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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.12.2013

ArchitekturWelthistorische Auseinandersetzungen im Städtebau

Von Beatrix Novy

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Die Karl-Marx-Allee mit dem Springbrunnen am Strausberger Platz in Berlin. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Die Karl-Marx-Allee war eines der herausragenden Städtebau-Projekte der DDR. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Auch im Städtebau suchten DDR und BRD nach Formen, um das jeweilige Gesellschaftssystem auszudrücken. Mit den unterschiedlichen Konzeptionen in Ost und West hat sich jetzt das Kolloquium der Hermann-Henselmann-Stiftung beschäftigt.

Das Hansaviertel und die Karl-Marx-Allee: Beide in den 50ern erbaut. Aber ferner können sich zwei Städtebaukonzeptionen nicht stehen. Hier locker im Grünen verteilte Wohnhochhäuser, elegant, aber ohne dekorative Fassadengestaltung, dort ein prunkvoll neoklassizistischer Boulevard. Hier das Credo der Architekturmoderne von der aufgelockerten, funktionsentmischten Stadt, dort die monumentale Belebung repräsentativen Städtebaus. Hier internationaler Stil, dort "nationale Tradition".

Zwei gültige Prinzipien des Städtebaus eben, exemplarisch verwirklicht, sagt der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt, wohl wissend, dass dies nicht immer so gesehen wurde. Hansaviertel und Karl Marx-Allee, ursprünglich Stalinallee, dürfen als Teil der welthistorischen Auseinandersetzung im Kalten Krieg begriffen werden, als Symbolträger ihrer jeweiligen "Systeme". Was nicht zum Fehlschluss führen sollte, es gäbe so etwas wie "sozialistischen" oder "kapitalistischen" Städtebau: Auf beiden Seiten wurde in alle Richtungen nach Formen gesucht, um das jeweilige Gesellschaftssystem auszudrücken. Aber es gab eine Automatik der Abgrenzung. Wolfgang Pehnt zitiert dazu das internationale Presseecho, das Hermann Henselmanns erstes Hochhaus, Keimzelle der Stalinallee, in den frühen 50ern hervorrief - auch das sei ein Anstoß für die Westberliner gewesen, die Interbau 1957 auszurufen, aus der das Hansaviertel hervorging, als gebautes Statement der aufgelockerten Stadt im Grünen gegen die eigene Vergangenheit und den neuen ideologischen Gegner im Osten.

Dieser politische Hintergrund beflügelt jetzt den Versuch, beide Ensembles zum Weltkulturerbe adeln zu lassen. Berlins früherer Kultursenator Thomas Flierl begründet: "Nur in dieser Stadt ist dieser Architekturstreit so politisch aufgeladen gewesen, haben zwei Städte in einer Stadt gegeneinander gebaut. Heute sehen wir, dass nicht nur gegeneinander gebaut wurde, aber dennoch, diese einzigartigen Ensemble nur aus dieser Konfrontationssituation zu erklären, und das nur in Berlin, es hat universellen Charakter."

Das also wäre der Outstanding Universal Value, der einen Antrag bei der UNESCO aussichtsreich machen könnte. Der Weg dahin ist noch sehr weit. Einen weiten Weg hat die Rezeption der beiden Wohnviertel aber auch schon hinter sich. Thomas Flierl: "Es war für mich damals sehr verwunderlich, dass diese alte hochstalinistische klassizistische Allee so eine enorme Aufwertung erfuhr, während die Nachkriegsmoderne in Ost und West schlecht wegkam. "

Schwärmerische Gefühle für die Karl-Marx-Allee bei westlichen Besuchern

Das lag an einer Umwertung, die in der DDR nicht oder kaum stattgefunden hatte. Harald Bodenschatz skizziert, wie in der BRD der 60er Jahre die Baumoderne mehr und mehr in Verruf kam, wie der Kampf gegen Stadtverödung und Profithaie die erneute Wertschätzung der kompakten alten Stadt beförderte, die später in die kritische Rekonstruktion und in einen neuerlichen Berliner Architekturstreit münden sollte.

In den 80er-Jahren hatte es sogar ausgerechnet im Hansaviertel mal eine Ausstellung über Stuck gegeben - samt putziger Stuckrahmung des Eingangs. Es war also kein Wunder und auch keineswegs unbegreiflich, dass westliche Besucher schwärmerische Gefühle für die Karl-Marx-Allee offenbarten, vor allem für den im vormals geschmähten stalinistischen Zuckerbäckerstil des ersten Bauabschnitts mit dem neuhistoristischen, in seiner Zeitgebundenheit auch irgendwie kuriosen Appeal. Das sieht auf der nächsten Strecke zum Alexanderplatz hin schon anders aus.

Als nach Stalins Tod das Baudiktat der nationalen Tradition sich erledigte und Chruschtschow die Parole ausgab, besser, schneller und industriell zu bauen, legte Ostberlins Chefarchitekt Hermann Henselmann einen Entwurf mit schlanken Punkthochhäusern vor. Der erinnerte, wie die Referentin Irma Leinauer vermutet, die verunsicherten DDR-Oberen wohl zu sehr ans Hansaviertel. Gebaut wurden also im zweiten Abschnitt der Allee Scheibenhochhäuser, mit denen Ostberlin zur nachgeholten Moderne aufschloss: samt ihrem Repertoire Licht, Luft, Sonne, Grün. Freistehend. Und ganz ohne Ladenlokale, wie sie die alte Allee aufs Prachtvollste aufweist - viele allerdings heute notleidend, wie der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain mahnte. Und auch die Mieter der Karl Marx-Allee hat der überhitzte Immobilien- und Mietenmarkt in Berlin längst erreicht. Die Kontroversen, in denen Hansaviertel und Karl Marx-Allee entstanden, sind befriedet. Frieden ist deshalb noch lange nicht. 

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