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Echtzeit | Beitrag vom 18.02.2017

Anti-FashionDer politische Stoff

Von Gesine Kühne

Models präsentieren am 11.07.2014 auf der Michalsky Stylenite im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin Kreationen der Designerin Esther Perbandt im Tempodrom. Bei der Berlin Fashion Week werden vom 08.07 bis 13.07.2014 die Kollektionen für Frühjahr/Sommer 2015 vorgestellt.  (picture alliance/dpa/Jens Kalaene)
Unisex-Mode macht auch die Designerin Esther Perbandt (picture alliance/dpa/Jens Kalaene)

Für manche Modeschöpfer sind ihre eigenen Kreationen mehr als bloß Kleider, Röcke, Hosen: Sie betrachten sie als politische Statements, Kunst oder Ausdruck von Spiritualität. Unsere Reporterin hat zwei Anti-Fashion-Designer getroffen.

In einem Atelierraum in Berlin Kreuzberg sitzt  Benji Chandler an einer handbetriebenen Strickmaschine. Er dreht die Kurbel gleichmäßig, Masche nach Masche strickt das kleine Gerät. Chandler ist Modedesigner, obwohl er sich ungern so selbst nennt. 

Kleidung für "das höhere Ich"

"Ich sehe mich nicht als Modedesigner", sagt Chandler. "Ich entwerfe Kleidung für das höhere Ich. Ich gestalte also für eine geistige Verbindung, da geht es nicht so sehr um Mode."

Der 31-jährige gebürtige Australier nennt sich selbst kleiner, schwarzer Engel. Liebes Gesicht, ehrliches Lächeln mit fast schulterlangem, dunklem, lockigem Haar. Sein Gewand ist selbstgestrickt, knöchellang. Chandlers Bewegungen sind leicht, fast tänzerisch.

"Ich lasse mich gern treiben", so Chandler, "ich mag es, wenn sich meine Klamotten dabei der Bewegung meines Körpers anpassen. Vielleicht wird meine Kleidung als weiblich empfunden. Ja, ich trage einen Rock und das Oberteil könnte ein Kleid sein. Ich weiß nicht, was es heißt, sich männlich anzuziehen. Ich kleide mich, wie ich mich fühle."

Mit dieser Haltung gegenüber Mode bricht Benji Chandler mit der Norm. Denn seine Gewänder passen in keine Herren- oder Damenabteilung. Das ist Absicht. Sie können nicht mal einer Saison zugeordnet werden. Die Entwürfe für Chandlers Label  "Black Krshna" sollen dem Träger die perfekte Hülle für das eigene Ich geben, das in keine Schublade gehört. 

"Es ist keine Mode, sondern eine Art zu denken"

"Es ist nicht männlich, nicht weiblich, es gibt keine Saisons, keinen Trend. Es ist keine Mode im eigentlichen Sinne. Es ist ein Statement. Eine Art zu denken. Es passt in keine Schublade, in die Mode gern gesteckt wird. Es gibt dir die Freiheit, alles zu haben und zu tun, was du möchtest."

Benji Chandler ist natürlich nicht der erste Designer, der der Mode, wie wir sie konsumieren, den Kampf ansagt. Die berühmte Coco Chanel bricht  zum ersten Mal mit der Norm und entwirft eine Form von Anti-Fashion, als sie in den Zwanzigern die Frauen zum ersten Mal in bequeme Hosen steckt. 

Vor allem wird aber die Avantgardemode der Neunziger als Anti-Fashion bezeichnet. Designer wie Rei Kawakubo, Yohji Yamamoto, Issey Miyake – alle aus Japan – überschreiten damals Modedesigngrenzen durch Asymmetrie, Dekonstruktion gängiger Schnitte, Lagen und durch die Nichtfarbe Schwarz. 

"Ich hab mich gar nicht so sehr auf die Farbe festgelegt", sagt Alexander Danner. "Es hat was mit Stil, mit Schnitten, mit Darstellung seines eigenen Ichs zu tun." 

Selbst 2017 immer noch Nischenprodukte

Alexander Danner arbeitet als Einkäufer für das Avantgarde-Modegeschäft Oukan in Berlin Mitte. Er führt genau diese japanischen Anti-Fashion-Designer – und auch das Label von Benji Chandler. Eben Marken, die mit Andersartigkeit spielen, die vielleicht sogar eine politische Aussage haben, zumindest eine gesellschaftspolitische, weil sie jede Gender-Grenze sprengen. Diese Form der Mode ist selbst 2017 immer noch ein Nischenprodukt. 

"Ich hab vor einem Jahr mal einen Post gemacht auf Facebook und habe mich in einem Rock fotografieren lassen, der auch für Männer designt war, um einfach zu schauen, wie die Reaktion ist", erzählt Danner. "Und natürlich kamen Kontra-Reaktionen: 'Wie kann das ein Mann nur tragen?' und da war meine einfachste Antwort immer: 'Warum kann ne Frau ne Jeans tragen, wenn die eigentlich für Männer bestimmt ist? Wo ist die Grenze?'" 

Zwischen Mainstream und Gegenbewegung

Ja, wo ist die Grenze? Letztlich verläuft sie genau da, wo sie immer verlaufen ist: zwischen Mainstream und Gegenbewegung. In einer konformistischen Gesellschaft ist es für einen Großteil der Menschen wichtig, sich von den anderen abzugrenzen. Das geht hervorragend mit Kleidung.  

Aber auch die Anti-Fashionistas wollen sich mit ihrem Äußeren bewusst unterscheiden. Nur tun sie das sehr viel offener und experimentierfreudiger – und zahlen dafür auch einen gewissen Preis, so wie Benji Chandler, der kleine schwarze Engel aus Australien. Er sagt: "Ich werde jeden Job nebenbei annehmen, weil ich das Entwerfen einfach weitermachen will."

(tmk)

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