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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.08.2017

Arbeitslosigkeit 4.0Machen wir was draus!

Von Martin Tschechne

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Logo der Bundesagentur für Arbeit mit Menschenmenge. (imago / Ralph Peters)
Logo der Bundesagentur für Arbeit mit Menschenmenge. (imago / Ralph Peters)

Vom Taxifahrer bis zum Steuerfahnder: Annähernd jeder zweite Arbeitsplatz könnte bald durch Algorithmen ersetzt werden. Für die potenziellen Arbeitslosen ist das auch eine Chance, meint Martin Tschechne: ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben - jenseits der Arbeit.

Hat sich jemals einer Gedanken um die Zukunft des Arbeitsmarktes gemacht, während er oder sie einen Euro in einen Kaffeeautomaten warf? Die Gelegenheit wäre günstig! Denn während unten eine blassbraune Brühe in einen Plastikbecher pieselt, drängt sich die Frage geradezu auf: Welcher bedauernswerte Barista, also: Meister in der Kunst des Kaffeekochens, verliert in diesem Moment und durch genau diese Transaktion – Euro gegen die Illusion von Genuss – seinen Arbeitsplatz?

Die gleiche Verknüpfung gilt sinngemäß für alle, die sich den Einkauf ins Haus liefern lassen, ihren Kontostand auf dem Bildschirm überprüfen oder ihre Zeitung lieber online auf einem Tablet lesen, als sich mit einem Quadratmeter knittrigen Papiers herumzuplagen: Was ist eigentlich aus dem Einzelhändler geworden, dem freundlichen Menschen hinter dem Bankschalter oder dem Zeitungsausträger, der jeden Morgen um fünf auf seinem Moped durch die Straße geknattert kam? Ganz zu schweigen von den Druckern, Setzern, Metteuren, an die sich heute sowieso nur noch erinnern kann, wer ohnehin keine Zeitung mehr liest – sei es wegen der schlechten Augen oder dem biografisch begründeten Desinteresse an allem, was mit Zukunft zu tun hat.

Das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen

Es gilt für die Anzugjacke, die Tiefkühlpizza, das SUV mit Achtzylinder, die Quartzuhr, das Selbstbauregal – kurz: für alles, was sich mit weiterem Fortschritt der Technik noch ein bisschen rationeller, massenhafter und billiger herstellen lässt.

Was sich seit der Erfindung des Faustkeils und des Pfluges nämlich in einem Rhythmus vollzogen hat, dem Lehrbetriebe, die Bildungspolitik und auch die Arbeitnehmer selbst noch mit einiger Mühe folgen konnten – wenn die Zündung im Auto fortan elektronisch gesteuert sein soll, bitte, dann lernt der Mechaniker eben um auf Mechatroniker – das hat mit Digitalisierung, Vernetzung und dem Heranreifen von künstlicher Intelligenz ein Tempo aufgenommen, dem alle Planung nur noch staunend hinterherschauen kann. Zumindest alle Planung, die den vertrauten Mustern und Ritualen folgt.

Bis zu fünfzig Prozent aller heute noch wichtigen Arbeitsplätze, so die Warnung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die OECD, werden innerhalb einer Zeitspanne wegfallen, die eine Mehrheit von uns noch sehr bewusst erleben wird. Taxifahrer, Tankwarte, viele Handwerker, womöglich Hochschulprofessoren, vielleicht auch Steuerfahnder. Was die Studie ankündigt, sehr klar und unsentimental, ist das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen.

Der erste Algorithmus wurde schon in den Vorstand berufen

Mit allen bedrohlichen Konsequenzen: Arbeitslosigkeit auf breitester Front, dem Verschwinden ganzer Gesellschaftsschichten, der Gefahr, in soziale Bedeutungslosigkeit abzustürzen. Denn dank flexibler und lernfähiger, sogar denkender und planender Maschinen lassen sich nicht nur die groben Arbeiten des Schleppens und Stapelns ersetzen – bedroht sind längst und vor allem Arbeitsplätze mittlerer Qualifikation: Verwaltung, Service, Kundenbetreuung. Und auch höher qualifizierte, sogar mehr oder minder kreative Arbeitsplätze geraten in Gefahr. Computerprogramme schreiben Schlagertexte (das allerdings haben wir schon lange geahnt!), der Autopilot ersetzt den Piloten, der Diagnose-Computer vielleicht schon bald den Hausarzt. Ein britischer Kapitalanleger hat kürzlich sogar einen Algorithmus in den Vorstand berufen. Es heißt, das lernfähige Programm habe schon ein paar ganz intelligente Entscheidungen getroffen. Vielleicht gar die Vorstands-Gehälter überprüft? Na, kommt vielleicht noch…

Aber wo bleiben die Arbeitnehmer, die bald keine Arbeit mehr bekommen? Für sie liegt im Fortschritt der Technik nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance. Nämlich die, ihrem Leben einen ganz anderen Sinn zu geben als den, immer nur ein williger und zuverlässiger Angestellter zu sein. Sollen doch Computer und denkende Maschinen die Arbeit tun, die sie tun können – sie öffnen damit Freiräume für wichtigere Dinge. Sie zu nutzen, braucht Mut und Fantasie. Wie wäre es zum Beispiel mit besserem Kaffee?

Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne ist promovierter Psychologe, arbeitet als Journalist und lebt in Hamburg. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie DGPs zeichnete 2012 mit ihrem Preis für Wissenschaftspublizistik aus. Zuvor erschien seine Biografie des Begabungsforschers William Stern (Verlag Ellert & Richter, 2010).

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