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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 05.01.2018

Ansbacher SynagogeZeugnis des jüdischen Barock

Von Thomas Senne

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Der mit rotem Samt bedeckte Tisch, auf dem die Torarollen ausgebreitet werden, in der jüdischen Gemeinde in Deventer, Niederlande. Auf dem roten Samt leuchtet ein weißer Davidstern. (imago/JOKER)
Der samtbedeckte Tisch, auf dem die Thorarollen ausgebreitet werden in einer Synagoge in den Niederlanden. (imago/JOKER)

Viele Synagogen zerstörten die Nazis in der Pogromnacht. Die Synagoge im fränkischen Ansbach ist da eine Ausnahme. Sie ist nicht niedergebrannt worden. Möglicherweise aus Rücksichtnahme auf die Wohnhäuser daneben – denn die gehörten Nicht-Juden.

Von außen wirkt die Ansbacher Synagoge eher unscheinbar: ein im Barockstil errichteter Bau mit weiß-gelber Fassade und großen, vergitterten Rundbogenfenstern. Im Innern entpuppt sich das Gotteshaus jedoch als ein architektonisches Kleinod.

"Das Besondere der Ansbacher Synagoge ist einmal sicherlich, dass sie völlig unbeschadet das 1000-jährige Reich überstanden hat, dass sie eben "nur" geschändet wurde und die Original-Ausstattung noch da ist. Das zweite Besondere ist, dass wir dieses Gesamtensemble erhalten haben, das heißt Synagoge, Dienerhaus, Synagogenhof und die beiden Mikwen, die wir hier in Ansbach noch vorhanden haben. Das macht eben das Besondere aus, dass das Gesamtensemble völlig unbeschadet aus dem 18. Jahrhundert hier auf uns gekommen ist."

Ein glücklicher Zufall, meint Alexander Biernoth, Vorstand des Ansbacher Frankenbundes. Mit seinem Team kümmert er sich ehrenamtlich um das historische Gebäude, das die Nazis weitgehend verschont hatten.

"Sicherlich war es so, dass man Angst hatte, wenn die Synagoge brennt, dass die Nachbarhäuser mit Feuer fangen und es zu einem großen unkontrollierbaren Altstadtbrand kommt. Und zum anderen hatte in direkter Nachbarschaft ein führendes Mitglied der NSDAP sein Mehlgeschäft. Und der wollte die Synagoge als Lagerraum haben. Und so hat man in der Reichspogromnacht drei, vier Bänke im Eingangsbereich zerschlagen, ein symbolisches Feuer gemacht. Aber die Synagoge blieb im Wesentlichen unzerstört."

Forscher: Inneneinrichtung "sensationell"

Wissenschaftler aus Israel und von der Forschungsstelle für jüdische Architektur an der TU Braunschweig, die kürzlich das Gebäude im Rahmen eines Forschungsprojektes über Thoraschreine besucht hatten, stufen die barocke Inneneinrichtung als "sensationell" ein: einmalig im deutschsprachigen Raum.

"Einmal ist es ein sehr großer Thoraschrein. Auf der anderen Seite ist er vollkommen authentisch erhalten mit der Originalfarbgebung aus dem 18. Jahrhundert, aus dem Jahr 1746. Das Besondere ist noch, wenn man ihn aufmacht. Es ist innen drin noch eine Original-Papiertapete aus dem 18. Jahrhundert vorhanden. Und es gibt ganz, ganz wenige Papiertapeten, die sich erhalten haben aus dieser Zeit. Der Thoraschrein hatte den Vorteil, dass er natürlich immer verschlossen war, lichtgeschützt war und deswegen sich diese beflockte Papiertapete im dunklen Rot noch sehr schön erhalten hat."

Heute befinden sich in dem Sakralraum noch mehrere Original-Messingleuchter mit der Meistermarke eines Nürnberger Kunstschmiedes. Vor allem aber zieht der meterhohe Schrein und die zentrale Bima den Blick der Besucher auf sich.

"Wir sind jetzt hier im Innern der Synagoge. Es ist ein sehr schlichter Raum. Es sind ganz weiße Wände und nur die beiden zentralen Punkte sind verziert. In der Mitte steht dieses achteckige, erhöhte Podest, eben dieses Almemor oder Bima mit dem Lesepult Richtung Osten. Es sind gedrehte Säulen. Es ist ein Baldachin oben drüber mit Flammenvasen oben drauf, also verziert, wie man das aus der Zeit des Barock, des Rokoko kennt, also typisch die Formenhandschrift des Architekten, der Leopoldo Retti. Und an der östlichen Stirnseite der Synagoge steht die sogenannte 'Heilige Lade', Aron haKodesch, also der Ort, an dem das Allerheiligste für Juden, die Thora, aufbewahrt werden konnte."

Unklar, ob eine jüdische Gemeinde entsteht

In dem an die Ansbacher Synagoge angrenzenden, ehemaligen Dienerhaus wird anhand von ausgewählten Schaustücken, Bildern und Texten die Geschichte der Ansbacher Juden wieder lebendig. Eine aus dem 19. Jahrhundert stammende Mikwe befindet sich im Innenhof. Um ein noch älteres rituelles Tauchbad im Gewölbekeller zu erreichen – aus der Anfangszeit des Gotteshauses –, muss der Interessierte eine in die Jahre gekommene Treppe hinabsteigen.

"Es sind hier zwei tonnengewölbte Räume. Der erste ist der Umkleideraum gewesen. Und wir haben einen zweiten tonnengewölbten Raum und da ist ein Nebenarm vom Onoldsbach – der Mühlbach oder Stadtbach – reingeleitet worden, sodass man in dem Becken immer frisches fließendes Wasser hatte. Und das Bad ist hier unten dann genutzt worden bis zur Errichtung der neuen Mikwe 1861."

Ob die Synagoge mit ihren umliegenden Räumen in Zukunft wieder religiös genutzt werden kann? Da zuckt Alexander Biernoth mit den Schultern.

"Es gibt Juden aus den GUS, aus den Nachfolgestaaten der UDSSR, die in Ansbach leben. Es hat sich jetzt ein Verein gegründet, noch keine jüdische Gemeinde - ein Verein. Da kommt vielleicht am Ende mal eine jüdische Gemeinde raus. Im Moment ist dieser Prozess im Werden. Man muss jetzt einfach sehen, was draus wird."

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