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Buchkritik | Beitrag vom 19.03.2018

Archie Brown: "Der Mythos vom starken Führer"Auf der Suche nach guter Regierungspraxis

Von Hans von Trotha

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Buchcover "Der Mythos vom starken Führer" vonArchie Brown, im Hintergrund ein Symbolbild mit Spielfiguren (Propyläen Verlag / dpa / Robert B.Fishman)
Buchcover "Der Mythos vom starken Führer" von Archie Brown (Propyläen Verlag / dpa / Robert B.Fishman)

Welche politische Führung ist wünschenswert, fragt der Historiker Archie Brown. Mit "Der Mythos vom starken Führer" liefert der Brite einen Überblick vom Ersten Weltkrieg bis Angela Merkel – mit großer Begeisterung für die parlamentarische Demokratie.

David Hume meinte, nichts sei "erstaunlicher bei der philosophischen Betrachtung menschlicher Angelegenheiten als die Leichtigkeit, mit der die Vielen von wenigen regiert werden." Das Phänomen stellt sich verschärft dar, wenn einer oder eine sich aufschwingt, auch noch diese wenigen zu dominieren.

Ex-Minister Kenneth Clarke erinnert sich, wie Margaret Thatcher einmal in einer Kabinettssitzung sagte: "Warum muss ich in dieser Regierung alles machen?" Clarke meinte, "er sei wohl nicht der Einzige am Tisch gewesen, der gedacht habe: 'Margaret, das Problem ist, dass Sie glauben, Sie müssten alles selbst tun. Aber das sollten Sie nicht. Und Sie können es nicht.'"

Ein Jahrhundert politische Führungspraxis

Das ist eine Szene ganz nach Archie Browns Geschmack. Der 80-jährige Oxford-Historiker hat 2014 ein Buch zum "Mythos vom starken Führer" vorgelegt, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Dass es notwendig war, ein ausführliches Vorwort voranzustellen, zeigt, wie aktuell das Thema ist. Gerade deshalb tut es gut, dass da einer einmal die Grundlagen zu einem Komplex darlegt, zu dem derzeit jeder Tag ein neues Kapitel beizusteuern droht.

Wir folgen Brown durch ein Jahrhundert Führungspraxis von der Zeit des Ersten Weltkriegs bis zu Angela Merkel. Besonders dicht ist ein Fazit am Ende. Die Überschrift "Welche Art von Führung ist wünschenswert?" unterstreicht, dass Brown seine wissenschaftlichen Erkenntnisse stets an ihrer Tauglichkeit für den politischen Alltag misst.

Mit Beispielen, Biografien und Szenen angereichert

Mit ihren Verweisen auf die einzelnen Kapitel, in denen er Führungsfiguren, Führungsstrukturen und nicht zuletzt die Mythisierung des Prinzips Führung analysiert, sind diese 15 Seiten ein idealer Überblick, während die Darlegung der einzelnen Aspekte in einer stets offensichtlichen Systematik mit viel "Fleisch", also Beispielen, Biografien, Szenen angereichert ist. Eines von Browns Ergebnissen lautet: "Der Mythos des starken Führers beruht auf mehreren bedeutsamen Missverständnissen." Dennoch wird er allenthalben gepflegt.

Das wird besonders deutlich, wenn Brown größere Bögen schlägt, etwa "Der Führerkult, der sich in den faschistischen sowie in vielen ... kommunistischen Staaten entwickelte, hatte verderbliche Auswirkungen. Dennoch haben das nationalsozialistische 'Führerprinzip' und (die) ... stalinistische Führung einen unbewussten Widerhall in der Demokratie gefunden. Wir erkennen das in der Einstellung von Politikern und politischen Kommentatoren, die dem Regierungschef größere Befugnisse übertragen wollen."

Verschiedene Instanzen als Schutz vor starken Führern

Browns Regierungsanalysen geraten zur Apotheose der Fachministerien, des Regierungsapparats und der Parteien als Instanzen, die uns vor starken Führern schützen. Im Schlusssatz glänzt noch einmal die typisch Brownsche Mischung aus pragmatisch wissenschaftlicher Analyse und brennendem Enthusiasmus für die Sache, das ist: die parlamentarische Demokratie.

"Politische Führer, die glauben, sie hätten einen persönlichen Anspruch darauf, die Entscheidungsfindung in zahlreichen Politikbereichen zu dominieren, und versuchen, ein solches Vorrecht wahrzunehmen, schaden sowohl der guten Regierungspraxis als auch der Demokratie. Sie verdienen keine Gefolgschaft, sondern Kritik."

Archie Brown: Der Mythos vom starken Führer. Politische Führung im 20. und 21. Jahrhundert
Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Gebauer
Propyläen Verlag, Berlin 2018
480 Seiten, 25 Euro

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