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Echtzeit | Beitrag vom 12.10.2019

ArchitekturDas Comeback der Treppe

Sophie Jung im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Zwei Mitarbeiter gehen in der Hauptverwaltung bei Boehringer Ingelheim eine Wendeltreppe hoch, aufgenommen im April 2019 (picture alliance/Andreas Arnold/dpa)
Vielerorts zu Unrecht stiefmütterlich behandelt: die Treppe. (picture alliance/Andreas Arnold/dpa)

Mit der Treppe hat sich die Journalistin Sophie Jung befasst: mit ihrer Geschichte und dem perfekten Maß. Als Bauelement oft unterschätzt, entdecken Firmen ihre Qualitäten neu – vor allem, wenn es ums gemeinsame Arbeiten geht.

Im Massenwohnungsbau ist die Treppe zu einem relativ nüchternen Bestandteil der Architektur geworden. Das sagt die Journalistin und Kuratorin Sophie Jung, die sich eingehend mit diesem Bauelement beschäftigt hat. Verloren geht sie allerdings nicht. Denn sie feiert andernorts ihr Comeback. "Sie taucht interessanterweise verstärkt in Gebäuden von Firmenzentralen und Wissenschaftszentren auf", beobachtet Jung. "In den letzten fünf Jahren ist das ein ganz wichtiges Motiv geworden: die Treppe als Kommunikations- und Begegnungsort. Das hört man immer wieder, wenn es ums gemeinsame Arbeiten geht."

Doch was macht eigentlich eine gute Treppe aus? Bis ins 20. Jahrhundert hat es gedauert, um das Maß festzulegen – wenn auch schon seit Jahrtausenden Treppen gebaut werden.

Das komfortable Schrittmaß

"Irgendwann ist das anthropozentrische Maß entstanden", erklärt Jung. "Davor ging es um das räumliche Ebenmaß, also dass die Treppe eine schöne, ebenmäßige Form ergibt." Jean-François Blondel, ein französischer Architekt, sei der erste Architekt gewesen, der den Menschen und seine Schrittlänge untersucht habe, und zum Zentrum seiner Überlegungen – für Treppenstufen zum Beispiel – machte.

Seine Formel – zweimal Steigung plus einmal die Auftrittslänge, gleich komfortables Schrittmaß – die habe später Ernst Neufert übernommen, dessen Standardwerk "Bauentwurfslehre" sich mit Normung und Bauplanung auseinandersetze. Die günstigste Normalsteigung sei 17 auf 29, fand Neufert heraus, die günstigste Stufe also 17 Zentimeter hoch und 29 Zentimenter tief.

"Damit ist sozusagen der komfortable Steigungsschritt garantiert. Neufert hat sich mit dem Durchschnittslaufverhalten von Mann und Frau auseinandergesetzt und seine Untersuchungen haben noch einmal bestätigt, dass der komfortable Schritt in die Höhe, 63 Zentimeter beträgt."

17 plus 17 plus 29 – ergibt 63.

Studium von 2000 Treppen

Auch die deutsche DIN-Treppennorm 18065 geht auf Neufert zurück. "Die regelt, wie breit Stufen sein sollen, wie hoch, wie sie in ihrer Gesamtheit sein sollen, auf welcher Höhe das Treppengeländer sein soll." Dabei gehe es um Sicherheit, und diese Norm sei auch ins Baurecht eingegangen.

Und Friedrich Mielke sei erwähnt, der Begründer der Treppenkunde, genannt Scalalogie, der im letzten Jahr über 90-jährig starb. Er habe mehr als 2000 – teils kuriose – Treppen studiert, sagt Sophie Jung, "und Treppenarten aus dem türkischen Spätmittelalter später in Hannover wiedergefunden." So habe er versucht, Kulturbeziehungen anhand eines letztlich unbeachteten Objekts in der Architektur nachzuempfinden.

(cwu)

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