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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.04.2015

Architektur der NachkriegsjahrzehnteFortschrittsglauben in Beton

Heiner Farwick im Gespräch mit Dieter Kassel

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Die Treppenstraße in Kassel (Hessen), aufgenommen am 04.10.2013. Sie gilt als erste Fußgängerzone Deutschlands und wurde im November vor 60 Jahren eröffnet. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Deutschlands erste Fußgängerzone in Kassel ist geprägt von Bauten der 1960er-Jahre. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Welche Gebäude aus den Nachkriegsjahrzehnten sollten erhalten bleiben? Viele Bürger finden sie hässlich, Denkmalpfleger halten dagegen. Aufklärung über den "Zeugniswert" der Bauten könne helfen, sagt Heiner Farwick, Präsident des Bundes Deutscher Architekten.

Denkmalschützer interessieren sich zunehmend für Bauwerke aus den 50er, 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Doch es gibt Widerstand: Viele Bürger finden diese Bauten alles andere als schön und halten sie deshalb für nicht erhaltenswert.

Schönheit könne nicht das alleinige Kriterium sein, sagte Heiner Farwick, Präsident des Bunds Deutscher Architekten im Deutschlandradio Kultur. Der wichtigste Gedanke bei den Gebäuden der Nachkriegszeit sei ihr "Zeugniswert". Darüber müsse die Bevölkerung aufgeklärt werden:

"Das ist die Aufgabe der Denkmalpflege, aber natürlich auch der Architekten und Stadtplaner, zu erläutern, was ein Gebäude eigentlich ausmacht. Und wie es vielleicht auch aussehen würde, wenn man es mal so ein bisschen von dem Schmutz und vielleicht den Bauschäden, die das heute erlangt hat, wieder befreien würde."


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Das erste Gesetz, das Denkmalschutz regelt, wurde bei uns schon vor über 100 Jahren erlassen, 1902, im Großherzogtum Hessen, später folgte dann auch ein ähnliches Gesetz in Sachsen, und weitere rechtliche Verordnungen standen in der Weimarer Republik.

Heute gibt es in der Bundesrepublik 16 verschiedene Denkmalschutzgesetze, denn das ist Ländersache. Aber eine Frage können all diese Gesetze nur sehr theoretisch beantworten: Welche Gebäude sollen wirklich erhalten und geschützt werden? Eine Diskussion, die zumindest in der Öffentlichkeit schwieriger geworden ist, seit immer häufiger Bauwerke aus den 50er-, 60er- und auch 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Aufmerksamkeit der Denkmalschützer bekommen.

Da sagen viele Bürger, diese Gebäude sind hässlich, die wollen wir eigentlich gar nicht mehr haben in unserer Stadt. Und Experten sagen, das, die Schönheit oder nicht, sei ja nun kein Argument. Ein Experte auf diesem Feld ist der Präsident des Bunds Deutscher Architekten, Heiner Farwick. Er ist selbst Architekt und Stadtplaner, und die eine Hälfte des Büros Farwick & Grote mit Standorten in Ahaus in Westfalen und in Dortmund. Schönen guten Morgen, Herr Farwick!

Heiner Farwick: Ja, schönen guten Morgen, Herr Kassel!

Das Denken der Nachkriegszeit

Kassel: Was macht denn für Sie ein Gebäude aus der Nachkriegszeit konkret erhaltens-, schützenswert?

Farwick: Ja, der wichtigste Gedanke bei den Gebäuden der Nachkriegszeit ist ja einerseits der Zeugniswert, den es hat. Denn wir haben ja doch einen langsamen Umbruch gehabt. Langsam betone ich deshalb, weil natürlich in der Nachkriegsphase natürlich auch dieselben Architekten mit dem gleichen Denken zunächst mal auch den Wiederaufbau gestaltet haben, aber auch viele junge dazugekommen sind.

Insbesondere dann aber in den 60er- und 70er-Jahren haben wir einen Umbruch im Denken und damit auch in der formalen Ausgestaltung, in der architektonischen Gesamtgestalt der Gebäude vorgefunden. Und das sind heute Kriterien, die wir so wenig im Auge haben.

Und es ist für mich ein Stück weit durchaus nachvollziehbar, dass gerade bei den Gebäuden, die heute so 40, 45 Jahre alt sind, vielleicht 50 Jahre alt sind und auch nicht in einem besonders guten Zustand sind, dass die Bevölkerung dann sagt: "Da kann ich mich nicht mit anfreunden". Das hat aber verschiedene Gründe.

Wechsel von Generation zu Generation

Wenn ich dazu kurz ausführen darf – ein wichtiger Punkt ist: Wir haben immer einen gewissen Wechsel von Generation zu Generation. Das heißt, die Generationen, die in den 60er- und 70er-Jahren für die Bauten verantwortlich waren, das waren ja nicht allein die Architekten, sondern es ist ja gesellschaftlich breit getragen worden. Wenn ich nur Gebäude nehme, es sind Kirchen in der Zeit entstanden, es sind Rathäuser entstanden, Verwaltungsgebäude entstanden, die breit in der Bevölkerung und bei den Verantwortlichen als Objekte getragen worden sind. Die ganz bewusst einen Kontrast gebildet haben zu dem, was bis dahin geschaffen worden ist.

Heute leben wir wiederum in einer Zeit, die sich zu dieser Zeit wiederum in einen Kontrast stellt: Sie wissen, wir haben ja eher im Moment eine Tendenz, ich nenne nur mal den Wiederaufbau des einen oder anderen Schlosses, historisierende Fassaden – also das Pendel ist eher in die andere Richtung ausgeschlagen. Und weshalb dann die Gebäude, die zum Teil ja auch etwas schwer nahbar sind, nicht sehr angesehen sind.

Kassel: Sie haben vom Zeugniswert gesprochen.

Farwick: Ja.

Die Frage der Qualitätsunterschiede

Kassel: Ich übersetze das mal ein bisschen: Ich verstehe das so, dass Gebäude, die einen bestimmten, sehr typischen Stil für eine bestimmte Art zu bauen, eine bestimmte Zeit repräsentieren, erhaltenswert sind. Nun reden wir da natürlich zum Teil bei den Zeiten, über die wir sprechen, so grob 50er-, 60er-, 70er-Jahre, über recht viele Gebäude. Wie entscheidet man denn dann, welche man konkret erhält und welche vielleicht nicht?

Farwick: Ja, es gibt natürlich Qualitätsunterschiede, das muss man, glaube ich, so herausarbeiten. Einerseits sind nicht alle Gebäude, die in einer Epoche entstehen, von der gleichen hohen Qualität. Man muss sicherlich unterscheiden, wie sie städtebaulich eingebunden sind, welche hochbauliche Qualität sie haben. Sind sie funktional wirklich noch gut und sind sie dann auch – und das kommt ja heute dazu –, sind sie auch tatsächlich sanierungsfähig? Das sind sicherlich Fragen, die in dem Gesamtkontext behandelt werden müssen.

Aber es zählt einfach mehr, nämlich die Frage des Ausdrucks. Nehmen wir mal einige Gebäude der 60er-Jahre: Wir hatten in den 60er-Jahren einen unglaublichen Fortschrittsglauben. Man ist zum Mond geflogen, der Weltraum wurde erkundet. Das sind alles Punkte, die auch sozusagen auf die Wahrnehmung der Architektur zurückgespielt haben und auch auf den Ausdruck der Architektur. Das können wir heute gar nicht mehr nachvollziehen, weil für uns solche Dinge selbstverständlich sind. Insofern ist der Zeugniswert, den diese Gebäude haben, eben von besonderer Bedeutung, weil sie zeigen, welche Aufbruchsstimmung, welche Zukunftsgläubigkeit in den 60er-Jahren in Deutschland geherrscht haben.

Kassel: Aber wenn Sie nun zum Beispiel ein Gebäude haben, wo Sie als Fachmann sagen, das ist aus den schon beschriebenen Gründen für mich absolut erhaltenswert, und die Bevölkerung im jeweiligen Ort sagt, das ist für uns ein Schandfleck in der Stadt, wie kommuniziert man dann?

"Wir müssen aufklären"

Farwick: Ich glaube, Aufklärung tut not. Ganz wichtig ist einfach grundsätzlich, und das gilt für Architektur, Städtebau im Allgemeinen: Wir haben heute oftmals eine Betrachtung, die meines Erachtens ein bisschen zu oberflächlich ist. Wir müssen sicherlich aufklären darüber. Das ist die Aufgabe der Denkmalpflege, aber natürlich auch der Architekten und Stadtplaner, zu erläutern, was ein Gebäude eigentlich ausmacht. Und wie es vielleicht auch aussehen würde, wenn man es mal so ein bisschen von dem Schmutz und vielleicht den Bauschäden, die das heute erlangt hat, wieder befreien würde.

Wir haben ja die Phase gehabt in den 60er-Jahren, wo man auch sehr viele Häuser abgerissen hat in der Bausubstanz, wo man später gesagt hat: 'Wie konnte man diese schönen alten Villen und all dieses abreißen?' Weil man auch in der Zeit kein Verständnis dafür hatte! So, und wir sind heute verantwortlich, dieses Verständnis in die Zeit wieder hineinzugeben, zu erklären, welche Bedeutung ein Gebäude hat.

Ich nehme mal ein Beispiel, das Stadttheater in Münster – es ist ja allgemein bekannt –, ein Gebäude aus den 50er-Jahren, damals erbaut, um bewusst gegen den etwas tradierten Wiederaufbau der Münsteraner Innenstadt zu agieren. Da ist sehr schnell erkannt worden, dass das Gebäude einen hohen Wert hat. Und es ist immer auch gepflegt und geschützt worden und damit sozusagen heute ein wichtiger Baustein der Stadt.

Kassel: Aber das ist gerade ein gutes Beispiel, jetzt konkret Münster nicht, aber so ein Gebäude wie ein großes Theater, vielleicht auch im eher kommerziellen Bereich ein großer Betonklotz für irgendeine Versicherung, wo man heute sagt, ist vielleicht nicht schön, aber ist sehr, sehr typisch gewesen für diese Zeit: Die Versicherung gibt es nicht mehr, irgendeine Stadt gibt ihr Theater auf. Das ist ja auch eine wirtschaftliche Frage: Wie erhält man ein Gebäude, das vielleicht technisch noch nutzbar wäre, das aber gar niemand mehr nutzen möchte?

Eine Nachnutzung von Gebäuden ist möglich

Farwick: Ja, die Frage natürlich der Nachnutzung – wir haben vor drei Jahren auf der Biennale, auf der Architektur-Biennale in Venedig ja einen schönen Beitrag gehabt, "Reuse/Reduce/Recycle", in dem es eher darum geht: Ist es nicht auch eine Verantwortung, die einfach nur über die Frage von Ästhetik und Gestaltung hinausgeht, auch Gebäude aus Zeiten zu erhalten, die uns vielleicht im Moment etwas unbequem erscheinen?

Denn es steckt ja erst mal, was ich vorhin erläutert habe, es steckt ein architektonischer Wert drin, es steckt aber natürlich auch die sogenannte graue Energie drin. Ich glaube, Gebäude um zu nutzen und weiterzuentwickeln ist etwas durchaus Typisches, was es immer gegeben hat, weil man oftmals auch die Ressourcen gar nicht hatte, um Gebäude ständig abzureißen und wieder neu zu bauen alle paar Jahrzehnte. Da sind ja unsere historischen Städte auch ein Stück weit durch entstanden, dass man bewahrt hat und sich kontinuierlich weiterentwickeln konnte.

Tun wir das nicht mehr, kriegen wir natürlich immer neue Brüche mit hinein. Und ich glaube, man muss natürlich auch sehen, welche Nutzung denn sinnvoll sein könnte. Nehmen wir mal ein Beispiel, in Dortmund nehme ich das mal zufällig, da gibt es ein Gebäude der untergegangenen West LB – ich will das Thema jetzt nicht aufmachen, wir kennen das alle –, eigentlich ein sehr typisches Gebäude aus den späten 70er-Jahren, von Harald Deilmann, einer, der sehr viele, auch zum Teil sehr innovative Großbürogebäude gemacht hat. Die West LB ist heute nicht mehr drin, es ist renoviert, saniert worden, und heute ist ein Gesundheitszentrum drin. Also die Funktion der Bank ist weggefallen, wurde nicht mehr gebraucht, aber ein innerstädtisches Grundstück verlangt ja auch nach anderer Nutzung.

Fantasie ist gefragt 

Wir haben das ja in einem anderen Bereich, wo – zum Beispiel in Frankfurt – Bürogebäude in Wohnungen umgenutzt werden. Also es erfordert natürlich ein Stück weit Fantasie, darüber nachzudenken, wie man damit weiter umgehen kann, wenn die ursprüngliche Nutzung sozusagen nicht mehr vorhanden ist.

Kassel: Der Architekt und Präsident des Bunds Deutscher Architekten Heiner Farwick über das, was auch aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren – klingt ein bisschen wie Pop jetzt irgendwie, aber wir meinen die Architektur –, was aus dieser Zeit Denkmalschutz verdient und wie man das vermitteln kann. Herr Farwick, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Farwick: Sehr gerne, vielen Dank, Herr Kassel! Wiederhören!

Kassel: Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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