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Im Gespräch | Beitrag vom 31.08.2018

Architekt Van Bo Le-MentzelDas 6,4-Quadratmeter-Haus

Britta Bürger im Gespräch mit Van Bo Le-Mentzel

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Der Architekt Van Bo Le-Mentzel artikuliert bei einem Pressetermin. (dpa/picture alliance)
Unser Gast: Der Architekt Van Bo Le-Mentzel. (dpa/picture alliance)

100 Euro Miete für komfortables Wohnen mitten in der Stadt. Was unvorstellbar klingt, macht der Architekt Van Bo Le-Mentzel mit minimalistischen Bauplänen für 6,4 Quadratmeter möglich. Das "Tiny100" ist seine Antwort auf den aktuellen Immobilienwahnsinn.

Der Architekt Van Bo Le-Mentzel ist ein großer Fan des Bauhauses. Dessen Meister hätten Möbel entwickelt, um den Volksbedarf, nicht aber den Luxusbedarf zu decken. Doch diese demokratische Idee sei verloren gegangen. Nach einem Volkshochschulkurs entwarf und veröffentliche Le-Mentzel dann Baupläne zum Selbstbauen: Bauhaus-Klassiker für ganz wenig Geld. Die so genannten Hartz-IV-Möbel waren geboren. Lachend sagt er: "Ich habe praktisch die Bauhaus-Möbel gerettet."

Rohbau eines Tiny House am 10.04.2018  (epd-bild / Heike Lyding)Alles, was man zum Leben braucht: Küche, Bad, Wohn- und Schlafbereich auf nur wenigen Quadratmetern. (epd-bild / Heike Lyding)

Van Bo Le-Mentzel ist als Zweijähriger mit seinen Eltern vor der kommunistischen Revolution in Laos nach Deutschland geflohen. In seiner Jugend war er Freestyle-Rapper, Graffiti-Sprayer und Radiomoderator. Seine Erfahrungen haben ihn gelehrt, dass Menschen in Gemeinschaft viel bewegen können.

Wie viele Quadratmeter braucht ein Mensch zum guten Leben?

Der Architekt sprüht nur so vor Ideen, seine wohl prominenteste: das  "Tiny100", ein Haus, ein Tiny House, mit gerade einmal 6,4 Quadratmetern Wohnfläche. Monatliche Miete: 100 Euro. Wie viele Quadratmeter braucht ein Mensch zum guten Leben? "Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Und ich antworte gern mit einer Gegenfrage: Wie viele Kalorien braucht ein leckeres Essen? Oder: Wie viele Quadratmeter braucht ein Bett für guten Sex?" Das seien einfach nicht die richtigen Fragen, das eine habe mit dem anderen nur bedingt zu tun.

Entscheidend seien andere Kriterien: Wohnt man freiwillig dort, wo man wohnt? Hat jeder Mensch seinen eigenen Rückzugsraum? Und: Gibt es einen Zugang zu einer Gemeinschaft?

Wohnen als Grundrecht

Das Tiny House habe er wegen des aktuellen "Immobilienwahnsinns" entwickelt. "Wir erleben ja eine Zeit, wo es sehr unsicher ist, wo man bleibt, wenn es so weiter geht. Eigentlich müssen wir alle mehr Geld verdienen und mehr Karriere machen und mehr wachsen und diesen ganzen Kapitalismuswahnsinn mitmachen, um überhaupt in der Stadt bleiben zu dürfen."

Die 100 Euro Miete für das Tiny House aber könne sich jeder Mensch leisten. Van Bo Le-Mentzel sagt, er sei kein Fetischist des Kleinen: "Eigentlich geht es mir um das bedingungslose Grundwohnen, dass jeder Mensch das Recht hat, mitten in der Stadt zu sein, ohne dass man es groß im Portemonnaie spürt. Das ist mein Ziel." Jeder Mensch sollte ein Anrecht darauf haben, in der Stadt zu wohnen.

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