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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.08.2017

Anti-Café-KulturZahlen nach Zeit

Von Anja Nehls

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Im Café be`kech sitzen Gäste vor Tischen. (be`kech)
Gezahlt wird nicht nach Getränk, sondern nach Zeit. (be`kech)

Statt für Kaffee und Kuchen zahlt man im neu eröffneten Café "be'kech" in Berlin-Wedding für die dort verbrachte Zeit. Essen kann jeder selber mitbringen. Anja Nehls war 45 Minuten zu Besuch im Anti-Café.

Ein junger Mann sitzt auf einem gemütlichen 60er Jahre Stuhl vor einem kleinen Holztisch und tippt in seinen Laptop - neben ihm eine Tasse heißer Milchkaffee.

"Für mich ist wichtig, dass ich einen Arbeitsplatz habe, wo ich alles habe, was ich brauche, Internet, einen Platz zum Sitzen. Ich bin Ingenieur, ich habe eine eigene Firma, unser Sitz ist in Hamburg, ich wohne in Berlin, einen Tag die Woche brauche ich ein Büro hier, das lohnt sich nicht, was zu mieten oder so und da ist es für mich sehr praktisch."

Also sitzt er eben hier zum Arbeiten, im Café be`kech in Berlin Wedding.

"be´kech. Das ist eine Kombination aus unseren Heimatstädten, also Nina kommt aus Berlin und ich aus Marrakesch."

sagt Louna Sbou, die das Café zusammen mit Nina Martin gegründet hat: ein ganz besonderes Café. Hier wird nicht pro Getränk gezahlt, sondern nach der Zeit, die hier verbracht wird. Jeder Gast bekommt einen kleinen Zettel, auf dem die Ankunftszeit vermerkt ist. Eine Minute im be´kech kostet dann fünf Cent. Kaffee, Getränke, Snacks und freies W-Lan - alles im Preis enthalten. Dass sich dieses Konzept nicht rechnet, befürchten die beiden Gründerinnen nicht. Natürlich sei es theoretisch möglich das Angebot auszunutzen, zu kommen, in fünf Minuten einen Kaffee hinunterzustürzen oder etwas zu essen und anschließend gerade mal 25 Cent zu bezahlen:

"Ja, in fünf Minuten, stimmt, das schafft man, aber das ist dann auch o.k. das bleibt dann auch von uns kommentarlos einfach so stehen. Wir beurteilen hier nicht wie jemand gerade die Zeit verbracht hat. Wir versuchen einfach unser Bestes, damit die Leute sich hier wohl genug fühlen, um halt länger zu bleiben."

"Eigenes Essen willkommen"

Das scheint zu klappen. Bereits am Vormittag sind viele Plätze besetzt. Der helle Raum strahlt Wohnzimmeratmosphäre aus. Tische und Stühle sind bunt zusammengewürfelt, es gibt ein paar  gemütliche Sessel, hinter einer Holztheke zischt die große Kaffeemaschine. An einem kleinen Buffet kann sich vormittags jeder mit frischem Brot, Marmelade, Butter Müsli und Obst versorgen. Mittags gibt es einen kleinen Snack, nachmittags nochmal was Süßes. "Eigenes Essen willkommen" steht mit Kreide auf einer schwarzen Tafel an der Wand:

Auf einer Anrichte steht das Buffet im Café be`kech in Berlin-Wedding. (be`kech)Am Buffet kann sich jeder Gast bedienen. (be`kech)

"Also bei uns gilt das Prinzip, es ist da, was da ist. Wir versuchen immer so ein bisschen regionales Essen auch zu besorgen und wer morgens Lust hat zu kochen, der kocht dann halt. Und klar, die Leute können gerne ihre eigenen Sachen mitbringen. Letztens kam jemand der unbedingt immer seine Waffeln zum Frühstück essen möchte, der hat die dann halt hier getoastet, warum auch nicht."

Das Café will anders sein, als andere. Der Name Anti Café bezeichnet weltweit Cafés, in denen nach Zeit, statt nach Bestellungen bezahlt wird. Mittlerweile gibt es rund um den Globus viele solcher Anti-Cafés, in Berlin ist das be´kech aber noch einzigartig.

"Das Konzept der Abrechnung nach Zeit existiert in einigen Ländern schon seit Jahrzehnten, z.B. in Bolivien und in Süd-Ost Asien, also in Sri Lanka. Aber so richtig kommerziell aufgezogen wurde es erstmalig in Russland."

Selbst eine Alternative geschaffen

Die Idee, so etwas auch in Berlin zu gründen, entstand, als Louna Sbou und Nina Martin vor einem Jahr regelmäßig in einem ganz normalen Café zusammengesessen haben, um zu arbeiten. Dabei wurden sie immer unzufriedener:

"Mit der Situation im Café zu arbeiten und ständig aufgefordert zu werden, doch noch einen Kaffee zu bestellen, aber wir uns auch nicht sicher waren, ob wir uns in einen Co-Working Raum einmieten wollen, für gleich einen Monat oder so und haben nach alternative Konzepten gesucht. Weil wir sind beide selbstständig und haben deshalb meistens in Cafés gearbeitet, da hat irgendwie diess Gemütliche gefehlt, was man zuhause hat aber gleichzeitig konnte man sich zuhause eben nicht ganz so gut konzentrieren auf die Arbeit."

Also haben die beiden einfach selber eine Alternative geschaffen und mitten im Berliner Wedding das be´kech eröffnet. Fast alle Gäste an diesem Vormittag sind zum Arbeiten hier, nicht um sich satt zu essen oder einfach Kaffee zu trinken. An einem kleinen Tisch sitzen zwei Philosophiestudentinnen, hinten im Raum bereitet eine Reiseleiterin ihre nächste Tour vor. Wer eine Stunde bleibt, wird am Ende gerade mal drei Euro bezahlen, Kaffee inklusive.

Das Café soll ein Zuhause sein

"Ich finde das schön, dass es jetzt endlich die Möglichkeit gibt, für weniger Geld außerhalb der eigenen Wohnung z.b. ein Buch zu lesen oder sich mit Freunden zu treffen.  – Eben eine andere Alternative als Universität oder Bibliothek oder eben eigene Wohnung. – Ja ich muss ein paar Sachen am Computer erledigen, habe zuhause auch kein Internet, weil sich das für mich nicht lohnt und von daher ist das natürlich schon eine praktische Einrichtung."

Ein Angebot, das die sozial problematische Gegend im Wedding aufwertet, finden die meisten Gäste. Auch Migranten aus der Nachbarschaft hätten aber keine Berührungsängste und seien auch schon hier gewesen, sagen die beiden Inhaberinnen. Jeder solle sich einbringen können und den Raum ein bisschen als Zuhause begreifen, so die Idee. Abends gibt es im Café dann Konzerte, Lesungen und Workshops, geplant ist später auch eine Bar.

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