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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.11.2016

Arabische Filmtage Ein Spiegel der Frauenbewegung

Antonie Nord im Gespräch mit Dieter Kassel

Frauen demonstrieren in Kairo auf dem Tahrir-Platz gegen sexuelle Gewalt (dpa/picture alliance/Romain Beurrier/Wostok Press)
Frauen standen im Arabischen Frühling, wie hier in Ägypten, an der Spitze der Proteste. Das spiegelt sich jetzt auch in zahlreichen Filmen wider. (dpa/picture alliance/Romain Beurrier/Wostok Press)

Filmemacherinnen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Arabischen Filmtage in Berlin. Einen schönen, neuen Trend sieht darin die Organisatorin Antonie Nord, Leiterin des Referats Naher Osten und Nordafrika der Heinrich Böll Stiftung.

"Das Angebot ist in der Tat riesengroß", sagte Antonie Nord, Leiterin des Referats Naher Osten und Nordafrika der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, über die Auswahl der Filme für die  derzeit laufenden Arabischen Filmtage "Yallah -Mutige Frauen in Nordafrika und Nahost" im Deutschlandradio Kultur. "Es gibt eine erstaunlich breit gefächerte Filmszene in verschiedenen arabischen Ländern." Man habe die ganze Bandbreite zeigen wollen. "Insofern hatten wir wirklich die Qual der Wahl."

Filmemacher testen Tabuthemen aus  

Als Beispiel nannte Nord den ägyptischen Eröffnungsfilm "Nawara", der vom schwierigen Leben eines Hausmädchens erzähle und aus der Perspektive einfacher Menschen verständlich mache, wieso es in Ägypten im Arabischen Frühling zu Protesten kommen musste. Ein marokkanischer Film über Prostitution dürfe in der Heimat nicht gezeigt werden und habe dort als Tabuthema hohe Wellen geschlagen. "Die Filmemacher testen das teilweise aus"; sagte Nord. "Einige Dinge sind möglich in den Ländern, einige Dinge sind nicht möglich und dann gehen sie eben ins Exil und drehen da ihre Filme." Die Filme stießen auf großes Interesse und die Kinos seien in den Ländern voll.  Es gebe dann auch immer wieder Proteste und rege Debatten.  

Kontrast zum gängigen Bild    

Immer mehr Filme würden in der Arabischen Welt von Frauen gemacht. "Das ist ein schöner Trend", sagte Nord. "Es gibt immer mehr, gerade auch junge Filmemacherinnen." Die Mehrheit der Filme auf den Filmtagen sei von weiblichen Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen. Das spiegele auch wider, dass es eine starke Frauenbewegung in den Ländern gebe. Auch in den sozialen Netzwerken seien Bloggerinnen und YouTuberinnen verbreitet, die alt hergebrachte Geschlechterrollen aufbrechen wollten. Das stehe im Gegensatz zu dem gängigen Bild, dass in Deutschland von der arabischen Welt gepflegt werde.


Das Interview im Wortlaut:

!Dieter Kassel:!! Wenn es in Filmen aus Europa oder Nordamerika zum Beispiel um Frauen in der arabischen Welt geht, dann erleben wir sie oft als Opfer der männergeprägten Gesellschaft. In arabischen Filmen, einigen zumindest, muss das nicht unbedingt so sein. Das kann man in Berlin gerade selbst überprüfen, denn da finden die Arabischen Filmtage statt unter dem Motto: Mutige Frauen in Nordafrika und Nahost. Mit ausgewählt hat die gezeigten Filme Antonie Nord, sie ist Leiterin des Referats Naher Osten und Nordafrika bei der Heinrich-Böll-Stiftung. Schönen guten Morgen, Frau Nord!

Antonie Nord: Guten Morgen!

Kassel: War die Auswahl denn schwierig im Sinne von war das Angebot riesengroß?

Nord: Ja, das Angebot ist in der Tat riesengroß. Es gibt eine erstaunlich breit gefächerte Filmszene in verschiedenen arabischen Ländern und da war es nicht ganz leicht, eine gute Auswahl zu treffen, weil wir auch natürlich nicht uns auf ein Land konzentrieren wollten, besonders viele Filme kommen zum Beispiel aus Ägypten, sondern die ganze Bandbreite zeigen wollten. Und insofern hatten wir wirklich die Qual der Wahl. Aber ich finde, dass wir insgesamt jetzt ein sehr buntes und breit gefächertes Programm zusammengestellt haben.

Kassel: Machen Sie doch vielleicht an ein, zwei Beispielen mal klar, was für Filme da jetzt zu sehen sind!

Nord: Ja, das erste Beispiel, das ich Ihnen nennen möchte, ist unser Eröffnungsfilm, "Nawara" heißt der, das ist ein ägyptischer Film. Da geht es eben um eine junge Frau, die in Ägypten als Hausmädchen arbeitet in einer reichen ägyptischen Familie, und sie ist sehr arm, aber eben nicht ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ganz im Gegenteil, sie stützt sogar noch und baut ihren Mann auf, der sehr frustriert ist, weil er eben sich bestimmte Dinge nicht leisten, die uns selbstverständlich erscheinen, wie zum Beispiel mit seiner Ehefrau zusammenwohnen zu können. Und das finde ich ganz interessant, diese Sichtweise.

Der Film zeigt also das Leben der einfachen Menschen in Ägypten zu Beginn des Arabischen Frühlings, und man kann sehr gut nachvollziehen, warum es dann zu diesen Prozessen gekommen ist, weil er eben auch die Behördenwillkür zeigt, die verkrusteten Machtstrukturen und auch die Ignoranz der kleinen Oberschicht gegenüber den Sorgen der großen Mehrheit der Menschen in Ägypten. Und gleichzeitig zeigt er eben auch, dass der Hauptgrund für Unfreiheit, gerade auch von Frauen, eben eher die Armut ist als die Religion.

Ein anderer Film ist "Parisienne", der handelt von einer jungen Frau, die ausbricht, die vom Libanon nach Paris zieht und eben sozusagen die gesellschaftlichen Konventionen hinter sich lässt ihrer Familie, ihrer libanesischen Familie und sich sozusagen ausprobieren will. Sie ist 18 Jahre alt, sie ist sehr stark, weil sie eben ihre Angst überwindet und in diesem jungen Alter in ein anderes Land zieht und dort eben ein freies Leben lebt.

Die Filmemacher testen aus

Kassel: Jetzt haben Sie ein Beispiel aus Ägypten und eins aus dem Libanon genannt. Der Libanon ist ein relativ liberales Land in der arabischen Welt, Ägypten hat eine Riesenfilmszene. Wie unterschiedlich sind denn die Filme, abhängig davon, aus welcher Region sie kommen?

Nord: Also, Filme aus dem Libanon sind sicherlich … Sie haben schon gesagt, können freizügiger sein als Filme aus anderen Ländern. Wobei wir auch einen marokkanischen Film haben, einen Film eines marokkanischen Filmemachers, in dem es um Prostitution geht, der allerdings in Marokko auch nicht gezeigt werden darf, sondern der in Cannes gezeigt wurde und auch sehr hohe Wellen geschlagen hat in Marokko, weil Prostitution zum Beispiel immer noch ein Tabuthema ist in Marokko. Also, die Filmemacher testen das teilweise aus. Einige Dinge sind möglich in den Ländern, einige Dinge sind nicht möglich und dann gehen sie eben ins Exil und drehen da ihre Filme.

Kassel: Wer kann denn überhaupt – und wer tut es auch – in den Ländern, in einigen arabischen Ländern zum Beispiel diese Filme sehen? Sind das dann auch in erster Linie Zuschauerinnen oder – was ja vielleicht sinnvoller wäre – gucken sich dann auch Männer diese Filme an?

Nord: Ich denke, das stößt bei beiden Geschlechtern auf großes Interesse. Es ist noch nicht so lange her, dass so frei über zum Beispiel auch Sexualität und Liebe Filme gedreht werden konnten. Und wenn die Filme gezeigt werden, sind die Kinos voll und da gehen Frauen und Männer hin. Es ist eher das Problem, ob sie gezeigt werden und ob sie nur in der Hauptstadt gezeigt werden oder eben auch auf dem Land. Aber sie rufen eben auch teilweise Proteste hervor, damit muss man auch rechnen. Aber es ist ja auch gut, wenn sie Diskussionsprozesse auslösen.

Schöner, neuer Trend

Kassel: Werden denn in der arabischen Welt Filme über Frauen auch im Wesentlichen von Frauen gemacht?

Nord: Immer mehr, das ist ein sehr schöner Trend, wie ich finde. Es gibt immer mehr gerade auch junge Filmemacherinnen. Wir haben hier auch bei unseren Filmtagen fast nur Filme von weiblichen Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen, bis auf ich glaube zwei Beispiele. Und das ist eben ein sehr schöner neuer Trend, der auch ganz gut passt insgesamt in die Entwicklung in der arabischen Welt.

Es gibt eine sehr starke Frauenbewegung, kann man eigentlich sagen, auch in den sozialen Netzwerken, es gibt Youtuberinnen und Bloggerinnen et cetera, die sozusagen sehr aktiv sind und althergebrachte Geschlechterrollen aufbrechen wollen, sich damit nicht mehr abfinden wollen. Und das steht eben so ein bisschen im Gegensatz zu dem Bild, was wir hier von der arabischen Welt oft haben.

Kassel: Aber ist das Bild, das gerade – die Spielfilme, Sie haben zwei Beispiele genannt, es gibt ja noch mehr, dass die von kämpferischen Frauen, die versuchen, mit den Schwierigkeiten, die das Leben ihnen bringt, umzugehen, die sich nicht unterkriegen lassen –, ist dieses Bild eine Vision eher, die auch etwas verstärken soll, oder zeigt das wirklich die Realität? Gibt es zum Beispiel einen großen Unterschied bei Ihnen zwischen den Spiel- und den Dokumentarfilmen?

Nord: Ja, ich denke, es ist einfach sehr gegensätzlich, wie auch in anderen Weltregionen eben auch in der arabischen Welt und in Nordafrika. Natürlich gibt es diese kämpferischen Frauen, aber man muss auch sagen, natürlich sind es oft Frauen, die aus einer bestimmten sozialen Schicht kommen, die einen höheren Bildungsabschluss haben, die sozusagen ihre Rechte einfordern. Aber wichtig ist uns eben auch zu zeigen, dass auch die einfachen Frauen, die eben nicht gebildet sind, dass auch die Mittel und Wege haben sozusagen, sich Freiheiten zu erkämpfen, und nicht automatisch, weil sie zum Beispiel ein Kopftuch tragen, unterdrückt sind, sondern, wie eben auch bei "Nawara" sichtbar wird, ihre eigenen Wege gehen, wie sie versuchen, sich ihre Träume zu erfüllen.

Fortschritt in Tunesien

Kassel: Hat der Arabische Frühling da etwas verändert? Also nicht nur in der Filmwirtschaft, sondern generell, was die Frauen angeht?

Nord: Auch das ist sehr unterschiedlich. In Tunesien ja, auf jeden Fall. Da geht es auch bis dahin, dass jetzt Gesetzesreformen auf den Weg gebracht werden, die zum Beispiel Gewalt gegen Frauen kriminalisieren, auch in Marokko, würde ich sagen, gibt es zögerliche Fortschritte, obwohl da auch noch sehr, sehr viel passieren muss, in anderen Ländern gar nicht.

Und natürlich am allerwenigsten dort, wo gerade in der arabischen Welt Krieg und Gewalt herrscht. Das ist klar, dass da die Situation gerade auch für Frauen verheerend ist, wenn ich an Syrien denke, an die Flüchtlinge. Frauen zum Beispiel in Syrien, in vielen Gebieten haben gar keinen Zugang mehr zu Gesundheitsversorgung, und was das zum Beispiel für das Thema Geburt bedeutet, muss ich glaube ich nicht ausführen.

Kassel: Antonie Nord leitet das Referat Naher Osten und Nordafrika der Heinrich-Böll-Stiftung und hat die Filme, die noch bis Sonntag bei den Arabischen Filmtagen in Berlin im Kino in der Kulturbrauerei gezeigt werden, zusammen mit anderen ausgewählt. Frau Nord, vielen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.+

Die Arabischen Filmtage "Yallah -Mutige Frauen in Nordafrika und Nahost" laufen noch bis Sonntag, 20. November in Berlin. Das Programm findet sich hier 

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