Mittwoch, 16.06.2021
 

Studio 9 | Beitrag vom 12.05.2016

Anti-Korruptionsgipfel in London"Fantastisch korrupte Länder"

Von Friedbert Meurer, Studio London

Performance der Organisation "ONE" im Londoner Finanzdistrikt gegen Korruption. (Deutschlandradio - Friedbert Meurer)
Performance der Organisation "ONE" im Londoner Finanzdistrikt gegen Korruption. (Deutschlandradio - Friedbert Meurer)

Die meisten Steueroasen werden nicht am Anti-Korruptionsgipfel teilnehmen, zu dem der britische Premier David Cameron geladen hat. Pikanterweise besitzt Cameron selbst Anteile an einem ominösen Treuhandfonds. Und hat sich vorab einen diplomatischen Fauxpas geleistet.

Vier Männer und eine Frau streben in schwarzen Business-Anzügen über die London Bridge auf die Bankentürme und Versicherungsbüros der Londoner City zu, so wie zahllose andere Pendler auch an diesem Morgen. Drei der fünf tragen im strömenden Regen einen Panamahut, ihre Gesichter verbergen sie komplett unter weißen Nylonmasken. Das Ganze ist eine Performance der entwicklungspolitischen Lobbyorganisation "ONE" unmittelbar vor dem Anti-Korruptionsgipfel.

"Wir wollen auf die anonymen Scheinfirmen aufmerksam machen", erläutert Saira O‘Maillie.

"Die britischen Überseegebiete, allen voran die Jungferninseln, beherbergen alleine die Hälfte dieser Firmen. Wir wissen nichts darüber, wem sie gehören oder woher das Geld kommt, das durch die Firmen gespeist wird. Die Leute denken, Korruption spielt sich in fernen Ländern ab. Aber eine Menge wird von hier aus unterstützt, aus dem Herzen von London heraus."

Öffentliche Register gegen Steueroasen

Die Öffentlichkeit soll über öffentliche Register Einsicht nehmen können, wer sich wo auf welcher Insel mit welcher Firma niedergelassen hat – Journalisten und engagierte Bürger sollen Einblick in die Register erhalten und Verdachtsfälle melden können.

Dagegen sperren sich die meisten Steueroasen: Bis zuletzt war unklar, wer von den Überseeterritorien überhaupt den Weg nach London findet. Die Lust, dort an den Pranger gestellt zu werden, hält sich in engen Grenzen.

David Cameron prangert dafür Nigeria und Afghanistan als höchst korrupte Länder an – bei einem Empfang der Queen. Ohne es zu wissen, wird das, was Cameron der Queen beiläufig sagt, von einem Mikrofon eingefangen und macht sofort die Runde. Der Premier wörtlich:

"Wir haben die Führer von einigen fantastisch korrupten Ländern hier in Großbritannien dabei, Nigeria und Afghanistan, die beiden vielleicht korruptesten Länder der Welt."

Fantastisch korrupte Länder – die Wortwahl ist nicht unbedingt klug gewählt von David Cameron. Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, wirft noch gegenüber der Queen ein, dass sich die beiden Regierungschefs von Nigeria und Afghanistan doch ernsthaft gegen eben diese Korruption in ihren Ländern stemmten.

"Korruption ist wie eine Fäulnis"

Cameron selbst musste unlängst leicht zerknirscht zugeben, dass er Anteile aus einem ausgerechnet auf Panama gegründeten Treuhandfonds seines Vaters besaß. Genau von solchen verdeckten Fonds und Stiftungen soll jetzt der Schleier genommen werden.

"Korruption ist wie eine Fäulnis und unterminiert ganze Volkswirtschaften", beschreibt Nick Dyer  das Problem, er ist Generaldirektor im britischen Entwicklungsministerium. "Seit 25 Jahren versuche ich gegen Korruption in den Entwicklungs- und Schwellenländern vorzugehen. Hilfe und Gelder aus dem Westen alleine lösen das Problem nicht."

Die nationalen Regierungen müssen selbst aktiv gegen Korruption vorgehen, heißt das. Für David Cameron, den Gastgeber, aber ist es ein Problem, wenn Gelder aus armen Ländern ausgerechnet in britischen Krongebieten versteckt und gewaschen werden.

"Das zu ändern, ist knifflig für Cameron", gibt Saira O‘Maillie beim Happening an der London Bridge zu.

"Aber er muss Mut zum Handeln zeigen. Er führt den Kampf gegen Korruption an, das ist fantastisch. Es geht um einen entscheidenden Punkt, er muss sich dafür einfach einsetzen."

Mehr zum Thema

China - Mit der Smartphone-App Korruption anzeigen
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 31.03.2016)

Kampf gegen Bestechung - Golf-Verbot gegen Chinas Korruption
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 10.03.2016)

Panama-Papers - Was tun gegen Steuerflucht und Geldwäsche?
(Deutschlandradio Kultur, Wortwechsel, 15.04.2016)

Kampf gegen Steuerflucht - Schäubles Vorschläge gehen nicht weit genug
(Deutschlandradio Kultur, Kommentar, 11.04.2016)

Steuerflucht - OECD will gegen Starbucks und Co vorgehen
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 05.10.2015)

Panama Papers - Cameron nimmt im Parlament Stellung
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 12.04.2016)

Enthüllungen durch Panama Papers - Camerons Flucht nach vorne
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 10.04.2016)

Panama Papers - Cameron veröffentlicht Steuererklärung
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 10.04.2016)

"Panama Papers" - David Cameron hatte Anteile an Briefkastenfirma
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 08.04.2016)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

Jan Haft: "Heimat Natur"Die Geheimnisse des Engelsrotz
Cover des Buches "Heimat Natur: Eine Entdeckungsreise durch unsere schönsten Lebensräume von den Alpen bis zur See" von Jan Haft. (Deutschlandradio / Penguin Verlag)

Jan Haft gehört zu Deutschlands besten Naturdokumentaristen. Mehrfach hat der Biologe bereits die Natur in faszinierenden Nahaufnahmen auf die Leinwand gebracht. Sein Buch „Heimat Natur“ zum gleichnamigen Film ist ein Plädoyer für den genauen Blick.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur