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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.12.2015

Arbeitswelt Schöner schuften

Sabine Donauer im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine Frau arbeitet am 05.07.2015 in Stuttgart (Baden-Württemberg) in einem Homeoffice. (dpa / Daniel Naupold)
Zahlreiche jüngere Arbeitnehmer arbeiten mehr als vertraglich vereinbart ist - Überstunden sind auf der Tagesordnung (dpa / Daniel Naupold)

Die Kulturhistorikerin Sabine Donauer hat erforscht, wie sich unsere Arbeit historisch verändert hat, vom reinen Broterwerb hin zur Selbstverwirklichung. Dieser Trend rechnet sich für die Unternehmen - hat für Arbeitnehmer aber auch Schattenseiten.

Viele Jobs versprechen heute Bestätigung weit über die Bezahlung hinaus. Die Aussicht auf Selbstverwirklichung und Anerkennung ersetzt oft genug gesicherte Arbeitsverhältnisse und muss Erschöpfungszustände kompensieren. Die Kulturhistorikerin Sabine Donauer spricht von einem ungelösten Konflikt gerade für die jungen Beschäftigten unter 30. "Wir wissen aus Studien, dass sich die Einkommensungleichheit in dieser Generation verdoppelt hat im Vergleich zur vorhergehenden Generation", sagte Donauer im Deutschlandradio Kultur.

Die Bedingungen werden schlechter

Es gebe eine kleine Gruppe an sehr gut verdienenden jungen Leuten in Unternehmensberatungen und großen Dax-Konzernen. Sie bezahlten für ihr gutes Gehalt damit, dass sie sehr viel mehr arbeiteten als die Generation davor. "Dann gibt es einen zunehmenden Teil von jungen Menschen, die mit zunehmend schlechteren Arbeitsbedingungen und prekären Beschäftigungsverhältnissen konfrontiert sind", sagte Donauer. Bei ihnen sei Leiharbeit ein Riesenthema, diese habe sich unter jungen Beschäftigten verdoppelt. Jede zweite Neueinstellung sei nur noch befristet. "Das heißt, die Bedingungen werden schlechter."

Oft unbezahlte Überstunden

Die jungen Leute reagierten darauf nicht mit dem Eintritt in die Gewerkschaften. Zwar wünschten sich 67 Prozent der Beschäftigten, die Arbeit reduzieren zu können, aber 62 Prozent der jungen Arbeitnehmer arbeiteten mehr als vertraglich vereinbart sei. "Das bedeutet oft unbezahlte Überstunden", sagte Donauer. "Dieser Mechanismus, der dahinter steckt, ist natürlich auch eine gewisse emotionale Logik, umso engagierter und motivierter man ist, umso weniger achtet man vielleicht darauf, dass die Bezahlung stimmt oder dass die Freizeit nicht komplett in Arbeitszeit fließt."


Das Interview im Wortlaut

Liane von Billerbeck: Heute arbeiten wir nicht mehr nur fürs Geld, wenn wir arbeiten, wir erwarten auch eine andere Belohnung: Sinnstiftung, Selbstbestätigung. Arbeit ist Teil unserer Identität geworden. Was arbeitest du?, das ist gerade hierzulande eine sehr zentrale Frage. Die Historikerin Sabine Donauer stellt in ihrem Buch "Faktor Freude: Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt" die These auf, dass das nicht von ungefähr kommt. Sabine Donauer ist studierte und promovierte Referentin im Bundesministerium für Bildung und Forschung und jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Sabine Donauer: Guten Morgen!

von Billerbeck: Bis Ende des 19. Jahrhunderts, da diente Arbeit ja bekanntlich dem reinen Broterwerb, und seit Anfang des 20. geht es um mehr: Die Arbeitenden begannen, in der Arbeit auch Bestätigung und Erfüllung zu finden und zu suchen. Nicht einfach so, sagen Sie, das ist Ihre These, all das war gelenkt – Emotion sei eine der wichtigsten Ressourcen des Kapitalismus. Wie das?

Donauer: Ja, die Unternehmen beginnen circa vor hundert Jahren zu begreifen, dass es ohne positive Gefühle kein Wirtschaftswachstum geben kann. Das gilt natürlich zum einen für den Bereich des Konsums, also ohne so was wie Konsumlust, Kauffreude entwickelt sich die Wirtschaft nicht, aber eben auch im Bereich der Produktion ist es so, dass die Unternehmen begreifen, mit übellaunigen Arbeitnehmern, die Ressentiment-geladen sind, die viel streiten, die vielleicht auch emotional negativ gegen ihre eigene Firma, gegen die Vorgesetzten gestimmt sind, funktioniert Wirtschaftswachstum nicht, das bedeutet so was wie Sand in diesem Produktionsgetriebe. Und ab dem Zeitpunkt, wo Unternehmen diese Erkenntnis haben, beginnen sie zu investieren in positive Gefühle. Also sie versuchen, dass Arbeitnehmer stolz auf ihre eigene Firma sind, dass sie sich mit den Produkten identifizieren können, dass sie einen gewissen Ehrgeiz entwickelt auch für persönliches Fortkommen und dass sie eben in ihrer Tätigkeit nicht nur eine lästige Pflichterfüllung sehen, sondern wenn möglich Begeisterung dafür entwickeln und mit Leidenschaft bei der Sache sind. Denn nur so kann aus Unternehmenssicht sichergestellt werden, dass Mitarbeiter produktiver werden und natürlich, dass sich im Endeffekt auch Kapital verzinst.

von Billerbeck: Sie sagen, die Unternehmen begannen, das klingt so wie so eine blitzartige Erkenntnis. Wie kam es denn dazu, wie zeigen Sie, dass deutsche Unternehmer ganz bewusst auf die Verknüpfung von Arbeit und Wohlgefühl hingearbeitet haben?

Donauer: Es gibt einen relativ klaren Bruch nach dem Ersten Weltkrieg. Also zuvor war das ein recht hierarchisches Arbeitsverhältnis, die Unternehmen haben Werkspolizisten eingestellt, die zur Not die müßigen Arbeitnehmer dazu getrieben haben, zur Not auch mit Gewalt, eine gewisse Leistung zu erbringen, aber nach dem Ersten Weltkrieg war die Arbeitnehmerbewegung sehr stark. Die Unternehmen waren relativ schwach, weil sie im Krieg sehr viel von ihrem Kapital auch verloren hatten, und da beginnen die Arbeitgeberverbände umzudenken. Die sagen, wir kommen nicht weiter, wenn wir die Arbeitnehmer unter Druck setzen, wir können nicht immer gegen ihre Gefühle arbeiten, wir müssen mit diesen Gefühlen produktiv wirtschaften, und beginnen dann in dieses Gefühlsmanagement auch zu investieren. In den 1920er-Jahren, in der Weimarer Republik, sieht es so aus, dass Arbeitgeberverbände zum ersten Mal wie gesagt bewusst darüber nachdenken und dann das Konzept einer Betriebsfamilie systematisch entwickeln, also sagen, die Arbeitnehmer sollten sich idealerweise emotional nicht so stark den Gewerkschaften zugehörig fühlen, wir müssen selber so einen emotionalen Ankerpunkt auch im Unternehmen bieten. Und das kann man zum Beispiel machen, indem man diese Unternehmen von einem nüchternen Ort der Produktion umwandelt in so was wie eine Betriebsfamilie, in ein zweites Zuhause für den Schaffenden. Und das kann man zum Beispiel, indem man behagliche Kantinen einrichtet, also die investieren ganz viel Geld und Zeit in die Verschönerung dieser Fabrikanlagen, schaffen so was wie Betriebssportgruppen zum Beispiel, aber auch so was wie Werkswohnungen, also dass sich die Betriebsangehörigen eben dieser Betriebsfamilie zugehörig fühlen und das Gefühl haben, sie sind da zu Hause, an diesem Ort.

von Billerbeck: Klar, nun weiß man ja, dass jeder, der seine Arbeit gern macht, gern hingeht, weniger krank ist, auch freiwillig unbezahlt Überstunden macht, aber andererseits bedeutet das ja auch, dass die Arbeit einen größeren Stellenwert im Leben einnimmt, dass wenn es nicht läuft, man also viel frustrierter ist, sich mehr aufregt und schneller demotiviert ist, wenn das Wohlgefühl eben nicht vorhanden ist. Warum sollten also Unternehmer das tun? Rechnet sich das für die wirklich?

Donauer: Also grundsätzlich rechnet sich das für Unternehmen. Man kann zum Beispiel, wenn man so die letzten 40 Jahre zurückblickt, sagen, vor 40 Jahren kam dieses Konzept im modernen Personalmanagement auf, dass man Arbeit auch als Selbstverwirklichung begreift, dass das der Ort ist, wo man sich persönlich weiterentwickeln kann. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, in den letzten 40 Jahren sind die Reallöhne stagniert oder gesunken, also Arbeitnehmer sind wesentlich mehr bereit als zu früheren Zeiten, gute Gefühle und sozusagen die Arbeit als Ort der Selbstverwirklichung einzutauschen gegen so was wie angemessene Bezahlung.

von Billerbeck: Trotzdem ist es ja so, dass es eine neue Generation gibt, die eben nicht mehr bereit ist, nur zu arbeiten auf Teufel komm raus, sondern die auch ein bisschen mehr vom Leben haben will – Teilzeitbeschäftigung ist da ein Thema, Familienarbeit. Erledigt sich das Problem mit dem Wohlfühlen auf Arbeit also von selbst?

Donauer: Ich würde sagen nein. Also ich sehe da durchaus einen Konflikt, der nicht ganz ausgetragen ist. Wenn wir uns die jungen Beschäftigen ansehen, also die Arbeitnehmer unter 30, gibt es eine starke Zweiteilung. Wir wissen aus Studien, dass sich die Einkommensungleichheit in dieser Generation verdoppelt hat im Vergleich zu vorhergehenden Generationen, das heißt, es gibt eine kleine Gruppe an sehr gut verdienenden jungen Leuten – die findet man in Unternehmensberatungen, in großen DAX-Konzernen –, aber die bezahlen für dieses gute Gehalt damit, dass sie wesentlich mehr arbeiten auch als die vorige Generation, also ganz viel Zeit investieren. Und dann gibt es einen zunehmenden Teil von jungen Menschen, die mit zunehmend schlechter werdenden Arbeitsbedingungen und prekären Beschäftigungsverhältnissen konfrontiert sind. Da ist Leiharbeit ein Riesenthema, die hat sich unter diesen jungen Beschäftigen verdoppelt, und jede zweite Neueinstellung ist beispielsweise befristet in diesem Alterssegment. Das heißt, die Bedingungen werden schlechter, und die jungen Menschen reagieren damit aber jetzt nicht darauf, dass Gewerkschaftseintritte massiv steigen beispielsweise. Und der Wunsch ist selbstverständlich da nach einer Arbeitszeitreduktion, das wünschen sich über 67 Prozent der Vollzeit-Erwerbstätigen, aber de facto muss man auch sagen, die Realität sieht so aus, dass 62 Prozent der jungen Arbeitnehmer mehr arbeiten, als vertraglich vereinbart ist, und das bedeutet oft unbezahlte Überstunden beispielsweise. Und dieser Mechanismus, der dahintersteckt, ist natürlich auch eine gewisse emotionale Logik. Das heißt, umso motivierter und engagierter man ist, umso weniger achtet man vielleicht darauf, dass die Bezahlung stimmt oder dass die Freizeit nicht komplett auch in Arbeitszeit fließt.

von Billerbeck: Arbeit ist also mehr als bloß Arbeit. Die Historikerin Sabine Donauer war das. Ich danke Ihnen!

Donauer: Gerne!

von Billerbeck: Und ihr Buch "Faktor Freude: Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt", so heißt es, falls Sie nachlesen möchten, das ist übrigens in der Edition Körber-Stiftung erschienen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Sabine Donauer: Faktor Freude
Edition Körber Stiftung, 16 Euro

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