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Studio 9 | Beitrag vom 06.07.2016

Arbeitsbedingungen von EssenslieferantenDas harte Brot der Kuriere

Von Robert Ackermann

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Ein Fahrradkurier ist im Auftrag der Firma Deliveroo unterwegs. Deliveroo beliefert Kunden mit Essen aus Restaurants. (picture alliance/dpa/Gregor Fischer)
Ein Fahrradkurier von Deliveroo unterwegs in Berlin. (picture alliance/dpa/Gregor Fischer)

Sie werden schlecht bezahlt und leben im Straßenverkehr der Großstädte obendrein ziemlich gefährlich: Fahrradkuriere, die für Start-up-Firmen wie Deliveroo oder Foodora Essen an Kunden liefern, arbeiten oft unter harten Bedingungen. Viele von ihnen sind ausländische Studenten.

Jason bremst, springt ab und schließt sein Fahrrad an einen Laternenpfahl. Hier müsste die richtige Adresse sein:

"Jetzt muss ich die Name auf die Tür gucken... und das ist vierter Etage." 

Mit einer riesigen schwarzen Box auf dem Rücken eilt der Amerikaner, der seinen echten Namen nicht öffentlich machen will, die Treppe hoch. Mit dabei: Pasta aus einem Restaurant in Berlin-Neukölln.

"Hello....Hallo..." 

Er übergibt das Gericht und bekommt einen Euro Trinkgeld in die Hand. Dann vibriert sein Handy. Das nächste Restaurant wartet schon. Jason – Mitte Zwanzig, Vollbart, Wollmütze auf dem Kopf – ist als Kurier für das Start-Up Deliveroo unterwegs. Genau wie Konkurrent Foodora bietet der Dienst die Möglichkeit, über eine Webseite Essen bei Restaurants zu bestellen, die normalerweise nicht liefern. Hunderte Radfahrer wie Jason sind dafür in deutschen Großstädten unterwegs. Viele von ihnen sind ausländische Studenten oder haben sich entschieden, einfach so mal für ein paar Monate hier zu leben. So auch Jason. Er nutzt den Job, um mehr über seine neue Berliner Nachbarschaft zu erfahren.

"Man kann die Stadt kennenlernen. Es ist cool. Es gibt manche Viertel in Berlin, die sind nicht so hip und man kann bisschen durchlaufen."

Viele Kunden beschweren sich

Per App bekommen Jason und seine Kollegen ihre Aufträge. Ein Computersystem berechnet Kochzeiten und Strecken so, dass das Essen möglichst warm beim Kunden ankommt. Das gelingt aber nicht immer. In den Google-Bewertungen der Unternehmen beschweren sich viele Kunden über zu spät geliefertes Essen oder übergeschwappte Soßen. Vereinzelt werden Bestellungen offenbar komplett storniert. Laut Foodora-Geschäftsführer Julian Dames ist das aber die Ausnahme.

"Von den Zahlen ist das unter ein Prozent. Es gibt Situationen, wo die Zutaten ausgehen. Es gibt Situationen, wo die Restaurants so beschäftigt sind, dass sie das nicht machen können."

Aber auch auf die Kuriere kommt es an, und die arbeiten bei den Lieferdiensten unter schwierigen Bedingungen. Deliveroo-Fahrer wie Jason kriegen oft nur 7,50 Euro pro Stunde – plus ein bis drei Euro zusätzliche Prämie pro Lieferung. Ein Grundgehalt unter Mindestlohn. Die Hälfte der Fahrer sind hier Freiberufler, die andere Hälfte Minijobber. Bei Foodora bekommen die meisten Fahrer zwischen 8,50 und 9 Euro pro Stunde.

Die Löhne seien "ein Witz", klagt Ver.di

Laut Geschäftsführer Dames sind hier aber keine Freiberufler eingesetzt. Für Jan Jurzyk von der Gewerkschaft Ver.di ist das Lohn-Dumping. Er verweist auf die Tarifverträge der Branche, die für Kuriere in Berlin Stundenlöhne von rund 12 Euro vorsehen.

"Das ist ein ziemlicher Witz, vor allem für die sportliche Leistung, die die hinlegen. Man kann nicht cool, smart und menschenfreundlich wirken wollen und dann die Leute schlecht bezahlen."

Während Deliveroo sich nicht zum Thema äußern will, verteidigt Foodora-Chef Dames seine Löhne.

"Die Fahrer haben on top noch ihr Trinkgeld. Für die Flexibilität, die wir auf der anderen Seite bieten, bieten wir, glaube ich, ein sehr attraktives Gesamtpaket."

Zwar verdienen viele Lieferfahrer, die direkt für Gaststätten arbeiten, auch nur im Mindestlohnbereich, allerdings – so argumentieren Gewerkschafter – stehen da auch keine millionenschweren Investoren dahinter. Bei Foodora und Deliveroo müssen die Fahrer außerdem ihre privaten Fahrräder und Handys nutzen. Wer kein eigenes Rad hat, kann sich von Deliveroo eins stellen lassen – für fünf Euro Miete am Tag. Eine Unfallversicherung gibt es zwar angeblich bei Foodora, die Freiberufler bei Deliveroo tragen das Unfallrisiko aber selbst. Jason fährt deswegen besonders vorsichtig.

Die Angst fährt immer mit

"Ich habe immer Angst, weil die Autofahrer so chaotisch fahren. Die gucken nicht auf Radfahrer. Das ist manchmal gefährlich. Ich muss immer besonders aufpassen. Wenn etwas passiert, kann ich nicht mehr arbeiten."

Die Foodora-Fahrer wehren sich gegen ihre Bedingungen bisher kaum – zumindest nicht öffentlich. Bei Deliveroo haben einige Fahrer jetzt einen Brief an die Chefs geschrieben. Andere fahren ohne Logos auf den Rucksäcken. Bisher ohne nennenswerten Erfolg. Internationale Investoren haben in die Start-Ups investiert. Foodora beispielweise gehört zu "Delivery Hero", einer Firma, die auch die Webseite "Pizza.de" betreibt.

Einer der Eigentümer: die berüchtigte Start-Up-Schmiede "Rocket Internet" – in Branchenkreisen ist sie bekannt für rüde Geschäftsmethoden. Bald schon soll "Delivery Hero" an die Börse gehen. Für Kurierfahrer wie Jason sind das vermutlich keine guten Aussichten. Es sei denn, die Kunden bestellen künftig nur noch dort, wo es faire Löhne gibt.

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