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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.11.2016

Arbeitssoziologe"Piloten kämpfen für ihr gutes Recht"

Stefan Schmalz im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Lufthansa-Maschinen parken am Flughafen von Frankfurt am Main am Rande des Vorfeldes. (picture-alliance / dpa / Arne Dedert)
Wieder blieben die Lufthansa-Maschinen wegen des Piloten-Streiks am Boden (picture-alliance / dpa / Arne Dedert)

Die Lufthansa-Piloten kämpften für ihr gutes Recht auf Gehaltserhöhung, ist der Arbeitssoziologe Stefan Schmalz überzeugt. Er sieht darin eine Wiederbelebung der Gewerkschaften. Heute fallen mehr als 800 Flüge aus. Der Streik soll zunächst bis Samstag dauern.

Im Vergleich zu Frankreich sei Deutschland immer noch ein streikarmes Land, sagt der Arbeitssoziologe Stefan Schmalz von der Universität Jena im Deutschlandradio Kultur. "Wichtig ist doch zu sehen, dass sich einiges verändert", sagte er. Gerade im vergangenen Jahr habe man gesehen, dass viele Beschäftigte gestreikt hätten und es viele Streiktage gab.

Oft Streiks bei früheren Staatsbetrieben

Aus seiner Sicht seien die Gewerkschaften auch häufiger dazu bereit, sich mehr einzusetzen und den Konflikt zu suchen. "Man sieht dort auch eine gewisse Erneuerung und Revitalisierung der Gewerkschaften", sagte Schmalz. Auffallend sei auch, dass häufig bei früheren Staatsbetrieben gestreikt werde, wie jetzt bei der Lufthansa. Die Piloten kämpften für ihr gutes Recht, da die Gehälter seit mehren Jahren nicht erhöht worden seien. "Es ist sicher etwas dran, dass die Konzernstrategie dort eine Rolle spielt", sagte er.  


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Drei Tage Streik und noch einer oben drauf – auch morgen, Samstag, bleiben hunderte Maschinen der Lufthansa am Boden und mit ihnen insgesamt zehntausende Passagiere. Streiks sind ärgerlich, aber sie sind nun auch mal das letzte Mittel, das Beschäftigte haben, um für mehr Geld oder bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, ein nicht ohne Grund verbrieftes Recht deshalb. Nur, geht es bei diesem Streik eigentlich darum oder erleben wir einen Stellvertreterkrieg, in dem es eigentlich um mehr geht, um Konzernstrategien nämlich? Fragen an Stefan Schmalz, er ist Arbeitssoziologe an der Universität Jena und einer der Herausgeber des vor zwei Monaten erschienenen Buches "Streikrepublik Deutschland". Herr Schmalz, guten Morgen!

Stefan Schmalz: Guten Morgen!

Frenzel: Kämpfen die Piloten gerade für ihr gutes Recht oder gehen sie zu weit?

Schmalz: Ich denke, sie kämpfen für ihr gutes Recht, da sie seit mehreren Jahren keine Lohnerhöhung mehr bekommen haben. Es hört sich immer so an, als ob das eine unglaublich hohe Forderung sei, 22 Prozent, aber seit 2012 hat es keine Gehaltserhöhung mehr gegeben, das sind quasi Forderungen von 3,7 Prozent oder 3,6 Prozent im Jahr, die die Piloten stellen.

Frenzel: Nun würden Lufthansa-Vertreter sagen, ja, das ist richtig, aber diese Gehälter sind erstens auch wirklich enorm groß, und zweitens, eigentlich  wollt ihr mit unserem Streik doch was anderes treffen, nämlich die Frage, wie wir diesen Konzern umbauen. Ist da was dran, an dieser Kritik?

Schmalz: Na ja, es ist sicherlich was dran, dass die Konzernstrategie dort eine Rolle spielt, weil die Lufthansa ja selbst nicht bereit ist, höhere Löhne zu zahlen – also, das Angebot beläuft sich auf 2,7 Prozent –, und in den Konzernen eine massive Umstrukturierung geplant ist, eben mit dem Ausbau von Eurowings, was zu sehr, sehr großen Konflikten führt. Aber letztlich spielen die Löhne natürlich eine große Rolle, weil, mit Eurowings sollen die Kosten um insgesamt 40 Prozent reduziert werden und das trifft natürlich die Beschäftigten.

Billig-Airlines halten Gewerkschaften raus

Frenzel: Der Druck kommt von den Billigairlines, von Ryanair oder easyJet oder anderen eben auch, die sehr viel günstiger Flüge anbieten, damit eben auch Kunden gewinnen. Warum erleben wir da, wo ja jetzt schon viel niedrigere Gehälter gezahlt werden, eigentlich nicht den Aufstand der Beschäftigten?

Schmalz: Das ist eine sehr gute Frage. Ich vermute, dass die entsprechenden Gewerkschaften, die drei, die streikaktiv sind – also Cockpit, Ufo und Verdi –, dort einfach nicht sehr gut organisatorisch aufgestellt sind. Und von Ryanair weiß man auch, dass die Airline nicht gerade zimperlich mit Gewerkschaften umgeht, also sehr versucht, die Gewerkschaften dort hinauszuhalten.

Frenzel: Also erleben wir eine Arbeitswelt, wo Arbeitnehmerrechte, gewerkschaftliche Mitbestimmung und eben auch Streik noch da stattfindet, wo die Bedingungen eigentlich ganz gut sind, aber da, wo es eigentlich dringend notwendig wäre, dass da die Gewerkschaften einfach nicht mehr genügend stattfinden?

Schmalz: Man kann sagen, dass die Arbeitswelt sich massiv verändert hat an dem Punkt dahingehend, dass – in unserem Buch haben wir von zwei Tarifwelten gesprochen, Regulierungswelten –, dass es Bereiche gibt, die weiterhin, wo der Flächentarifvertrag und solche Dinge, eine wichtige Rolle spielen, und es dann wiederum Bereiche gibt, wo systematisch ja versucht wird, gar nicht erst diese Standards von Arbeitgeberseite zuzulassen. Also, das spaltet sich auf, das sieht man in vielen, vielen Bereichen.

Aber es ist so, dass es durchaus natürlich auch Organisationserfolge der Gewerkschaften gibt. Also, in einigen Bereichen, Gewerkschaften gibt es ja steigende Mitgliederzahlen, vor allem im Industriebereich, aber auch bei einigen Fachbereichen von Verdi. Also, das ist glaube ich ein offenes Feld, wo Konflikte ausgetragen werden.

Kostendruck auch im Premiumsegment

Frenzel: Was muss denn da eine kluge Strategie von Gewerkschaften sein? Wir erleben ja zurzeit eher die Entwicklung, dass es immer kleinteiliger wird, kleinere Gewerkschaften, die sich um ihre jeweiligen Interessengruppen kümmern. Ich nehme mal das Beispiel der Piloten: Man stelle sich vor, Cockpit im Verein mit Verdi und vielen anderen würde nicht nur Lufthansa lahmlegen, sondern zum Beispiel auch die Billigflieger, mit dem Ziel, die Löhne insgesamt zu erhöhen. Wäre das nicht der wirklich starke Arm?

Schmalz: Das wäre natürlich eine Strategie. Nur, wie es oft so ist, ist es natürlich nicht einfach, dazu müsste überhaupt erst eine organisatorische Basis bei den Billig-Airlinern sein, und es kommen neben den Billig-Airlinern natürlich noch andere Konkurrenten mit ins Spiel, die Sie nicht genannt haben. Also, es gibt auch Kostendruck im Premiumsegment, also, insbesondere von Airlines aus dem Nahen Osten, die eine sehr hohe staatliche Unterstützung haben.

Das haben Lufthansa und so weiter nicht mehr, weil die ganzen Unternehmen privatisiert wurden. Man sieht ohnehin, dass solche Konflikte aufbrechen in ehemaligen Staatsbetrieben oftmals, die dann sehr hart jetzt durchregieren. Also, das Beispiel Deutsche Post aus einem ganz anderen Sektor, wo wir ja sehr ähnliche Dynamiken, Konflikte erlebt haben, wo es auch um die Auslagerung von Beschäftigten in einen anderen Bereich, ein neues Unternehmen, die DHL Delivery GmbH ging und die Konfliktdynamik nicht so unähnlich war wie bei Lufthansa, nur dass jetzt bei den Fluglinien ja drei Gewerkschaften aktiv sind.

Viele Konflikte kommen zusammen

Frenzel: In Ihrem Buchtitel versehen Sie die Aussage noch mit einem Fragezeichen, "Streikrepublik Deutschland?". Bewegt sich unser traditionell ja eigentlich streikarmes Land genau in diese Richtung?

Schmalz: Das Fragezeichen würde ich auch weiterhin dort schreiben. Wichtig ist zu sehen, dass sich doch einiges verändert. Deutschland ist nach wie vor im Vergleich streikarm, also, wenn man es jetzt mit Ländern wie Frankreich zum Beispiel vergleicht. Und diese Relation, würde ich sagen, verschiebt sich nicht. Aber es ist doch schon so, das hat man vor allem im letzten Jahr gesehen, im Jahr 2015, wo sehr viele Beschäftigte gestreikt haben und auch sehr hohe Anzahl von Streiktagen gab – ich glaube, eine Million Beschäftigte, über zwei Millionen Streiktage –, dass dort doch viele Konflikte zusammenkommen.

Das sind teilweise defensiv geführte Konflikte wie jetzt dieser Fall Lufthansa oder wie dieser Fall Deutsche Post. Aber auch teilweise Bereiche, wo Beschäftigte, ja, in die Offensive gehen aus Bereichen, die traditionell eher streikarm waren. Dort könnte man den Erzieherinnenstreik nennen, wo es ja wirklich um eine Aufwertung der Beschäftigten, eine Aufwertung der Beschäftigungsbedingungen und der Löhne ging.

Also, da kommt sehr viel zusammen. Man kann sagen, dass dieses alte deutsche Modell mit regulierten Tarifbedingungen, mit Betriebsräten … also ein großer Bereich entstanden ist, wo das nicht mehr trägt. Dort gibt es neue Konflikte, wie zum Beispiel bei Amazon. Und dass insgesamt vielleicht die Gewerkschaften doch bereit sind, sich stärker einzusetzen, stärker auch den Konflikt suchen, was vorher in den letzten Jahren nicht immer der Fall ist. Also, man sieht dort auch eine gewisse Erneuerung oder Revitalisierung von den Gewerkschaften, ein Prozess, der sehr, sehr widersprüchlich abläuft.

Frenzel: Sagt Stefan Schmalz, Arbeitssoziologe an der Universität Jena. Vielen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Stefan Schmalz, Klaus Dorre, Thomas Goes, Marcel Thiel. Streikrepublik Deutschland?, Campe-Verlag, 29,95 Euro.  

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