Seit 04:05 Uhr Tonart

Sonntag, 20.09.2020
 
Seit 04:05 Uhr Tonart

Interview | Beitrag vom 03.08.2020

Anti-Corona-Demonstrationen Warum manche Menschen Fakten anzweifeln

Christine Geschke im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Beitrag hören Podcast abonnieren
Anti-Corona-Demonstration in Berlin. Auf einem Schirm steht u. a.: "Wie wollen wir leben?" (Gettyimages / NurPhoto / Emmanuele Contini)
Die Demonstrationen sind aus Sicht der Psychologin auch ein Mittel, um Einsamkeitsgefühle zu überwinden. (Gettyimages / NurPhoto / Emmanuele Contini)

Tausende demonstrierten am Wochenende in Berlin gegen die geltenden Coronaregeln - ohne Abstand und Maske. Indem sie Fakten ignorieren, versuchen Menschen ihre inneres Ungleichgewicht wieder in Balance zu bringen, erklärt Psychologin Christine Geschke.

Trotz steigender Infektionszahlen haben sich am Wochenende Tausende Gegner der Coronaregeln zu einer Großdemonstration in Berlin versammelt, Motto der Veranstaltung: "Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit".

Sie verlangen eine Abschaffung von Maskenpflicht und Abstandsgebot sowie aller anderen geltenden Vorsichtsmaßnahmen, manche von ihnen zweifeln gar daran, dass es das Virus überhaupt gibt. Wie lässt sich so ein Verhalten erklären?

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Es könne sein, dass hier eine sogenannte kognitive Dissonanz* passiere, sagt Christine Geschke, Psychologin mit dem Schwerpunkt kognitive Neurowissenschaften. "Das ist ein Phänomen, das beschreibt, dass bei einem bestimmten Thema - also Corona in diesem Fall - unterschiedliche Wahrnehmungen innerlich nicht zusammen passen. Und damit entsteht ein ungutes Gefühl."

Das Individuum sei so angelegt, dass es alles tue, "um dieses innere Dilemma, diesen Spannungszustand baldmöglichst wieder loszuwerden".

Bewältigung durch Ausblendung von Fakten

Hierzu gebe es verschiedene Bewältigungsmechanismen, so die Psychologin weiter. Eine davon sei, dass man gute Gründe für die eine oder die andere Richtung finde. Dies bedeute, "dass man die eine Seite, der man sich näher verbunden fühlt, derart überhöht, dass sie eine solche Bedeutung gewinnt, dass man die andere Seite trivialisiert."

Zu diesem Mechanismus gehöre auch, "dass Fakten diskriminiert werden". Der Mensch lasse nur noch das zu, was seine Sicht bestätige, "damit er keine weitere innere Unstimmigkeit erleben muss".

Gemeinsamkeitsgefühl durch Demonstrationen

Die Demonstrationen sind aus Sicht der Psychologin auch ein Mittel, um Einsamkeitsgefühle zu überwinden. "Es entsteht natürlich eine gefühlte Isolation durch die Maskenpflicht, durch die Abstandsregeln, durch drohenden Lockdown. Das heißt, es gibt kein richtiges Zusammengehörigkeitsgefühl mehr."

In der Evolution habe das Individuum stets von Gemeinschaftsgefühlen und dem Schutz in der Gruppe profitiert. Auf den Demonstrationen erlebe man nun wieder als solche Gemeinschaft. "Man möchte nicht mehr das Gefühl haben, einsam und isoliert zu sein und insofern bricht man womöglich mit allen Regeln der Vernunft."

(cmk)

*Hinweis der Redaktion: Wir haben einen Fachbegriff korrigiert.

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur