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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.11.2009

Architektur im Dienst israelischer Machtpolitik

Eyal Weizman: "Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung". Edition Nautilus, Hamburg 2009, 349 Seiten

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Blick auf Gazastadt (AP)
Blick auf Gazastadt (AP)

"In Material gegossene Politik" – so nennt der israelische, überwiegend in London arbeitende Architekt Eyal Weizman israelische Architektur an den Grenzen und auf dem Territorium der Palästinenser. Architektur, so seine These, sei gerade an diesen konfliktträchtigen Orten nicht nur "politisch", sondern auch eine strategische Waffe.

In seinem Buch "Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung" belegt Weizman seine These in zehn Kapiteln anhand verschiedener Beispiele. Er zeichnet die Veränderungen seit 1967 in den von Israel besetzten Gebieten nach. Und er erläutert, wie das militärische, von Ariel Scharon propagierte, "dynamische" Verteidigungskonzept, das mit der Kategorie der Tiefe arbeitet, später von den israelischen Siedlern übernommen und zur "Matrix der Kontrolle" über die Palästinenser gemacht wurde.

Gestützt auf militärisch-historisches Faktenwissen und systemtheoretische Erkenntnisse führt Weizman aus, wie sich israelische Herrschaft seitdem in den Raum eingeschrieben hat. Er analysiert geografische, territoriale, urbane und architektonische Konzepte: die Erschließung der Umgebung von Jerusalem, die Beschaffenheit von Siedlungen in besetzten Gebieten, den Verlauf des Mauerbaus und der Straßennetze, offene und verdeckte Funktionen der Grenzübergänge. Aber auch Art und Umfang der Zerstörungen im Gaza-Krieg 2008/09 sowie die veränderte Kriegführung stellt er in einen Zusammenhang mit Schriften von "Raum-Theoretikern" wie Gilles Deleuze oder Félix Guattari.

Die daraus abgeleiteten Befunde sind niederschmetternd. Zeigen sie doch, wie selbst das kleinste Detail einem Plan dient, der eine partnerschaftliche Lösung des Konflikts ausschließt. Beider Errichtung israelischer Siedlungen etwa ist nicht nur deren Lage auf besetztem oder mit fragwürdigen Mitteln enteignetem Boden politisch brisant, sondern auch die Architektur der Wohnhäuser: sie steht im Dienst israelischer Machtpolitik.

Schneckenförmig sind die Siedlungen auf Bergkuppen angeordnet, wie Wagenburgen amerikanischer Pioniere, die sich vor Indianern schützen. Die Wohnzimmerfenster zeigen nach außen, um den Bewohnern einerseits zu ermöglichen, sich als Teil der (biblischen) Landschaft zu fühlen – andererseits, um feindliches Umland zu überblicken. Sie sind angehalten, alles zu melden, was ihnen verdächtig vorkommt. Damit verwandeln sich die bebauten Hügel in Instrumente der Herrschaft, so Weizman. Die ins Innere der Siedlung ausgerichteten Fenster, aus denen der Blick auf gemeinsam genutzte Plätze und die Nachbarn fällt, diene nachweislich der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Dieser Baustil perfektioniere einen Zustand der Trennung, Abschottung und Kontrolle.

Einsichten wie diese finden sich viele in Weizmans Buch. Es ist nicht ganz einfach zu lesen, aber es vermittelt jenseits üblicher Perspektiven ein ungewöhnlich tiefenscharfes Bild der israelischen Besatzung und ihrer Folgen für die palästinensische Bevölkerung.

Besprochen von Carsten Hueck

Eyal Weizman: Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung
Aus dem Englischen übersetzt von Sophia Deeg und Tashy Endres
Edition Nautilus, Hamburg 2009
349 Seiten, 24,90 Euro

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