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Studio 9 | Beitrag vom 05.07.2019

Archäologen untersuchen das Woodstock-FeldDer Acker, der Geschichte schrieb

Von Antje Passenheim

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Menschen auf matschigen Boden, schwarz-weiß Foto (imago images / United Archives)
Fast eine halbe Million junger Amerikaner strömte zum spektakulärsten Festival der Rockgeschichte. Heutzutage interessiert die Wissenschaftler, was sie alles im Matsch zurückließen. (imago images / United Archives)

Vom Woodstock-Festival gibt es zwar viele Fotos, aber wo sich die Bühne genau befand, ließ sich lange nur grob rekonstruieren. Inzwischen untersuchen Archäologen den Boden des legendären Ackers, auf dem das Konzert stattfand - und fördern Erstaunliches zutage.

Ein Feld im Nirgendwo. Eine Frau mit einem Koffer elektrischer Lockenwickler: "Ich dachte: Wir wohnen da irgendwo im Hotel und ich kann mir vor dem Konzert noch die Haare machen."

Mit einer Viehweide hat Linda nicht gerechnet, als sie ihre Wickler mitnimmt und durch das immer dichtere Menschenmeer balanciert: "Es war ein kleiner gewölbter Plastikkoffer."

Als es zu regnen beginnt, bekommen die Wickler für Linda einen andern Zweck. "Ich nutzte ihren Koffer als Sitz. Aber weil es so matschig war, sackte und sackte der Koffer immer tiefer, bis er schließlich ganz in der Erde versank."

Heute fragt sich die Woodstock-Besucherin: "Was, wenn sie meine Wickler eines Tages bei Ausgrabungen finden? Sie müssen denken: Welche Idiotin hat Wickler nach Woodstock gebracht?"

Peace and Love im Dauerregen

Und tatsächlich drehen sie heute jeden Stein um. Auf dem Acker, den der ahnungslose Milchfarmer Max Yasgur im August 1969 in den Catskill Mountains hergegeben hat.

Für ein Open-Air-Konzert. 60.000 sollten kommen. Eigentlich in den 90 Kilometer entfernten Künstlerort Woodstock. Doch die Bewohner dort bekamen Panik und zogen zurück. Das "Woodstock"-Festival suchte Asyl. Bei Milchbauer Yasgur in Bethel.

Für 50.000 Dollar verpachtet er seine Kuhweide. Und die Besucher rennen ihm die Zäune ein. Statt 60.000 kommen eine halbe Million. 243 beschallte Hektar in Peace und Love, im Dauerrausch und Dauerregen.

Während die Nation in den Sümpfen Vietnams versinkt, versumpfen die Kriegsgegner auf Yasgurs Weide im Schlamm. Zwischen Havens und Hendrix verneigt sich der konservative Farmer vor einer rebellierenden Generation:

"Ihr habt der Welt etwas bewiesen. Ihr seid die größte Gruppe, die sich jemals an einem Ort versammelt hat."

Alles wurde auf dem Feld zurückgelassen

Ein Ort, der zur Heiligen Stätte geworden ist. "Wir haben die Pflicht, ihn mit Respekt zu behandeln", sagt Wade Lawrence. Er leitet das Museum von Bethel Woods, das heute an der Stelle des Festivals steht. Magnet für Touristen und Wissenschaftler. Archäologen der Universität Binghamton haben den Acker Feld für Feld unter die Lupe genommen: Gegraben, gesiebt, vermessen und notiert.

Projektleiterin Maria O‘Donovan beschreibt die Fundgrube: "Sie haben einfach alles zurückgelassen. Über das ganze Feld: Müll, Schlafsäcke, Klamotten."

Dann kamen die Bulldozer. Machten alles platt. Die Archäologen arbeiten mit Metalldetektoren, um Unglaubliches hervorzuholen: Laschen von Dosen, Haarklemmen: "Wir schauen unter die Erde und dadurch interpretieren wir die Vergangenheit durch die Dinge, die die Leute damals zurückgelassen haben."

Auf die elektrischen Lockenwickler von Linda jedenfalls ist noch kein Archäologe gestoßen. Wohl aber auf genügend Indizien, um genau zu bestimmen, wo die Bühne war. Unter anderem die Überreste eines Zauns, der das Publikum von der Bühne trennte, sagt Experte Josh Anderson:

"Wir können das hier als Referenzpunkt nutzen. Die Besucher können dann hier stehen, zum Hügel hochblicken. Und sagen: Oh, hier war es. Hier hat Jimi Hendrix gestanden. Hat am Montag um halb neun morgens Gitarre gespielt."

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