Mittwoch, 20.10.2021
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 25.08.2020

Apotheker und Autor Franz StadlerWie Profitgier die Versorgung mit Medikamenten gefährdet

Franz Stadler im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Symbolbild: Medikamente in einem Einkaufswagen. (Getty / Moment RF)
Arzneimittel sind ein besonderes Gut, mit dem bestmöglich umgegangen werden sollte, meint Franz Stadler. (Getty / Moment RF)

Dramatische Engpässe bei der Lieferung von Arzneimitteln: Davor warnt der Pharmazeut Franz Stadler. In seinem Buch "Medikamenten-Monopoly" legt der Apotheker die Probleme im weltweiten Handel offen. Er fordert völlig andere Strukturen.

Stephan Karkowsky: Wenn selbst Deutschlands prominentester Virologe Christian Drosten zu einem Stopp der kostenlosen Coronatests auffordert, dann weiß man, mit dem System stimmt etwas nicht. Denn Drosten und andere Laborleiter sagen, wir haben einfach nicht die Kapazitäten, uns fehlen die Reagenzien, mit denen die Proben von den Flughäfen zeitnah auf Corona getestet werden könnten.

Das wurde ja schon zu Anfang der Pandemie ziemlich deutlich, wie sehr wir mittlerweile von Medikamentenlieferungen aus dem Ausland abhängig sind. Der promovierte Pharmazeut Franz Stadler nennt das, wie sein neues Buch, "Medikamenten-Monopoly: Die unheilvolle Welt der Arzneimittelgeschäfte". Ich nehme mal an, Sie wundert dieser Aufruf von Drosten und Co nicht, oder?

Franz Stadler: Nein, es zeigt einfach deutlich, dass wir inzwischen ein durchökonomisiertes System haben, das keine Kapazitäten mehr frei hat, und das führt dazu, dass es immer wieder zu Engpässen kommt, eben wie bei den Lieferengpässen bei uns bei den Arzneimitteln.

Karkowsky: Sind solche Lager denn sinnvoll? Denn auch solche Reagenzien haben ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Das hat man bei der Schweinegrippe gemerkt, als Millionen an Impfdosen  bestellt worden sind, die man dann hinterher wegwerfen musste.

Stadler: Das muss man natürlich anders organisieren. Man kennt ja die Haltbarkeit von vornherein, und man kann natürlich ein rollierendes System entwickeln, das einfach nichts verfällt. Das bedeutet eine gewisse Vorarbeit, die aber geleistet werden muss.

"Das erleben wir in unserem täglichen Geschäft"

Karkowsky: Sie waren jahrelang selbst in der Pharmaindustrie. Seitdem arbeiten Sie über 30 Jahre schon als Apotheker und haben ein eigenes Labor zur Herstellung von Medikamenten für die Krebs-Chemotherapie. Im Buch warnen Sie vor Engpässen in der Arzneimittelversorgung. Wo genau erleben Sie die denn?

Stadler: Das erleben wir in unserem täglichen Geschäft. Wir hatten selbst vor Corona schon bis zu 500 verschiedene Arzneimittel, die in einer permanenten Bestellung waren und einfach nicht geliefert werden konnten.

Karkowsky: Was war das zum Beispiel? Sind das Dinge, die man kennt?

Stadler: Wir hatten zum Beispiel Engpässe bei Schilddrüsenhormonen.

Karkowsky: Aber das passiert nicht jeden Tag, dass Sie in Ihrer Apotheke einer Kundin sagen müssen, tut mir leid, das haben wir nicht, und ich kann Ihnen das leider auch nicht besorgen?

Stadler: Das passiert schon jeden Tag. Aber es wird dann nicht so laufen, dass wir sagen, wir können es nicht besorgen, sondern wir versuchen, eine Alternative zu finden, meistens zusammen mit dem Arzt. Es gibt Rücksprachen.

Deswegen wird auch sehr viel Zeit aufgewandt für diese Lieferengpässe. Es gibt eine Umfrage von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), dass 92 Prozent aller Apotheker sagen, dass das ihr größtes Ärgernis momentan im Berufsalltag ist.

Qualitätskontrolle nach Aktenlage 

Karkowsky: Sie beschreiben im Buch auch das Problem Lieferkette. Das ist ja durch Corona auch ziemlich deutlich geworden. Dadurch, dass Arzneimittel- und Wirkstoffproduktion in der globalen Marktwirtschaft ganz oft ins Ausland verlagert wurden, sind wir jetzt auch abhängig von der Produktion in Ländern wie China oder Indien.

Dadurch kommt es zu diesen Lieferengpässen. Beeinflussen können wir das kaum, aber die Abhängigkeit berge auch andere Probleme, zum Beispiel häufigere Verunreinigungen von Medikamenten und mehr Fälschungen. Wie das?

Stadler: Das Problem ist, wenn Sie natürlich die Wirkstoffe in Asien herstellen, also egal, ob Indien oder China, dann sind die Kontrollen natürlich schwieriger. Zudem hat man sich ein Kontrollsystem ausgedacht, das zwischen EU und Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hin- und hergeht. Und man kontrolliert sehr stark nach Aktenlage.

Da gibt es sogenannte Z-Zertifikate, die vom Hersteller zur Verfügung gestellt werden und in denen der Hersteller angibt, welche Verunreinigungen möglich sind. Dann wird nur auf diese möglichen Verunreinigungen geprüft.

Wenn aber - wie zum Beispiel beim Valsartan-Skandal im letzten Jahr - dann der Herstellungsprozess vor Jahren geändert wurde, werden diese Zertifikate manchmal sehr zeitverzögert überhaupt erst angepasst, und es prüft niemand.

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Karkowsky: Es ist ja so, dass die Pharmafirmen auch eine Gewinnabsicht haben, wenn sie Medikamente produzieren. Ist es für sie nicht ganz verständlich, dass sie das lieber in Ländern wie Indien oder China machen?

Stadler: Da kommt natürlich der Druck von den Krankenkassen hinzu. Wir müssen da zwischen generischem Markt und patentgeschütztem Markt unterscheiden. Generischer Markt heißt Nachahmerpräparate: Da ist der Patentschutz abgelaufen und es gibt meistens sehr viele Firmen, die diese Wirkstoffe im Markt verbreiten.

Das führt dazu, dass die Kassen praktisch Rabattverträge ausschreiben. Das funktioniert so, wie wenn Sie im Baugewerbe  eine Ausschreibung machen. Das Hauptkriterium für den Zuschlag bei diesen Rabattverträgen ist der Preis. Deswegen ist Deutschland im generischen Bereich inzwischen zu einem Billigland geworden, weil da zum Teil nur noch Centbeträge verdient werden, wenn überhaupt.

Das führt dazu, dass die Firmen noch einen größeren Druck haben, es in Billigländern produzieren zu lassen, also China oder Indien.

Nationales Arzneimitteldepot als Empfehlung

Karkowsky: Wäre denn, wenn man mehr dieser Generika in Deutschland produzieren würde, das Problem der Versorgung damit gelöst? Wir würden ja dann unsere Produkte wahrscheinlich auch ins Ausland exportieren, oder könnte man die deutschen Arzneimittelhersteller verpflichten, vor allen Dingen den deutschen Markt zu bedienen?

Stadler: Das ist ein ganz schwieriges Thema, weil es natürlich Jahre und Jahrzehnte gedauert hat, bis diese Wirkstoffproduktion in die asiatischen Länder ausgelagert wurde. Das zurückzuholen, wird mindestens so lange dauern, weil Sie sich vorstellen müssen: Manche dieser Wirkstoffe haben zehn, 15 und noch mehr Syntheseschritte, die dann in unserer arbeitsteiligen Welt weltweit verteilt durchgeführt werden.

Wenn Sie das alles nach Deutschland zurückholen wollten, müssten Sie natürlich eine ganz anders pharmazeutisch-chemische Industrie aufbauen, die wesentlich größer wäre. Da würde es Widerstand geben in der deutschen Bevölkerung. Deswegen empfehle ich den Aufbau eines nationalen Arzneimitteldepots, das, wie vorher beschrieben, in einem rollierenden System funktionieren könnte.

Karkowsky: Nun lese ich bei Ihnen aber auch Positives. Sie schreiben, in Coronazeiten habe sich plötzlich gezeigt, dass und wie man durchaus gegensteuern könne, wenn es sein muss. Wie hat die Politik das denn konkret getan im Bereich Arzneimittelversorgung?

Stadler: Wir hatten mehrere Corona-Gesetzespakete, die in wirklich in Windeseile durch das Gesetzgebungsverfahren durchgepeitscht wurden, die zum Beispiel dazu geführt haben, dass den Apothekern wieder mehr Kompetenz zugestanden wurde. Die Apotheker sind ja studierte Pharmazeuten.

Diese Kompetenz wurde dadurch wieder gestärkt, dass man uns zum Beispiel wieder zugetraut hat, dass wir eine andere Firma nehmen, die vergleichbar ist. Das hat dazu geführt, dass die Patienten nicht zwei-, dreimal in die Apotheke kommen mussten, bis die Rücksprache mit dem Arzt erfolgt ist. Man hat Bürokratie abgebaut, die vorher dazu geführt hat, dass die Apotheke vor Ort eigentlich geknebelt war.

Weg von der starken Profitorientierung

Karkowsky: Sie klagen mit diesem Buch in gewisser Weise ja auch die eigene Zunft an. Ich zitiere mal aus dem Buch, da schreiben Sie:

"Nach fast 30 Jahren Selbstständigkeit als Apotheker habe ich verstanden, dass man nicht betrügerisch vorgehen muss, um auf der falschen Seite zu stehen. Es reicht einfach, nur seine Arbeit zu machen. Deshalb mein Appell, die Gruppe der integren und dem Wohl der Patienten verpflichteten Apotheker muss ihre Stimme erheben."

Was soll diese Stimme denn sagen?

Stadler: Ich sage es mal so: Wir haben momentan ein System, das sich stark am Profit orientiert, und ich würde mir wünschen, dass wir uns wieder in ein System entwickeln, in dem man einfach sagt, unsere Aufgabe ist die Arzneimittelversorgung.

Arzneimittel sind ein besonderes Gut, und wir versuchen, das bestmöglich zu machen. Da muss man einfach über eine Umgestaltung der Honorierungssysteme und der Preisgestaltung bei den Arzneimitteln nachdenken. Das ist aber ein sehr schwieriges Thema.

Ich meine, es ist besser, als dass man einfach so weiterarbeitet, und jeder versucht, seinen eigenen Vorteil irgendwie durchzubringen. Ich habe es deswegen Spiel genannt, weil das so ein sorgloser, wie soll ich sagen, fast spielerischer Umgang mit der Arzneimittelversorgung ist. Ich meine, das darf nicht von Geldgier getrieben werden, sondern man muss überlegen, wie funktioniert die Versorgung am besten? Wie ist die Arzneimittelsicherheit am höchsten, und wie schaffe ich das?

Wenn ich von den Gesichtspunkten ausgehe, dann kriege ich ein ganz anderes System.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Franz Stadler: Medikamenten-Monopoly. Die unheilvolle Welt der Arzneimittelgeschäfte
Murmann Verlag, Hamburg 2020
224 Seiten, 18 Euro

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