Seit 11:00 Uhr Nachrichten

Dienstag, 22.01.2019
 
Seit 11:00 Uhr Nachrichten

Fazit | Beitrag vom 12.12.2018

Appell für neuen Umgang mit KolonialgeschichteDie Neugestaltung der Gegenwart

Ulrike Lindner im Gespräch mit Eckhard Roelcke

Beitrag hören Podcast abonnieren
14.02.2018, Hamburg: Drei Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt. Das MKG hat die Herkunftsgeschichte der drei Bronzen aus seiner Sammlung erforscht und präsentiert die Ergebnisse nun in einer Ausstellung.  (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Ulrike Lindner fordert einen intensiveren Umgang mit der "gemeinsamen mit der "gemeinsamen verflochtenen Geschichte der Kolonialisierenden und Kolonialisierten". (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Die Diskussion über die Rückgabe von kolonialem Raubgut setzt sich fort. In der „Zeit“ erscheint ein Appell, in dem Wissenschaftler einen „neuen Umgang mit der Kolonialgeschichte“ fordern. Mit-Initiatorin ist Ulrike Lindner geht noch weiter.

Seit Wochen ist eine hitzige Debatte um die Rückgabe von kolonialem Raubgut im Gange. Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom und Schriftsteller Felwine Sarr hatten mit ihrem Papier im Auftrag von Frankreichs Präsident Macron Ende November der Diskussion einen neuen Schub gegeben. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, einer der drei Gründungsdirektoren des Berliner Humboldt-Forums, hat im Deutschlandfunk Kultur seine Einwände formuliert und dafür heftigen Widerspruch bekommen, unter anderem von dem Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer.

"Europäische Kolonialherren haben sich unterstützt"

In dem Appell in der Wochenzeitung "Die Zeit" fordern nun die mehr als 80 Unterzeichner aus der ganzen Welt, die Debatte breiter zu führen. Ulrike Lindner, Professorin für die Geschichte Europas und des europäischen Kolonialismus an der Universität Köln, wünscht sich einen intensiveren Umgang mit der "gemeinsamen verflochtenen Geschichte der Kolonialisierenden und Kolonialisierten". Denn "die europäischen Kolonialherren haben sich untereinander unterstützt. Geraubt wurde Kulturgut zum Beispiel von Engländern, aber in alle europäischen Museen verteilt. Das ist ja nicht eine Sache, die nur ein Staat für ein Museum gemacht hat, sondern es waren oft größere Aktionen."

Historikerin Ulrike Lindner, Professorin für Europäische Geschichte und die Geschichte des Europäischen Kolonialismus an der Universität Köln, zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)Historikerin Ulrike Lindner hofft, dass Perspektiven eröffnet werden können für eine Neugestaltung der Gegenwart. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)

Prozess mit "Restitution nicht beendet"

Aber die Forscher in den Herkunftsländern vermissten auch ihre "Akteursrolle" in der Diskussion, so Lindner: "Die Akteursrolle der Kolonisierten, die ja zum Teil auch mitgehandelt haben und bestimmte Positionen eingenommen haben." Deswegen sei es ihr so wichtig, darauf hinzuweisen, dass es mit der Restitution nicht beendet sei, sondern dass es eine "schon lang währende Diskussion gibt, die weitergeführt werden muss und die eine Chance hat: Perspektiven können eröffnet werden, auch für eine Neugestaltung der Gegenwart".

Wir brauchen "eine freiere Debatte"

Darüber hinaus gibt es bereits mehrere lokale Initiativen wie Hamburg Postkolonial oder Köln Postkolonial, die schon "sehr gute Arbeit geleistet" hätten und Unterstützung brauchten: "Was wir uns vorstellen, ist eine Art Stiftung, die in Berlin ansässig ist und die eben solche Dinge bündeln kann." Allerdings sei das Humboldt Forum kein geeigneter Partner. "Es hat schon sehr viel Kritik ausgelöst und wir bräuchten doch eine freiere Debatte und einen Ort der Forschung", meint Lindner. 

Auch sei es wichtig, die Kolonialgeschichte in den Geschichtsunterricht aufzunehmen. "Es gibt eine sehr wirksame europäische Kolonialgeschichte, die auch auf die heutige Gegenwart stark wirkt, und dies wird sehr wenig in den Lehrplänen wahrgenommen." Vielleicht könne man das etwas stärker in den Vordergrund rücken, wünscht sich Ulrike Lindner.

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur