Seit 17:30 Uhr Nachspiel

Sonntag, 12.07.2020
 
Seit 17:30 Uhr Nachspiel

Literatur | Beitrag vom 24.05.2020

Ansteckung Seuchen in der Literatur

Von Maike Albath

Beitrag hören Podcast abonnieren
Historische Zeichnung eines Pestarztes aus dem 17. Jahrhundert. (Getty Images / DEA Picture Library / De AgostiniEditorial)
Historische Zeichnung eines Pestarztes aus dem 17. Jahrhundert (Getty Images / DEA Picture Library / De AgostiniEditorial)

Seuchen überfordern den Verstand. Je tödlicher die Epidemie verläuft, desto verzweifelter der Versuch, ihr die Stirn zu bieten. Dann wird die plötzliche Erkrankung vieler zur Prüfung, zum Strafgericht oder Selbstverrat - oder zur Erfindung, die zu leugnen ist.

Krankheit nannte Susan Sontag eine von zwei Staatsbürgerschaften jedes Menschen. Sie gehöre zur "Nachtseite des Lebens". Eine gewisse Zeit im Leben seien alle Menschen gezwungen, sich als Staatsbürger dieses anderen Landes auszuweisen.

Aus der Seuchengeschichte sind die frühesten Versuche des Menschen bekannt, das massenhafte, unausweichliche und tödliche Geschehen zu begreifen. Die Seuche gilt als Strafgericht Gottes, als Hinweis auf sittliches Fehlvergehen.

Wenn die Sittenverderbnis nicht schon gegeben ist, ruft die Seuche sie hervor. Die gesellschaftliche Ordnung wird durch sie gelockert und bricht zusammen. Nicht selten suchen die Menschen dann nach Sündenböcken. Während der Pest im 14. Jahrhundert werden jüdische Gemeinden in ganz Europa ausgelöscht.

Der Salber

Alessandro Manzoni schildert im Roman "Brautleute", wie die Volkswut einen Salber anklagt, der Hauswände mit infektiösen Salben beschmiert:

"Renzo drehte sich in seiner Erregung nach rechts und links, um zu sehen, ob nicht irgendwo ein Nachbar war, von dem er eine genauere Auskunft bekommen könnte, einen Hinweis, irgendeinen Fingerzeig. Doch die erste und einzige Person, die er sah, war eine andere Frau, die vielleicht zwanzig Schritte entfernt stand. Mit einem Blick, der Entsetzen, Hass, Ungeduld und Bosheit ausdrückte, und mit verdrehten Augen, die gleichzeitig ihn betrachteten und hinter ihm in die Ferne sehen wollten, den Mund aufgerissen, als wollte sie aus Leibeskräften losschreien, aber zugleich den Atem anhaltend, hob sie zwei dürre Arme, reckte zwei runzlige, krallenartig gebogene Hände empor, schloss und öffnete sie, als versuchte sie etwas zu greifen – es war klar, dass sie hinter ihm stehende Leute herbeiwinken wollte, ohne dass er es bemerken sollte. Als ihre Blicke sich trafen, fuhr sie wie eine Ertappte zusammen, wodurch sie noch hässlicher wurde. 'Was zum Teufel …?', fing Renzo an und hob ebenfalls die Hände in Richtung der Frau, aber diese, die jetzt nicht mehr hoffen konnte, ihn zu greifen, stieß endlich einen Schrei aus, den sie bis dahin zurückgehalten hatte: 'Ein Salber! Packt ihn! Packt den Salber!' 'Wer? Ich? Ha, lügnerische Hexe! Sei still!', schrie Renzo und sprang auf sie zu, um ihr Angst zu machen und sie zum Schweigen zu bringen."

Die Suche nach Schuldigen, Ausbrüche von Massenpanik, Gerüchte, Wahnsinn und Paranoia begleiten den Ausbruch von sich schnell verbreitenden, tödlichen Krankheiten. Das drohende Chaos fördert jedoch auch schwarzen Humor und Sarkasmus. Und weil in neuerer Zeit die Annahme göttlichen Zorns viel an Wahrscheinlichkeit verloren hat, tragen die Individuen, so scheint es, eine größere Last als je zuvor.

(pla)

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Eva Meckbach, Sabine Falkenberg und Felix von Manteuffel
Regie: Beatrix Ackers 
Ton: Andreas Stoffels
Redaktion: Jörg Plath

Mehr zum Thema

Paolo Giordano: "In Zeiten der Ansteckung" - In jeder Hinsicht ein Wendepunkt
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 03.04.2020)

Niccolò Ammaniti: "Anna". - In Zeiten der "Roten Seuche"
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 16.08.2018)

Kyle Harper: "Fatum" - Wenn Seuchen Imperien stürzen
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 28.03.2020)

Literatur

Flüsse, Seen und Meere in der LiteraturWasserzeichen
Kleine Welle am Strand (Jan-Martin Altgeld)

Am Wasser beginnt das Erzählen. Es lohnt sich, die Flüsse, Seen und Meere der Literatur zu befahren und mit den Dichtern ins Wasser zu steigen. Ein nasser Ausflug mit Ernst Jünger, Durs Grünbein, Terézia Mora und Uwe Johnson.Mehr

Verteidigung einer ObsessionDer Lolita-Komplex
Schwarzweiss Fotografie von Sue Lyon in der Lolita-Verfilmung von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1962. (Getty Images / Corbis / John Springer Collection)

Der Skandal gehört zur Kunst im 20. Jahrhundert wie die Sahne zur Torte. Der Bestseller „Lolita“ ist solch ein Tabubruch: Ein 37-Jähriger liebt eine Zwölfjährige. Das regte auf und wurde bewundert. Und heute - Machwerk oder Meisterwerk?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur