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Zeitfragen | Beitrag vom 18.09.2018

ArbeitskollektiveAuf die Motivation kommt es an

Von Pia Rauschenberger

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Zwei Fahrradkuriere sind vor einer Stadtkulisse zu sehen. Verwischte Elemente des Bildes vermitteln den Eindruck von Geschwindigkeit. (picture alliance / Sodapix AG / Siegl Andrea)
Beim Fahrradkurierkollektiv Fahrwerk sind alle Mitarbeiter gleichberechtigt. (picture alliance / Sodapix AG / Siegl Andrea)

Ob Marketing, Buchhaltung oder Wartung: Beim Fahrradkurierkollektiv Fahrwerk bringt sich jeder da ein, wo er möchte. Und keiner ist Chef. Das Arbeiten ohne Hierarchien bringt für die Beschäftigten viele Vorteile - aber ist es auch effektiver?

Aleksander Heider hat Schallplatten auf seinem Lastenrad geladen, insgesamt 80 Kilogramm. Damit heizt er durch den Berliner Straßenverkehr. Er arbeitet für Fahrwerk, das ist ein kollektiv organisierter Fahrradkurierdienst. Seine Ware liefert er in einem Hinterhof in Kreuzberg ab.

"Yo, ich bin jetzt mit der Plattentour durch. Wir hatten in der Köpenicker so ein Fahrstuhlproblem. Ich bin da irgendwie selbst nicht mehr rausgekommen, dann bin ich rausgekommen, dann sind die Sachen nicht rausgekommen."

"Ich weiß, ich hab da auch schon mal dringesteckt."

Das Besondere am Fahrradkurierdienst Fahrwerk ist, dass Aleksander und seine Kolleginnen und Kollegen zusammen Entscheidungen treffen. Alle müssen sich um alles kümmern: Marketing, Buchhaltung, Wartung der Lastenräder. Hierarchien gibt es keine.

"Eben der Punkt, dass du nicht so einen Spießrutenlauf machen musst. Nennen wir es Karriere. Wo es eigentlich gar nicht darum geht, ob du wirklich was kannst, sondern es sind ja immer andere, die darüber entscheiden, in welche Position du kommst. Und jetzt bei uns ist es wirklich so, du könntest, wenn du möchtest, dich vom ersten Tag an komplett einbringen. In Bereiche, die in anders strukturierten Unternehmen überhaupt nicht denkbar wären."

Arbeiten im Kollektiv. Funktioniert das besser als in konventionell organisierten Unternehmen? Das hängt von vielen Faktoren ab, sagt Alexander Kritikos. Er ist Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

"Das funktioniert vor allem dann besonders gut, wenn die Belegschaft letztlich auch komplett Eigentümer ist und nicht eine Entlohnung bekommt, sondern eine Beteiligung am Betriebsgewinn. Das ist eine Herangehensweise, die man durchaus auch in den USA vor allem im Silicon Valley auch sieht."

Eine Studie der Deakan Universität in Australien sagt: Profitbeteiligung und Beteiligung des Personals an Entscheidungen hängen positiv mit Produktivität zusammen. Das gilt eben besonders für kollektiv organisierte Betriebe. Alexanders Kritikos sieht nicht per se einen Vorteil in weniger Hierarchien.

"Was vielleicht auch noch eine ganz wichtige Rolle spielt, ist die Geschwindigkeit der Entscheidung, wie wichtig die ist. Um mal so ein ganz plattes Beispiel zu nennen: wenn wir an eine Küche denken."

In einer Restaurantküche, die kollektiv organisiert ist, gäbe es dann nur Chefköche, die alle gleich viel zu sagen hätten.

"Aber es wird nicht funktionieren. Eine gute Küche funktioniert eben tatsächlich nur sehr hierarchisch."

Konflikte werden auf Augenhöhe ausgetragen

Berlin-Friedrichshain, im Büro des Fahrradkollektivs. Hier sitzt Mona Büren mit zwei Kollegen, alle Mitte 30. Statt Fahrradzufahren nehmen sie heute Anrufe von Kunden entgegen, koordinieren ihre Kollegen, kümmern sich um Reparaturen. Mona hat schon in anderen Unternehmen gearbeitet. Die Arbeitsbedingungen bei Fahrwerk findet sie nicht unbedingt besser. Und hoch sind die Gehälter auch nicht wirklich.

"Aber was mir am Kollektiv arbeiten wirklich viel wert ist: wenn ich einen Konflikt mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe, dann trag ich den auf Augenhöhe aus. Dann ist das zwar immer noch ein Konflikt, aber wie ich den verhandle, ist komplett anders und das ist mir so viel mehr wichtiger als, wie viel Stundenlohn ich habe. Das verbessert meine Arbeitsatmosphäre um einen so großen Anteil, dass es mir so viel wert ist, dass ich die anderen Sachen, die Nachteile in Kauf nehme." Ihr Kollege Aleksander Heider:

"Es gibt immer diese Disbalancen, dass es einige wenige gibt, die viel schultern müssen und es einige wenige gibt, die jetzt noch kaum was außer ihrer eigentlichen Schicht einbringen. Das ist auch nicht einfach damit umzugehen. Du kannst nicht abschalten in dem Sinne. Das ist so wie 24/7 Fahrwerk."

Nur bestimmte Typen eignen sich fürs Kollektiv

Wirtschaftswissenschaftler Alexander Kritikos sieht die Vorteile der Kollektivarbeit – aber nur für bestimmte Charaktere. Menschen, die im Kollektiv arbeiten, sind ähnlich wie Selbständige, sagt er: "Also man sucht letztlich so ein bisschen das, was wir letztlich Intrapreneure nennen. Also Leute, die etwas Innovatives machen, es aber nicht unbedingt als Selbständige Unternehmer machen, sondern als Unternehmer im Unternehmen agierend." Bei Fahrwerk müssen Neueinsteiger probearbeiten. Worauf es aber eigentlich ankommt, ist die Motivation. Mona Büren:

"Die Leute müssen sich die Aufgaben so ein bisschen selber nehmen. Und dann muss man bei unschönen Aufgaben gucken, dass sie eben trotzdem verteilt werden."

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