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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 12.06.2020

Antje Yael Deusel aus BambergDie doppelte Verantwortung einer Rabbinerin

Von Rocco Thiede

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Antje Yael Deusel steht mit der Tora ein einer nüchtern eingerichteten Synagoge. (imago/epd)
Rabbinerin und Urologin: Antje Yael Deusel, hier zu sehen in der Bamberger Synagoge. (imago/epd)

Es gibt Menschen in Deutschland, die doppelt systemrelevant sind - so wie die Bamberger Rabbinerin der liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila. Antje Yael Deusel ist seit über 30 Jahren als Fachärztin für Urologie in einem Krankenhaus tätig.

Doktor Antje Yael Deusel hat in Erlangen Medizin studiert und arbeitet seit über 30 Jahren als Fachärztin für Urologie. In Bamberg war sie in der Klinik für Urologie lange Zeit die erste und einzige Frau. Doktor Deusel ist derzeit nicht nur als Medizinerin systemrelevant, sondern ebenso als Seelsorgerin. Denn Antje Yael Deusel ist ebenso Rabbinerin. Was diese doppelte Systemrelevanz für sie bedeutet, erklärt sie anhand eines Bildes von der untrennbaren Einheit von Körper und Geist:

"Momentan zeigt sich noch viel deutlicher als sonst auch, wie sehr doch Körper und Psyche des Menschen zusammenhängen. Das ist zwar etwas, was wir schon wissen, auch vom ärztlichen her. Aber hier sieht man noch mal sehr viel deutlicher wie wichtig der seelsorgerliche Aspekt für den Patienten ist. Genauso wichtig wie die körperliche Gesundheit. Insgesamt ist das eine ideale Kombination, Ärztin und Seelsorgerin gleichzeitig. Und die rabbinischen Aufgaben sehen inzwischen natürlich auch anders aus, vor allem, weil die Gottesdienste fehlen und auch der persönliche Kontakt mit den Gemeindemitgliedern auf ein Minimum beschränkt ist. Dafür ist natürlich sehr viel mehr Koordinationsarbeit nötig. Es geht nicht alles im Homeoffice. Aber ein Teil davon kann man per Telefon und E-Mail erledigen. Das geht ohne Ansteckungsgefahr."

Eigentlich hat sie drei Jobs

Und dann erläutert die im Jahr 1960 in Nürnberg geborene Rabbinerin, auf welche Unterstützung die Mitglieder ihrer kleinen liberalen, jüdischen Gemeinde bauen können: 

"Wenn nun Hilfe benötigt wird beim Einkaufen. Wie kommen die koscheren Einkäufe zu Herrn X und zur Frau Y? Wir haben einige sehr engagierte ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die liefern diese bestellten Lebensmittel und was sonst noch benötigt wird an die Leute aus oder bringen sie als Pakete zur Post. Wir haben ja nicht nur in Bamberg Mitglieder, sondern auch überregional."

Coronavirus-NewsletterAntje Yael Deusel hat eigentlich sogar drei Jobs. Sie ist nicht nur Ärztin und Rabbinerin, sondern auch Lehrbeauftragte. Lehrbeauftragte für Judaistik an den Universitäten Bamberg und Augsburg sowie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Doch diese Lehrarbeit ruht derzeit entweder ganz oder findet online statt.

Die Gemeinschaft ist unersetzbar

"Auch mir selber fehlt die persönliche Gemeinschaft. Und ich hatte gerade im Moment ein seelsorgerisches Gespräch, bei dem jemand gesagt hat: Es fehlt uns so arg. Hoffentlich können wir bald wieder zusammenkommen! Denn allein schon ein Freitagabend ohne Gottesdienst, das fühlt sich irgendwie leer an. Freilich, man kann daheim seine Kerzen anzünden. Aber etwas ganz Entscheidendes, etwas, was uns vertraut ist, diese Gemeinsamkeit: die fehlt."

Es gibt, wenn die Telefonleitungen halten, viele Möglichkeiten im Internet. Dennoch ist ein Gottesdienst in der Gemeinschaft und in der Synagoge unersetzbar. Eine virtuelle Begegnung im Internet oder ein Live Stream sind eben nicht das reale Leben:

"Gottesdienste per Live-Stream sind kein vollgültiger Ersatz dafür. Auch kriegen ja nicht alle unserer Gemeindemitglieder E-Mails oder haben die Möglichkeit online Gottesdienst zu verfolgen. Das hat nichts mit dem Lebensalter zu tun, sondern manche unserer sonst regelmäßigen Synagogenbesucher haben auch schlichtweg keine Möglichkeit, die Gottesdienste online zu verfolgen. Es gibt ja auch immer mal Probleme mit dem Internet, mit dem W-Lan, das ist nicht ganz so konstant. Also müssen wir uns andere Sachen überlegen."

Aus der Not geborene Angebote schaffen

Wie erreicht Rabbinerin Yael Deusel trotz der bestehenden Kontaktsperre und Ausgangsbeschränkung die Frauen, Männer und Kinder in ihrer Gemeinde?

"Einmal per Telefon. Da gibt es ganz viele Leute die mich anrufen. Andere rufe wiederum ich an. Sehr häufig rufen die Leute bis spät am Abend an, nämlich dann, wenn die Einsamkeit die Menschen am meisten bedrückt. Dafür bin ich immer erreichbar. Und wir versenden auch Rundmails an die Leute mit speziellen Angeboten. Einmal Hinweise auf Online-Gottesdienste, wer sie haben möchte, von anderen Gemeinden. Aber auch verschiedene andere Dinge bis zu Bastelideen für die Kinder. Und nicht zuletzt – da bin ich ganz stolz drauf - unsere neue Gemeinde-Wochenzeitung die heißt "Wort zum Schabbat". Kommt jede Woche am Freitag und die enthält neben wichtigen Informationen jeweils eine Betrachtung zum Wochenabschnitt, außerdem Gedanken zu einem Gebet, das im Schabbat-Gottesdienst vorkommt. Und dazu ein passendes Gedicht oder ein kleiner Text als Meditation. Und es hat sogar ein kleines Feuilleton. Wer keine E-Mails empfangen kann, der bekommt die Aussendungen als Brief per Post."

Rituale der Verbundenheit

Schon in der Schule und später am Union College in Jerusalem hat Yael Deusel Hebräisch gelernt. Im Abraham Geiger Kolleg in Berlin, einem Rabbinerkolleg in der liberalen Tradition, hat sie im Jahr 2007 ihre Ausbildung zur Rabbinerin gemacht. Gleichzeitig hat sie an der Universität Potsdam Jüdische Religion, Geschichte und Kultur studiert. Ihren Abschluss macht sie im Jahr 2011 als Master of Arts. Im selben Jahr, im November 2011, wird Yael Deusel zur ersten Rabbinerin nach der Schoah, die hier in Deutschland geboren und ausgebildet wurde, ordiniert.

"Wir haben ein Ritual für unsere Gemeinde geschaffen. Da lade ich aber auch alle anderen ein mitzumachen. Nämlich jeden Abend um 19 Uhr spricht jeder da, wo er ist, ein Gebet für ein baldiges Ende der Pandemie und für Schutz und Bewahrung vor dem Coronavirus, für eine rasche Genesung der Kranken, Trost und Hilfe für Trauernde und die Einsamen. Wir haben eine Familie, die die Mutter verloren hat. Um Kraft für die vielen Menschen, die unser Land derzeit am Laufen halten. Und das sind ganz, ganz viele verschiedene Berufe. Das Gebet kann jeder und jede von uns sprechen, egal wo wir zu dieser Zeit sind. So sprechen wir es quasi gemeinsam, nur jeder an seinem Ort. Und am Freitagabend um 18:30 Uhr – das ist die Zeit, wo sonst unser Gottesdienst beginnt, unsere Schabbat Kerzen anzünden. Wir können zwar nicht zusammen in einem Raum beten, aber wir können gleichzeitig unsere Kerzen anzünden als ein Zeichen der Verbundenheit."

Philsophische Antworten

Ihre Smicha, also ihre Ordination zur Rabbinerin, erhält Yael Deusel zusammen mit vier männlichen Kollegen, am 23. November 2011 in der Synagoge von Bamberg. Wenn Sie mit Blick auf Corona gefragt wird, wie Gott so eine Pandemie zulassen kann, antwortet sie philosophisch und mit einer persönlichen Rückfrage:

"Die Frage nach der Theodizee, also die Frage: "Wie kann der Ewige das zulassen?" -, ist so alt wie die Menschheit selber. Darauf gibt es keine einfache Antwort, falls es überhaupt eine Antwort in unserer Welt, im Diesseits, geben kann. Die Menschen haben aber ein Bedürfnis nach Erklärungen. Und manchmal kann man nach menschlichem Ermessen trotzdem keine Erklärung finden. Wenn mich einer fragt: Im Hinblick auf die Pandemie habe ich auch keine einfache Antwort. Aber ich habe eine Frage, nicht an den Ewigen, sondern an die Menschen: Wo hätte der Mensch sich anders verhalten müssen? Was hätte er, nämlich der Mensch, tun können, um das Entstehen der Pandemie zu verhindern? Und jeder muss sich auch selber fragen und gerade jetzt, durch mein Verhalten, durch mein persönliches Tun und Lassen dazu beitragen, dass die Pandemie eingedämmt werden kann."

Die Gelegenheit für Schönes nutzen

Zum Abschied hat Rabbinerin und Ärztin Dr. Yael Deusel für uns alle praktische Ratschläge:

"Nicht nur für gläubige Menschen: Für alle Menschen, denke ich, sinnvoll die Gelegenheit zu nutzen, dass man als Familie gemeinsam gute Filme anschaut und dann zusammen darüber diskutiert, darüber spricht. Außerdem hat man jetzt die Möglichkeit die Bücher zu lesen, die man schon immer lesen wollte, für die man aber bisher keine Zeit hatte. Ganz wichtig, vom Ärztlichen her, möchte ich sagen: Begrenzen Sie die Zeit für Computerspiele, für Fernsehen und alles, was irgendwie mit der Elektronik zu tun hat, und halten Sie sich mindestens eine halbe Stunde draußen an der frischen Luft auf. Natürlich mit allen Vorsichtsmaßnahmen. Und als Seelsorgerin noch: Nehmen Sie doch einfach mal wieder den Tanach, ihre Bibel in die Hand, um darin zu lesen."

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