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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.03.2017

Anthony O. Scott: "Kritik üben"Antwort auf einen beleidigten Schauspieler

Von Manuela Reichart

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Buchcover: "Kritik üben" von Anthony O. Scott. Rechts: der Schauspieler Samuel L. Jackson. (imago/i Images/Hanser)
Buchcover: "Kritik üben" von Anthony O. Scott. Rechts: der Schauspieler Samuel L. Jackson. (imago/i Images/Hanser)

Als der Filmkritiker Anthony O. Scott für den Blockbuster "The Avengers" nicht nur lobende Worte fand, teilte der beleidigte Schauspieler Samuel L. Jackson öffentlich gegen den Kritiker aus. Jetzt antwortet Scott in Buchform mit einem Plädoyer fürs "kritische Denken".

Der Originaltitel ist besser und provokativer als der deutsche: "Better living through criticism" fordert zum Widerspruch heraus, braucht man Kunst-, Literatur- und Filmkritik wirklich, um ein besseres Leben zu führen?

Anthony O. Scott ist ein angesehener Filmkritiker bei der New York Times und Professor für Filmkritik. Eines seiner Motti weist gleich zu Beginn den Lektüre-Weg, wenn er Oscar Wildes "Kritik als Kunst" zitiert. Er beschreibt, wie und warum er zu einem Urteil ge­langt, welche (literarischen, philosophischen) Vorbilder er hat, denn – schreibt T.S. Eliot – "die Vergangenheit (wird) ebenso sehr durch die Gegenwart verändert, wie die Gegenwart durch die Vergangenheit gelenkt wird".

Es geht um die Geschichte der Kritik, um absurde Fehlurteile (etwa über den Film "Leoparden küsst man nicht"), um wegweisende Werke (zum Beispiel des ersten Kunstkritikers Giorgio Vasari), überhaupt um die grund­sätzliche Frage nach Stellenwert und Sinn der Kritik in einer Zeit, in der Daumen hoch oder runter an der Tages­ord­nung sind.

Ein Shitstorm nach der Rezension

Anlass für dieses Buch war ein öffentlich ausgetragener Disput. Scott hatte im Mai 2012 eine Kritik des Films "The Avengers" veröffentlicht (einer enorm erfolgreichen Comic-Verfilmung). Kurz nachdem sein Text erschien, postete Samuel L. Jackson abfällig, dieser Kritiker brauche wohl einen neuen Job.

Nach die­sem Ge­gen­schlag eines beleidigten Schauspielers, der den großen Erfolg des Films gegen die (abwägende) Kritik ins Feld führte, brach über Scott ein regelrechter "Shitstorm" herein. Sein Buch ist die Antwort.

Es geht um die Geschichte menschlicher Kreativität und deren Beurteilung, um die Verteidigung des Denkens, gegen den "Anti-Intellektualismus", von dem der Autor sagt, er sei zur bürgerlichen Religion geworden. Dieses Buch ist also weit mehr als ein interessanter Exkurs über Urteils­fin­dung und Ur­teils­­vermögen.

Scott hält ein Plädoyer fürs "kritische Denken", in einer Zeit, in der wir "als Konsu­men­ten von Kultur ... in Passivität eingelullt oder bestenfalls zu einer Verfassung von Pseudo-Halb-Be­wusstsein gedrängt (werden)". So erklärt sich auch der treffende Originaltitel: Nachdenken hilft bei der Suche nach einem besseren Leben.

In Teilen zu kumpelhaft

"Kritik üben" ist dagegen ein allzu schwacher Reflex. Scott betont die Kraft von Kultur und Kritik und bezieht sich dabei leidenschaftlich auf Rilkes Sonett "Archaischer Torso Apollos" - und dessen Schlusszeile: "Du musst dein Leben ändern".

Kritisch anzumerken an diesem kenntnis- und materialreichen "Manifest gegen Faulheit und Dumm­heit" bleibt nur, dass die Dialoge, die jeweils in die Kapitel einführen, allzu kumpelhaft um Verständ­lich­keit und Leseransprache buhlen.

Dass Anthony O. Scott dagegen am Ende keine zukunftsweisenden über­zeu­genden Perspektiven aufzeigt, wie die klug argumentierende Kritik gegen das schnelle Interneturteil bestehen und obsiegen kann, ist zwar schade, aber ist wohl seiner intellektuellen Redlichkeit ge­schuldet.

Anthony O. Scott: Kritik üben - Die Kunst des feinen Urteils
Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer
Hanser Verlag, München 2017
320 Seiten, 22 Euro

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