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Buchkritik | Beitrag vom 20.06.2019

Antonio Ortuño: "Die Verschwundenen"Zornige Abrechnung mit Gewalt und Korruption in Mexiko

Von Sigrid Löffler

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Trauerfeier auf einem Friedhof in Mexiko am Abend, viele Kerzen sind auf den Gräbern aufgestellt.  (Kunstmann / Picture Alliance / dpa / Mario Arturo Martinez)
Antonio Ortuño setzt sich in seinem siebten Roman mit dem auseinander, was in Mexiko schief läuft. (Kunstmann / Picture Alliance / dpa / Mario Arturo Martinez)

Der Autor Antonio Ortuño erzählt in "Die Verschwundenen" von einer Luxuswohnanlage, die mit kriminellen Mitteln realisiert wird. Dass dabei auch Menschen "verschwinden", gehört zum bitteren Alltag in Mexiko.

Der mexikanische Journalist und Erzähler Antonio Ortuño, Jahrgang 1976, lebt und arbeitet in Guadalajara, seiner Geburtsstadt. Die Stadt hat einen denkbar schlechten Ruf, als Sitz eines mächtigen mexikanischen Drogenkartells. Dort werden vorzugsweise die Gelder des organisierten Verbrechens gewaschen, weshalb Guadalajara auf der schwarzen Liste des US-Finanzministeriums ganz oben steht.

In seinem jüngsten – dem siebten – Roman "Die Verschwundenen" arbeitet sich Ortuño an seiner hassgeliebten Geburtsstadt ab, überhäuft sie mit sarkastischem Spott und grimmigem Hohn und macht sie zum Modell für alles, was in Mexiko exemplarisch schiefläuft. "Die Verschwundenen" ist ein politischer Roman über Gewalt, Korruption und Verbrechen, über das Zusammenwirken von korrupten Politikern, korrupter Justiz und korrupten Unternehmern mit dem organisierten Verbrechen.

35.000 Vermisste und Verschwundene

Erzählt wird der Aufstieg und Niedergang des Bauunternehmers Don Carlos Flores, der am Rand der sich explosionsartig ausdehnenden Stadt die Luxuswohnanlage Olinka plant, finanziert von dunklen Investoren, der Drogenmafia. Ursprünglich war Olinka das idealistische Projekt eines mexikanischen Malers, der hier eine Künstlerkolonie verwirklichen wollte. Doch in den Händen von Spekulanten, Geldwäschern und Verbrechern ist von diesem utopischen Traum außer dem Namen Olinka nichts geblieben.

Wie sich nach und nach herausstellt, hat sich Flores den Grund und Boden für sein exklusives Projekt einer "Gated City" mit kriminellen Methoden angeeignet. Die Kleinbauern und Pächter, die dort ihre kleinen Parzellen bewirtschaften, werden vertrieben. Zwei Familien, die Widerstand leisten und sich nicht vertreiben lassen, werden von Auftragskillern des Bauunternehmers getötet und heimlich in einem Massengrab verscharrt.

Sie sind die titelgebenden "Verschwundenen" des Romans – so, wie weitere 35.000 Menschen, die nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft in Mexiko vermisst werden und als verschwunden gelten. Das Massaker an den Pächterfamilien muss vertuscht, ein Sündenbock für die kriminellen Machenschaften muss gefunden werden – und findet sich in der Gestalt des allseits geringgeschätzten Schwiegersohns des Baupatriarchen Flores.

Stadtviertel auf Massengräbern

Auf den ersten Blick erzählt der Roman den Ruin einer völlig zerstrittenen und untereinander verfeindeten, einstmals reichen Familie. Dahinter entfaltet Ortuño das ganze fragwürdige Panorama seiner Heimatstadt Guadalajara in ihrem falschen Glanz. Er beschreibt sie als prosperierend und expandierend, doch es ist nur eine Scheinblüte, während die Stadt in Korruption versinkt und die Verschandelung des Stadtbilds im großen Stil vorangetrieben wird.

Die Stadt lässt zu (so das vergiftete Happy End des Romans), dass Blanco als der neue Bauunternehmer die Wohnanlage mit einem neuen Investor zu Ende baut – allerdings mit Wohntürmen und Hochhäusern statt mit Villen. Das neue Stadtviertel wird auf den Massengräbern der Verschwundenen errichtet. Dies ist die letzte sarkastische Volte dieses zornigen Abrechnungsromans, der sich auf die Seite der Opfer schlägt, denen hier wenn schon nicht in der Realität, so doch in literarischer Form Genugtuung verschafft wird.

Antonio Ortuño: "Die Verschwundenen". Roman
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein
Verlag Antje Kunstmann, München 2019
256 Seiten, 20 Euro

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