wandoberflächentemperatur. Ich messe die Raumtemperatur und Raumluftfeuchte genau so wie die Heiztemperatur des Heizkörpers und, was die Verbrauchsmessung angeht, Strom und Wärmemenge. Wir haben uns ja dieses Konzept ausgedacht, sind 2016 damit gestartet und haben es erst mal auf der theoretischen Ebene simuliert. Und jetzt wollen wir gucken, ob es auch in Wirklichkeit funktioniert. Das soll die Messung in erster Linie zeigen."

Die Komplexität nimmt immer weiter zu

"Einfach Bauen" heißt das Konzept, von dem Laura Franke spricht. Es ist ein Gegenentwurf zum "smart home", zu Häusern, die mit Technik und automatischer Steuerung vollgestopft sind. In Bad Aibling dagegen kommen die Gebäude mit möglichst wenig Haustechnik aus.

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Der Architekt Florian Nagler von der TU München ist der Vater dieses Forschungsprojekts. Früher hat er mit hochtechnisierten Gebäuden große Erfolge gefeiert, mit einer Schule im Passivhausstandard sogar den Deutschen Architektur- und Nachhaltigkeitspreis gewonnen.

"Das ist eine Sehnsucht, die bei mir selber im Lauf der Jahre entstanden ist. Ich habe einfach gemerkt, dass die Komplexität immer weiter zunimmt und wir uns wahnsinnig viel mit Dingen beschäftigen, die eigentlich weit weg sind von der Architektur."

Konzentration aufs Wesentliche

In den Forschungshäusern hat sich Nagler auf das Wesentliche konzentriert: Die Raumaufteilung ist identisch und die wenigen Kabel und Leitungen sind in vorgefertigten Badezimmern konzentriert. Mit einem Kran wurden sie als Fertigteil ins Zentrum jeder Etage gehievt. Ein Klempner musste sie dann nur noch miteinander verbinden. Wasseranschlüsse und Heizkörper gibt es deshalb allerdings nur an den Innenwänden in Richtung Bad.

"Diese Häuser leben davon, dass sie stink-einfach auf den Boden gesetzt sind und auch so einfach konzipiert sind, dass die Räume den gleichen Rhythmus haben, dass die Fenster den gleichen Rhythmus haben. Dazu muss man sich dann auch durchringen, auch so einfach zu entwerfen."

Einfache Bauweisen statt technischem Aufwand

Von außen unterscheiden sich die drei Häuser in einigen Details. Das hat damit zu tun, dass eines aus vorgefertigten Massivholzelementen zusammengesteckt, das zweite mit Ziegelstein gemauert und das dritte aus Beton gegossen wurde. Während die Außenwände im Holzhaus nur 30 Zentimeter dick sind, müssen es beim Ziegel 42 und beim Beton sogar 50 Zentimeter sein. Die Fenster sind nicht rechteckig, sondern oben rund.

"Die Fenster haben deswegen diese Form bekommen, weil man dann ohne einen Sturz auskommt. Das ist jetzt komplett wärmebrückenfrei gebaut. In einem Sturz ist Stahl, ist Beton, bei der Wandstärke sind drei Stürze hintereinander, dann ist noch ein bisschen Styropor drin, das ganze Sondermüllpaket - das haben wir hier vermieden."

Bogenöffnungen waren aus statischen Gründen schon vor 1000 Jahren üblich. Und dass dicke Wände im Sommer kühlen und im Winter Wärme speichern, wusste man damals auch schon. Doch die moderne Architektur der vergangenen Jahrzehnte hat einfache Bauweisen und natürliche Klimatisierung durch sehr viel Technik ersetzt.

Beim Bau wird das Recycling mitgedacht

"Das schlimmste Beispiel ist ja so dieses typische Wärmedämm-Verbundsystem mit sehr vielen aufeinandergepappten Schichten", sagt Anja Rosen. Die Architektin ist auf das Recycling von Bauwerken spezialisiert – und sie lobt den monolithischen Aufbau der drei Forschungshäuser:

"Wir nennen das 'urban mining design', indem wir die Gebäudehülle und das ganze Bauwerk so konzipieren, dass die Materialien leicht demontierbar und vor allem sortenrein trennbar sind. Das ist das Wichtigste fürs spätere Recycling."

Moderne Bauweisen sind störanfällig

Das ehemalige Kasernengelände, auf dem die drei Forschungshäuser stehen, gehört der B&O-Gruppe, einem der größten Dienstleister der deutschen Wohnungswirtschaft. Ernst Böhm ist einer ihrer vier Gründungsgesellschafter, und auch er ist zunehmend genervt von der modernen Haustechnik. Die sei nicht nur kompliziert zu bauen und zu steuern, sondern gehe auch noch häufig kaputt.

"Wie lang hält eine Kirchenmauer? Zwei-, drei-, vierhundert Jahre ohne Reparatur. Können Sie mir eine haustechnische Anlage sagen, die länger hält als 30 Jahre? Meine Heizung nicht. Meine Lüftung nicht, das Bad nicht."

Besonders schlecht ist Böhm auf den Passivhausstandard zu sprechen, also auf Gebäude die so stark gedämmt sind, dass sie kaum noch beheizt, im Sommer aber stark gekühlt werden müssen. Damit das funktioniert, gibt es strenge Vorschriften für kontrolliertes Lüften. Die seien schon in Wohnhäusern kaum zumutbar, so Böhm. In öffentlichen Bauten hält er sie für völlig ungeeignet und verweist auf das Beispiel einer Schulmensa im benachbarten Grafing:

"Passivhausstandard setzt voraus, dass man automatisch lüftet. Jetzt haben Sie in der Mittagszeit zwischen halb zwölf und halb zwei 400 Kinder und 400 Currywürste. Die Lüftung hat noch nicht einen einzigen Tag funktioniert. Und die andere Annahme des Passivhauses: Es ist pro Stunde die Tür nicht länger als zwei Minuten geöffnet. Bei 400 Kindern in der Mittagspause. Das ist einfach gaga", sagt er und lacht.

"Wir können von den alten Konstruktionen viel lernen"

Die drei Forschungshäuser in Bad Aibling sollen zeigen, dass umweltfreundliches und einfaches Bauen keine Gegensätze sein müssen. Und dass der Rückgriff auf traditionelle Bauweisen keine Abkehr von moderner Technik bedeutet, sagt Florian Nagler, der Erfinder des Konzepts "Einfach Bauen".

"Ich bin gar kein Technikfeind. Ich finde, die Technik sollte nur sinnvoll eingesetzt werden. Wir hätten so etwas ohne Technik gar nicht planen können. Die ganzen Simulationen, das ist ja alles ein technisches Knowhow. Wir müssen nicht so bauen wie früher, aber wir können von den alten Konstruktionen sehr viel lernen."

Aus den Erfahrungen beim Bau der drei Forschungshäuser stellt Naglers Team an der TU München gerade einen Leitfaden für Architektenkollegen zusammen. Die Hoffnung dabei: einfaches Bauen zum neuen Standard zu machen.

"Das wäre cool, wenn es in zehn Jahren schon so weit wäre. Aber daran glaube ich nicht. Wenn man sich mit solchen Dingen beschäftigt, dann meint man, alle denken schon so. Und dann fährt man durch die Gegend und sieht: 'Hey, alle bauen eigentlich anders - eine Stahlbetonkonstruktion mit Wärmeverbundsystem draufgeklatscht. Ich glaube, das wird schon noch ein bisschen länger dauern. Aber wir bleiben dran."

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