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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.05.2010

Ansichten einer Stadt

Elizabeth Strout: "Mit Blick aufs Meer", Luchterhand, Berlin 2010, 352 Seiten

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Fischerboote im US-Bundesstaat Maine. (dradio.de)
Fischerboote im US-Bundesstaat Maine. (dradio.de)

In ihrem Roman porträtiert Autorin Elizabeth Strout die Einwohner einer kleinen Stadt in Maine. Unsentimental erzählt, ohne Pathos, zeichnet der Text unverwechselbar lebendige Charaktere.

Eine kleine Stadt in Maine. Hier lebt Olive Kitteridge, pensionierte Mathematiklehrerin mit ihrem Mann Henry, der früher eine Apotheke besaß. Und jetzt? Er hat ja eine Mitarbeiterin, Denise. Olive ist groß und dick und sehr präsent. Fast alle Einwohner der Stadt waren einmal ihre Schülerinnen. Olive hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Nicht selten eckt sie damit an, bei ihrer Familie und bei anderen. Manchmal tut sie einem anderen Menschen aber auch gut damit.

Ihr Mann Henry entwickelt eine väterliche Beziehung zu seiner jungen Mitarbeiterin Denise, die Olive verächtlich als "mausig" abtut. Es schmerzt Henry tief, dass Denise nach dem frühen Tod ihres Mannes erneut heiratet und nach Florida zieht. Olive erlebte viele Jahre früher eine platonische Liebe zu einem Nachbarn, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Weiß Henry, was dieser Mann ihr bedeutete? Wer weiß ...

Olives und Henrys Sohn Christopher heiratet eine arrogante Städterin, die ihn veranlasst, seine Heimatstadt zu verlassen; er wird bald wieder geschieden, kehrt aber nicht zurück, weil er – offenbar – die Dominanz seiner Mutter nicht erträgt. Olive leidet sehr darunter, umso mehr, als Henry nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim muss und sie völlig allein ist. Immer mehr konzentrieren sich, verständlicherweise, ihre Gedanken auf ihren Sohn und dessen neue Familie und deren völliges Desinteresse an ihr: Sie möchte so gern gebraucht werden, aber niemand braucht sie. So vergehen die Jahre.

Da lernt sie Jack Kennison kennen, einen Mann, der sie früher nicht interessiert hätte. Und die beiden haben sich eine Menge zu sagen. Olives Todessehnsucht rückt in den Ein Rätsel, diese Welt. Noch war sie nicht fertig mit ihr."

Eine kleine Stadt in Maine. Von den Menschen, die hier leben, handelt "Mit Blick aufs Meer": von den Kitteridges, von dem Psychiater Kevin, der in seine Heimatstadt zurückkehrt, um sich umzubringen, von der einsamen Bar-Pianistin Angela O’Meara, von der Witwe Daisy, die mit dem verheirateten Harmon eine Affäre hat, und von dem magersüchtigen Mädchen Nina. Ehe und Familie sind wichtige Themen in diesem Buch, das Altwerden und die Frage, ob man sein Leben richtig gelebt oder verpasst hat. Aber alles durchdringt das Thema Einsamkeit.

Unsentimental erzählt, ohne Pathos, zeichnet der Text unverwechselbare lebendige Charaktere, entwirft er alltägliche Situationen, die plötzlich Bedeutung erlangen, schildert Glücksmomente, die durchs Leben tragen, und Schmerzen.

Schade, dass der Verlag das Buch als Roman vermarktet und damit falsche Erwartungen weckt. Tatsächlich handelt es sich um klassische Erzählungen, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven. Etliche der "Kapitel" wurden schon vorher einzeln publiziert: Erzählungen also.

Und doch bilden sie letztlich ein Mosaik von Biografien in einer Stadt, in deren Mittelpunkt Olive Kitteridge steht, von der wir viel mehr erfahren als von allen anderen, auch wenn sie in einigen Erzählungen so gut wie gar nicht vorkommt. Am Ende freut man sich, sie kennengelernt zu haben. Und das ist schließlich das Wichtigste.

Rezensiert von Gertrud Lehnert

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth
Luchterhand, Berlin 2010
352 Seiten, 19,95 Euro

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