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Studio 9 | Beitrag vom 16.10.2014

Ara GülerDas Auge Istanbuls

Retrospektive des Fotografen im Willy-Brandt-Haus

Von Michaela Gericke

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(© Ara Güler)
Straßenszene, Istanbul, 1958 (© Ara Güler)

Ara Güler hat schon für das "Time Magazine" gearbeitet, für "Life", für den "Stern". Er ist der türkische Fotograf des Jahrhunderts. Das Willy-Brandt-Haus widmet ihm eine Retrospektive.

Ein Pferdekarren mit Männern, die auf großen Gebinden sitzen; der Weg unter den Rädern ist nass und schlammig. Im Hintergrund ragen Moschee-Kuppeln und Minarette in einen dunstigen Himmel. Eminönü, Istanbul, 1959, steht unter dem Schwarz Weiß Foto. Ara Güler ist zu der Zeit knapp 30 Jahre alt und fotografiert die verschiedenen Stadtteile Istanbuls mit dem Blick eines Liebenden: Wie Eugène Atget als Chronist das alte Paris auf seinen Bildern festgehalten hat, will Ara Güler seine Geburtsstadt verewigen. Dafür allerdings mischt er sich mit seiner Kamera immer auch unter die Menschen: Arbeiter und Arbeitslose, Trinker, Arme, Kinder. "Ein guter Fotograf muss die Menschen lieben," hat er einmal gesagt. Seine großen braunen Augen können ziemlich streng blicken, während er jetzt mahnt:

"Wenn die Menschen sich nicht mögen, dann sollen sie auch nicht fotografieren. Eine Kamera ist kein Kinderspielzeug, man soll das nur machen, wenn man das innerlich verspürt, wenn es dieses Gefühl von tief innen heraus gibt, und wenn das nicht so ist, dann soll man bitteschön nicht fotografieren."

Viele der Schwarz-Weiß-Fotos von Ara Güler erinnern in ihrer Ästhetik an Bilder aus Kinofilmen der italienischen Nachkriegszeit. Das Licht, die Häuser und Gassen, die Nähe zu den Menschen, die sonst keine Bühne haben: alles meisterhaft komponiert.

Schlich sagt er: Ich bin Journalist

Weiß fliegen die weiten Tellerröcke der Derwische, die Güler von oben fotografiert. Schon als Junge verbrachte Ara Güler die Ferien am liebsten in Filmstudios. Später empfand er es als einfach, den Charme des Maroden, die brodelnde Vitalität der Stadt am Bosporus festzuhalten. Ganz schlicht sagt er von sich: Ich bin Journalist.

"Für mich ist Fotografieren keine Kunst. Fotografen sind keine Künstler, so was wie Fotokunst gibt es nicht. Wir visualisieren nur die Zeit, die Ära, in der wir leben, mit unserem Apparat. Ich war vier mal im Krieg, habe für die wirklich wahrhaftig großen Zeitschriften und Magazine, eine war der Stern, ich habe für die Times als Korrespondent im Nahen Osten gearbeitet. Es sind Verrückte, die meinen, einen Sonnenuntergang abbilden zu können und sie bilden sich wer weiß was, darauf ein. Das bin ich nicht."

(© Ara Güler)Galatabrücke, Istanbul, 1954 (© Ara Güler)

Ara Güler erfasst auf seinen Fotografien die Essenz der Stadt. Istanbul in jenen Jahren: Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Da ist das Goldene Horn, da sind die Schiffe und die Menschen am Kai. Aus dem Bullauge in einer großen Schiffswand schiebt sich der Arm eines Mannes, um gerade noch den Brief der Frau am Ufer zu erfassen. Abschied. Aufbruch. Und schließlich Wandel einer Stadt, die heute nicht mehr so existiert wie Ara Güler sie noch zeigt:

"Natürlich ist die Stadt so wie sie war, verloren, aber doch nicht verloren, weil es gibt mich, ich lebe in dieser Stadt und daher ist das alte Istanbul nicht verloren. Ich bin der Mensch, der Istanbul gerettet hat."

Über 200 Fotos werden ausgestellt

Indem Ara Güler die Bilder von damals verewigt hat. Auch Erschreckendes, wie die vielen am Boden liegenden toten Demonstranten am Taksim Platz 1977, nach einem Massaker am 1. Mai. Zu den jüngsten Ereignissen am Taksimplatz, und zu den aktuellen politischen Ereignissen im Brennpunkt der Grenzregionen will sich der Fotograf nicht äußern.

Die Ausstellung ist eine deutsch-türkische Kooperation und zeigt über die Schwarz-Weiß-Bilder der 50er und 60er hinaus auch Farbfotografien bis zum Ende der 80er Jahre. Aus sämtlichen Ländern, in denen Ara Güler als Fotoreporter unterwegs war. Die Essenz seiner Arbeit bleiben allerdings die fotografischen Liebeserklärungen an seine Geburtsstadt und an die ländlichen Regionen Anatoliens: Die mystische, archaische Atmosphäre des Berges Nemrut fängt er 1960 ein, noch vor den massiven archäologischen Arbeiten und vor den Touristenmassen.

Zusammen mit Gisela Kayser vom Freundeskreis Willy-Brandt-Haus hat Hasan Senyüksel über 200 Fotos ausgesucht. Und glücklicherweise gibt es das Begleitbuch zur Ausstellung: Darin wirken die Bilder mitunter authentischer als an den Wänden, wo sie bisweilen ihren Reiz einbüßen, denn einige sind daran viel zu groß und verlieren an Schärfe: digitalisierte und ausgedruckte Reproduktionen sind natürlich für weniger Geld zu haben als echte Fotografien; aber dass es in der Türkei kein echtes Fotopapier und keine Chemie mehr gäbe, wie der Kurator argumentiert, wirkt wie eine schlechte Ausrede. Ein Wermutstropfen also, denn der türkische Jahrhundertfotograf hat es anders verdient. 

Die Ausstellung "Ara Güler - Retrospektive 1950 bis 2005" ist vom 16. Oktober 2014 bis 15. Januar 2015 im Willy-Brandt-Haus zu sehen.

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