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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.07.2016

Anschlag von München"Nichts vorschnell online stellen"

Jörg Radek im Gespräch mit Ute Welty

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Sie sehen Polizisten und ein Absperrband am Eingang zur U-Bahnstation Olympia-Einkaufszentrum. (picture-alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Polizisten sichern den Zugang zur U-Bahnstation Olympia-Einkaufszentrum in München. (picture-alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, hat nach dem Anschlag von München an die Bevölkerung appelliert, aus Sicherheitsgründen bei Gefahrenlagen nicht vorschnell Foto- und Filmmaterial online zu stellen, sondern der Polizei zu übermitteln.

"Es kann möglich sein, dass eben über eine kleine Videosequenz, und sei der Schnipsel noch so klein, eine Information über den möglichen Täter oder die Hintermänner preisgegeben wird", sagte Radek im Deutschlandradio Kultur. Auch wenn die Öffentlichkeit wie die Polizei sich daran gewöhnen müsse, "dass wir über die sozialen Netzwerke in Echtzeit an solchen Bluttaten teilnehmen," werfe dies für die Arbeit der Polizei bei Fahndung und Evakuierungsmaßnahmen Probleme auf: "Auch im Sinne des Bevölkerungsschutzes", sagte Radek. Daher sei es besser, solche Informationen der Polizei zu übermitteln. Bedauerlicherweise seien trotz des Appells der Münchner Polizei solche Dokumente vorschnell im Netz gelandet. Nicht nur die Bevölkerung müsse sich daher besonnen zeigen, auch die Polizei müsse mögliche Fälschungen wie Zeugenaussagen genau prüfen. Der Interessenskonflikt zwischen dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit und notwendiger Zurückhaltung im Interesse von Sicherheit und Fahndungserfolg müsse auch von der Öffentlichkeit bedacht werden.

Hohes Maß an Professionalität und Besonnenheit

Den massiven Polizeieinsatz der Münchner Kollegen lobte Radek. Die Beamten hätten "katalogmäßig" aufgabenteilig alle Maßnahmen von der Evakuierung über die Fahndung nach möglicherweise weiteren Personen, Durchsuchungen und Unterbindung von Fluchtmöglichkeiten alle notwendigen Aufgaben mit "einem hohen Maß an Professionalität" und Besonnenheit  durchgeführt. Seit dem Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris aber auch jüngsten Vorfällen würden die Beamten zunehmend für die Bewältigung von Amoktaten trainiert. Die Polizei stelle sich mehr und mehr auf solche Szenarien ein. "Wir haben uns taktisch verändert und gehen auch anders vor."


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Wir haben schon darüber gesprochen heute morgen hier in "Studio 9": viel Lob für den Einsatz der Münchner Polizei und vor allem auch für Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins, der auch in den stressigsten Situationen die passenden Worte fand. Auf Twitter und auf Facebook und in mehreren Sprachen informierte die Polizei über die Lage, und vor allem bat man darum, keine Fotos und keine Filme des Einsatzes zu posten. Stattdessen gibt es jetzt die Bitte, diese Infos an die Polizei weiterzuleiten. Was das für die Ermittlungen bringen kann, weiß Jörg Radek, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Guten Morgen!

Jörg Radek: Guten Morgen, ich grüße Sie!

Welty: Ja, Herr Radek, welche Erkenntnisse lassen sich aus solchen Filmen und Fotos gewinnen?

Radek: Wir sind ja jetzt gerade in einer Phase, wo wir die Spuren sichern müssen, und es gilt jetzt natürlich zunächst erst mal, die Identität des mutmaßlichen Täters herauszufinden, und da ist jedes Detail wichtig. Das geht bei der Kleidung los, das geht dabei los, was wir an dem Täter jetzt auch noch gefunden haben, aber es geht auch um die Beobachtungen, die gemacht wurden, wie hat er sich verhalten, um daraus Rückschlüsse zu ziehen, um dann endgültig ein Bild von ihm, seiner Tat und den möglichen Hintergründen zu bekommen.

Welty: Wie wichtig war es, dass diese Dokumente eben nicht vorher im Netz auftauchten, wobei diese Bitte ja nicht überall gehört wurde?

Nichts vorschnell ins Netz stellen

Radek: Ja, bedauerlicherweise. Wir müssen uns, glaube ich, da als Öffentlichkeit dran gewöhnen, dass wir eben über die sozialen Netzwerke in Echtzeit an solchen Bluttaten teilnehmen, und wir müssen dann das, was bei Polizei üblich ist, uns auch da sehr besonnen verhalten. Warum fordern wir das an als Polizei? Es kann möglich sein, dass eben über eine kleine Videosequenz, und sei der Schnipsel noch so klein, eine Information über den möglichen Täter und die Hintermänner preisgegeben wird, die dann für uns als Polizei im Rahmen von Fahndungsmaßnahmen oder vielleicht sogar auch im Rahmen von Evakuierungsmaßnahmen, also im Sinne des Bevölkerungsschutzes, Probleme aufwerfen. Deswegen ist es besser, solche Informationen der Polizei zunächst zur Verfügung zu stellen, die dann sie bewerten kann, um sie dann weiterzuverwenden.

Welty: Auf der anderen Seite ist das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit natürlich auch ein großes.

Radek: Selbstverständlich, und je unsicherer die Lage ist, desto größer ist das Informationsbedürfnis der Menschen. Aber um einen Erfolg einer Maßnahme zu gewährleisten – Erfolg heißt, zu verhindern, dass es weitere Opfer gibt, den Täter zu ergreifen –, da denke ich, muss man einsichtig sein und sagen, ja, ich habe zwar ein persönliches individuelles Bedürfnis, aber welches Bedürfnis hat jetzt die Gesellschaft, welches Bedürfnis haben jetzt die Menschen in München, die mit mir zusammen unsicher sind.

Welty: Was die Bilder im Netz angeht, da waren sehr schnell auch Fälschungen, Fakes unterwegs, die mit München überhaupt nichts zu tun hatten. Welches Instrumentarium steht der Polizei zur Verfügung, das zu unterscheiden?

Radek: Es gibt natürlich ähnlich wie bei Zeugenaussagen, dass man die Echtheit der Aussage überprüft, dass man das gegencheckt, um eben sicher zu sein bei den polizeilichen Maßnahmen. Ganz ausschließen wird man das nie, weil mittlerweile die Möglichkeiten, Dinge zu verfälschen oder zu fälschen, enorm sind durch die digitale Technik, aber zunächst erst mal gilt es, eine sichere Information zu bekommen und dann darauf die polizeilichen Maßnahmen abzustellen.

2.300 Beamte im Einsatz

Welty: Der Polizeieinsatz in München mit rund 2.300 Beamten war ein massiver. Welche Herausforderungen waren und sind damit verbunden, was zum Beispiel die Koordination angeht?

Radek: Zunächst müssen Sie ja mehrere Maßnahmen gleichzeitig durchführen. Sie haben also eine Präsenz der Polizei vor Ort, in diesem Falle offensichtlich sogar eine Zivilstreife, also verdeckte Kollegen, die agiert haben, und Sie müssen ausgehen von dieser ersten Schießerei, von der ersten Schussabgabe, dass man jetzt quasi wie in einem Katalog abarbeiten muss, was ist durchzuführen – Evakuierung von Gebäuden, gleichzeitig muss aber nach den Personen gefahndet werden, nach wie viel Personen wird gefahndet, das war unsicher. Denken Sie daran, wie lange im Raume stand, dass es drei Täter sind, bis sich dann herauskristallisierte, es war doch offensichtlich nur einer, aber Sie müssen dann auch weiterdenken – Durchsuchung von Maßnahmen, dass Sie auch dem Täter oder den Tätern die Fluchtmöglichkeit unterbinden, also die Maßnahme, dass beispielsweise der U-Bahn-Verkehr eingestellt worden ist. Das sind Dinge, die laufen katalogmäßig ab, die sind auch geübt, und die Münchner Polizei hat das mit einem hohen Maß an Professionalität und mit einem hohen Maß an Besonnenheit auch gerade gegenüber der Bevölkerung durchgeführt.

Welty: Was geht da im Kopf des einzelnen Kollegen, der einzelnen Kollegin vor in solchen Situationen, auch wenn ein solches Verfahren ein geübtes ist?

Radek: Man konzentriert sich auf den Auftrag. Das läuft sehr gegliedert ab. Jeder kennt seine Aufgabe, jeder kennt seine Funktion, und jeder weiß, was er in jedem Augenblick zu tun hat. Es gibt natürlich mit Sicherheit an der ein oder anderen Stelle noch einen Reibungsverlust, aber da ist jeder so professionell, dass das nicht zu groß werden wird, sondern dass man in einer sehr aufgabenteiligen Abarbeitung eines Auftrages auch sich konzentriert.

Welty: Es gab viel Lob, es gab aber auch Berichte darüber, dass die Beamten zum Teil sehr nervös gewirkt hätten. Müssen wir uns auf solche Situationen womöglich noch besser vorbereiten, was Ausbildung, Ausrüstung und Training angeht?

Zunehmendes Training solcher Einsätze

Radek: Ich denke, dass die Nervosität der Kollegen, die man da scheinbar gesehen hat, ihren ganz einfachen Grund hat. Auch für die ist zunächst erst mal eine Lage unsicher – wie agiere ich weiter. Das hat man, wie gesagt, in der Echtzeit der Fernsehbilder gestern Abend oder über die Social Networks gesehen, dass die Lage sehr lange unsicher war. Die Polizei stellt sich mehr und mehr darauf ein, dass wir solche Szenarien trainieren, auch das Vorgehen. Wir haben gesehen, wie die Beamten in dem Parkhaus vorgegangen sind, so etwas müssen sie trainieren, damit sie nicht für den eigenen Kollegen möglicherweise eine Gefahr darstellen. Also so etwas wird zunehmend seit den Schüssen in Paris auf Charlie Hebdo trainiert, aber auch die Bewältigung von Amoklaufen. Seit wir die Amoklage in Erfurt hatten, haben wir uns taktisch verändert und gehen da auch anders vor.

Welty: Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei, herzlichen Dank für dieses Gespräch! Und den Dreher im Namen, den bitte ich zu entschuldigen.

Radek: Den habe ich überhört.

Welty: Gut.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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