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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.08.2018

Archäologie im Flussbett der AmstelWas wir alles wegschmeißen

Von Felix Schledde

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Fundstücke des archäologischen Projekts "Below the surface", die in der Amsterdamer Metro-Station Rokin ausgestellt werden.  (imago / Hollandse Hoogte/ Co de Kruijf )
Die Fundstücke des archäologischen Projekts "Below the surface" werden in der Amsterdamer Metro-Station Rokin ausgestellt. (imago / Hollandse Hoogte/ Co de Kruijf )

Zwölf Jahre haben Archäologen für das Projekt "Below the Surface" im Sediment der Amstel gegraben, um die Geschichte Amsterdams durch ihren Müll zu erzählen. Gefunden haben sie Armband- und Sonnenuhren, Kreditkarten und alte Münzen, Pokémon-Karten und Würfel.

Als Archäologen im Jahr 1922 das unversehrte Grab von Tutanchamun im Tal der Könige entdecken, löst das weltweit eine wahre Ägypten-Manie aus. Kunst, Film, Mode und Industriedesign – alles soll ägyptisch aussehen.

Der amerikanische Autohersteller Stutz zum Beispiel verziert die Kühlerhauben seiner Wagen mit kleinen silbernen Pharaonenköpfen. Ein Zeichen für Luxus, denn die Wagen der Marke sind sehr teuer und auch in den 20er-Jahren selten. Umso größer ist die Überraschung von Archäologen der Stadt Amsterdam, als sie genau so einen Pharaonenkopf wiederum 80 Jahre später im Flussbett der Amstel entdecken.

"Wasser ist eine ergiebige Informationsquelle"

"Die Amstel war die Hauptschlagader. An den Ufern des Flusses wurde Amsterdam am Ende des 12. Jahrhunderts gegründet. Amsterdam ist das, was wir einen jungen Hund nennen, eine junge Stadt."

Das ist Professor Jerzy Gawronski. Er leitet das Büro für Archäologie und Baudenkmäler von Amsterdam und ist der Hauptverantwortliche für das Projekt "Below the Surface". Wir unterhalten uns über Skype, sozusagen im Datenfluss.

"Ich arbeite seit 25 Jahren als Meeresarchäologe und für mich ist das Wasser eine ergiebige Informationsquelle voller Ordnung und Systematik. Für Landarchäologen ist Wasser Chaos, aber für mich ist es systematisch."

Zwölf Jahre haben Gawronski und sein Team im Stadtfluss von Amsterdam gegraben. Möglich war das, weil die Amstel aufgrund von Bauarbeiten an einer U-Bahnlinie in den Abschnitten Damrak und Rokin trocken gelegt war. Für Archäologen ist das ein Traumzustand, denn sie bekommen nur selten Zugang zum Flussbett einer Großstadt.

"Menschen benutzen Wasser als Mülleimer"

"Wenn man sich an einem Kanal oder Fluss befindet und seinen Müll loswerden will, dann wirft man ihn ins Wasser und er wird weggespült. Menschen benutzen Wasser instinktiv als ihren Mülleimer."

Und das bedeutet, dass die Amstel eine wahre Schatzkammer für Gawronski ist: Handys, Pfeilspitzen, Feuerzeuge, Keramik, Haschpfeifen, Kreditkarten, Spielzeug, Werkzeug, Hufeisen und natürlich jede Menge Fahrradklingeln. Mehr als 20.000 Objekte. Amsterdam ist eine junge Stadt, aber Müll aus acht Jahrhunderten findet sich hier trotzdem.

Blick auf den im Bau befindlichen Tunnel für die neue Metro-Station Rokin in Amsterdam. (dpa / ANP / EPA/ Lex van Lieshout )Die Bauarbeiten an der neuen Metro-Station Rokin in Amsterdam waren für die Archäologen ein Glücksfall. (dpa / ANP / EPA/ Lex van Lieshout )

"In der Archäologie geht es im Grunde immer um Müll. Es geht um die Sachen, die Menschen zurücklassen. In diesem Fall ist es wirklich eine Reflektion der Stadt durch den Müll der Menschen und deswegen ist es auch so zahlreich und aussagekräftig."

Der Pharao auf der Kühlerhaube hat vielleicht eine einzigartige Geschichte zu erzählen. Aber sie ist bestimmt nicht die einzige. Jedes Objekt wirft Fragen auf: Durch welche Hände sind die unzähligen Münzen gegangen? Was für SMS wurden mit den schlammverkrusteten Nokia-Handys gesendet? Und wem gehörten eigentlich diese ganzen Berge von Haschpfeifen?

"Es geht am Ende nicht um die Objekte selbst. All diese Funde sind eigentlich nur ein Mittel, um Geschichten zu erzählen. Und in dieser Weise ist Archäologie wie Geschichte."

Menschen fahren auf der Rolltreppe hinab in die Rokin Metro-Station in Amsterdam. Daneben sind in Glaskästen die archäologischen Funde des Projekts "Below the Surface" ausgestellt. (imago / Hollandse Hoogte / Co de Kruijf)Wer in die Rokin Station fährt, kann ansehen, was die Stadtbewohner alles in die Amstel geschmissen haben. (imago / Hollandse Hoogte / Co de Kruijf)

Damit sich möglichst viele Menschen solche Geschichten erzählen können, werden die Fundstücke von "Below the Surface" ausgestellt. In der Metrostation Rokin kann man sie sich in Vitrinen anschauen, während man auf der Rolltreppe an ihnen vorbei gleitet. Darüber hinaus wurden über 10.000 Fundstücke online gestellt. Jost Maas war zuständig für die Digitalisierung.

Selbst auf archäologische Suche gehen - im Internet

"Es gab schon ziemlich früh die Idee, dass wir all diese Fundstücke einem größeren Publikum zugänglich machen müssen. Und auch in 2002 und 2003 war das schon der übliche Weg. Aber was sich seitdem natürlich verändert hat, ist die Technologie."

Denn in der Zwischenzeit ist das Internet selbst zu einem viel größeren Fluss angeschwollen, in den die Menschen nicht nur ihren Datenmüll schmeißen, sondern wo sie auch Informationen teilen und liken. Und die Webseite von "Below the Surface" geht darauf ein: Besucher können ihre persönlichen Lieblingsfundstücke aussuchen, eigene kleine Collagen zusammenstellen und teilen.

"Wir wollten die Seite auch für Leute machen, die wirklich alles wissen wollen. Man kann sehen, wo jedes Objekt gefunden wurde, welcher Kategorie sie zugeordnet werden und in welchen Gruppen sie sind."

Wir sind in 500 Jahren nicht schlauer geworden

Mit dem Scrollrad der Maus oder mit der Rolltreppe gleitet man durch die Jahrhunderte, in denen immer wieder bestimmte Fundstücke besonders häufig vorkommen – wie Sedimentschichten der einzelnen Epochen – egal ob das die holländischen Kacheln im 16. Jahrhundert oder die Handys der 90er und 2000er sind. Allerdings sind die Gegenstände nicht ausschließlich nach Alter geordnet, sondern auch nach ihrer Funktion.

"Wenn man auf die Homepage geht und zum Beispiel sagt: Gib mir alles, was mit Zeitmessung zu tun hat, dann wird man eine Armband-Sonnenuhr von 1500 bekommen aber auch eine Armbanduhr von 1950."

Wir sind heute nicht schlauer, als die Menschen vor  500 Jahren. Wir benutzen nur andere Mittel, um dieselben Zwecke zu erfüllen. Egal, ob es um Kommunikation, Spiel oder Handwerk geht. Das will Jerzy Gawronski den Menschen mit "Below the Surface" zeigen.

Und deshalb finden sich auch Handys neben Stiften, Würfel neben Pokémon-Spielchips und Kreditkarten neben alten Münzen. Und der kleine silberne Pharaonenkopf vom Grund der Amstel kann genauso geheimnisvoll oder aufschlussreich sein wie jeder Sarkophag aus dem Tal der Könige.

"Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen einem Objekt von gestern und einem von vor 2000 Jahren. Für mich beginnt Archäologie gestern, denn die Dinge ändern sich so schnell. Handys zum Beispiel. Wir haben im Fluss Handys aus den 80ern gefunden, wenn man die einem Fünfjährigen zeigt, würde er sie nicht erkennen, denn er weiß nicht was diese Antenne und die Knöpfe sollen."

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