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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 13.12.2017

Anschlag am BreitscheidplatzWie wir Terror-Opfern begegnen sollten

Ulrich Khuon im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Opfergedenken am Berliner Breitscheidplatz 2017 (Deutschlandradio / Claudia van Laak)
Gedenken an die Opfer am Berliner Breitscheidplatz (Deutschlandradio / Claudia van Laak)

Der Terror-Anschlag am Berliner Breitscheidplatz galt uns allen, sterben mussten nur wenige. Stellvertretend für alle anderen. Die Hinterbliebenen müssen mit der Sinnlosigkeit von solcherart Tod und Gewalt leben. Theater-Intendant Ulrich Khuon über die Konsequenzen, die wir daraus ziehen sollten.

Die Menschen, die der Attentäter Anis Amri vor einem knappen Jahr auf dem Berliner Breitscheidplatz mit einem Lkw ermordet hat, sind plötzlich und unerwartet gestorben. Aus heiterem Himmel kam das Unglück über sie, ohne jeden Sinn. Bevor er heute seinen Bericht in Berlin vorstellte, sagte der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, im Deutschlandfunk Kultur:

"Man muss begreifen, dass ein Terroranschlag für die Angehörigen der Toten, aber auch für die Verletzten und deren Angehörige, deshalb etwas ganz Besonderes ist, weil da jemand versucht hat, unsere Gesellschaft insgesamt anzugreifen, unsere Art zu leben, unsere Kultur zu zerstören. Und diese Menschen mussten – völlig zufällig – an einem bestimmten Ort dafür leiden, mit Leib und Leben büßen. Und das Warum, diese Sinnlosigkeit, diese Brutalität – das hat die Menschen ganz tief getroffen."

(Arno Declair/Deutscher Bühnenverein)Ulrich Khuon, seit 2009/2010 Intendant des Deutschen Theaters und Präsident des Deutschen Bühnenvereins (Arno Declair/Deutscher Bühnenverein)

Wir waren alle gemeint – die Opfer wurden stellvertretend für uns ermordet. Der Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, Ulrich Khuon, sieht aus dieser Erkenntnis eine besondere Verantwortung für die Hinterbliebenen erwachsen.

Fassungslos gegenüber dem Terror

"Ich finde das sehr nachdenkenswert, was Kurt Beck da gesagt hat. Man spürt ja selber in der Nachverfolgung dieses Terroranschlags, dass so viel diskutiert wurde über den Terror selbst, wo er herkommt, wie fassungslos man ihm gegenüber ist, die Fehler, die gemacht wurden (...) Dann die Frage, wie sichert man öffentliche Plätze, öffentliche Orte, wie verhindert man praktisch das alles ...

... und wenn man jetzt dies alles durchgeht, was uns beschäftigt hat, dann merkt man: In diesem Szenario kommen die Opfer zu wenig vor. (...) Man ist zufällig irgendwo und wird als Teil einer Gesellschaft getötet oder verletzt. Und das ist Grund genug, sowohl Zeichen wie auch Zuwendung wie auch Wahrnehmung auszusenden an diejenigen, die Opfer sind."

Betonpoller am Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin: Im vergangenen Jahr wurde hier ein Anschlag verübt. (imago/Stefan Zeitz)Zu viel über Betonpoller, zu wenig über die Opfer nachgedacht: Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in diesem Jahr (imago/Stefan Zeitz)

Ulrich Khuon sagte zudem, Zuwendung werde in ihrer Wirkung grundsätzlich unterschätzt. Menschen spürten, wie ernst es das Gegenüber meine. Angela Merkels Zögern, die Hinterbliebenen zu treffen, wollte Khuon dennoch nicht verurteilen:

Tun, was konkret jemand anderen meint

"Selbst in den Theatern brauchen wir mehr an konkretem Handeln für den Anderen. Jeder müsste eigentlich in seinem Tag etwas unterbringen, was konkret jemand anderen meint. Und dann kann man das auch Angela Merkel vorwerfen. Wenn man selber nichts hinkriegt und nicht mal grüßt – also diese einfachen Gesten von Zugewandtheit – dann soll man (eher) vorsichtig (mit Kritik an Merkel, Annmerkung der Redaktion) sein."

Kurt Beck (SPD) sitzt auf dem Podium der Bundespressekonferenz, im Hintergrund Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). (dpa/Gregor Fischer)Der Opferschutzbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, legt in Berlin seinen Abschlussbericht zum Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz vor (dpa/Gregor Fischer)

Bundeskanzlerin Angela Merkel will sich in wenigen Tagen mit Hinterbliebenen treffen. Kurt Beck hatte im Deutschlandfunk Kultur gesagt, er könne deren Enttäuschung verstehen. Das Gespräch mit der Kanzlerin bezeichnete er als "sehr notwendig". (ahe)

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