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Tonart | Beitrag vom 07.10.2016

Anruf bei KonzertsälenWer hat die beste Musik in der Warteschleife?

Von Claus Fischer

Eine Frau lächelt beim Telefonieren. (imago/Westend61)
Eine Frau lächelt beim Telefonieren. (imago/Westend61)

Alles durchdacht: In vielen Konzertsälen wird die Musik in Telefonwarteschleifen ganz bewusst ausgewählt. So hören Anrufer beim Leipziger Gewandhaus sogar ein eigens produziertes Harfensolo. Wir haben uns durchgehört.

Warten kann lästig sein. Erst recht am Telefon. Ruft man bei Behörden oder Firmen an und gelangt nicht gleich an den fürs Anliegen zuständigen Gesprächspartner, wird man oft auf eine Warteschleife gelegt. Was man da hört ist eher wenig originell…

"Im Augenblick ist unsere Telefonzentrale leider belegt. Sie werden mit dem nächsten freien Operator verbunden."

In Deutschlands Konzertsälen hat man inzwischen gemerkt, dass solche Warteschleifen die Anrufer nicht gerade in Begeisterung versetzen. So geht man neue Wege. Freizeichen.

"Kölner Philharmonie, Othmar Gimpel, schönen guten Tag."
"Ja, Claus Fischer von Deutschlandradio Kultur, schönen guten Tag, Herr Gimpel."
"Ich würde gerne mal hören, was die Kölner Philharmonie für eine Warteschleife hat."
"Ja, da müsste ich eine Sekunde sie gleich mal weiter stellen…ich lass Sie mal zehn Sekunden drin..."

Warteschleife von der Marketingabteilung ausgewählt

Wer in diesen Tagen in der Kölner Philharmonie anruft und auf die Warteschleife gelangt, der hört die italienische Sopranistin Cecilia Bartoli mit einer Arie von Georg Friedrich Händel. Für diese Musik, so Othmar Gimpel von der Marketingabteilung des Hauses, hat man sich bewusst entschieden.

"Weil Cecilia Bartoli am 19.11. bei uns in der Kölner Philharmonie zu Gast ist."

Die Warteschleife wird also immer wieder neu bestückt. Denn man möchte das Publikum neugierig machen aufs Programm. Erreicht man damit aber auch eine höhere Nachfrage nach Konzertkarten?

"Einen wirklichen PR- oder Werbeeffekt erzielt man damit nicht. Lediglich verhindert man negative PR, indem man sich eben mit schlechter Musik brüstet."

Viele Tickets werden noch übers Telefon verkauft

Rüdiger Beermann vom Festspielhaus Baden-Baden ist da anderer Meinung. Die Warteschleife darf man innerhalb des Marketingkonzepts nicht unterschätzen:

"Gerade in der klassischen Musik – so nehmen wir das als Veranstalter wahr – wird noch ein überwiegender Anteil an Eintrittskarten über das Telefon verkauft, weil es einfach ein sehr beratungsintensives Produkt ist."

Auch beim Festspielhaus Baden-Baden werden die Musikaufnahmen auf den aktuellen Spielplan bezogen ausgewählt. Bei den Berliner Philharmonikern ist das nicht so, betont deren Pressesprecherin Elisabeth Hilsdorf.

Warteschleifenmusik je nach Jahreszeit

"Wir wechseln nach Quartal, so ein bisschen nach Jahreszeiten. Es ist immer dieselbe Musik jedes Jahr, aber es sind vier verschiedene Stücke, die wir spielen."

Alle vier Aufnahmen stammen von den Berliner Philharmonikern unter Leitung des derzeitigen Chefdirigenten Sir Simon Rattle.

"Im ersten Quartal, schon als kleine Frühlingsbotschaft haben wir den 'Bumenwalzer' aus dem 'Nussknacker' von Peter Tschaikowski. Dann im zweiten Quartal, wenn der Frühling dann da ist, die zweite Zwischenaktmusik aus 'Carmen' von Georges Bizet. Im Sommer bzw. dann zur Saisoneröffnung bei uns Joseph Haydn der erste Satz aus der 92. Sinfonie 'Oxford' und dann kurz vor Weihnachten von Gustav Mahler der dritte Satz aus der "Auferstehungssinfonie", der zweiten Sinfonie..."

Elisabeth Hilsdorf:

"Wir wollen den Leuten die Wartezeit so angenehm die möglich gestalten und eben mit etwas, das aus dem Haus heraus gekommen ist. Der Marketingaspekt spielt bei uns, glaube ich, nicht so eine große Rolle, denn dann müsste man wirklich aktuelle Dinge dort laufen haben."

"Soll ich sie wieder zurücklegen in die Warteschleife?"

Die Resonanz auf die Warteschleife der Berliner Philharmoniker ist allerdings, so betont Elisabeth Hilsdorf, fast immer positiv:

"Unser Intendant hat das auch schon erzählt, dass Leute sich freuen, dass in der Warteschleife so schöne Musik gelaufen ist oder die Kollegen bei der Konzertpause erzählen das manchmal."

Diese Erfahrung macht auch der Direktor des Leipziger Gewandhauses Andreas Schulz.

"Ich erlebe das immer wieder selber, wenn mich Menschen von außerhalb anrufen, seien es Kollegen oder andere Geschäftspartner und sie werden dann zu mir durchgestellt ins Büro, dass mancher sagt: 'O was für wunderbare Harfenmusik haben Sie da in ihrem Telefon.' Und ich scherze ich meistens und sage: 'Soll ich sie wieder zurücklegen in die Warteschleife?'"

Freizeichen.

"Gewandhausorchester Steiner."

"Ja, schönen guten Tag, Herr Steiner hier ist Claus Fischer von Deutschladradio Kultur. Kann ich mal bitte ihre Warteschleife hören? Können Sie mich mal irgendwo hin verbinden?"

"Ja, selbstverständlich. Moment, Herr Fischer..."

Leipziger Gewandhaus fällt aus dem Rahmen

Tatsächlich, das Harfensolo in der Warteschleife des Leipziger Gewandhauses fällt aus dem Rahmen.

a.) weil es dauerhaft eingesetzt wird - man verwendet keine andere Musik und

b.) weil es extra für die Warteschleife produziert worden ist.

"Ich bin gefragt worden und war auch ganz angetan von der Idee.."

... erzählt Cornelia Smaczny, die Soloharfenistin des Gewandhauses.

Allerdings dann kam die Schwierigkeit, dass das nur fünfzehn Sekunden dauern durfte und immer wieder das Ende in den Anfang reinpassen mußte. Das hat mich doch ziemlich zum Knobeln gebracht und ich hab ziemlich lange mit Stoppuhr und Sekundenzeiger versucht, das hinzukriegen einfach auch...

"Das hab ich mir selbst ausgedacht... Ich fand halt auch wichtig, dass es ne gewisse Steigerung gibt am Anfang mit diesen Akkorden, die nach oben gehen… und dann so ne Beruhigung wieder. Das heißt, man ist immer in einer Wellenform ständig drin, also man ist nicht gestresst von dieser Geschichte."

Harfensolo in Warteschleife als Teil der "Corporate Identity" 

Smaczny:

"Insofern hab ich mir auch Es-Dur rausgesucht, weil es ne Tonart ist für mich, die Licht und Sonne und was Optimistisches darstellt."

Die Harfe in der Warteschleife hat sich in den letzten Jahren zu einem Markenzeichen des Leipziger Gewandhauses entwickelt, in modernem Marketing-Deutsch: zu einem Teil von dessen "Corporate Identity".

Vier verschiedene Warteschleifen - drei unterschiedliche Konzepte. Musik-Wechsel nach Spielplan in der Kölner Philharmonie und im Festspielhaus Baden-Baden, nach Jahreszeit bei den Berliner Philharmonikern oder Dauer-Harfe beim Leipziger Gewandhaus. Es wäre sicher interessant, einmal wissenschaftlich zu untersuchen, welches Konzept auf die Anrufer den besten Eindruck macht und wie es sich tatsächlich auf den Kartenverkauf auswirkt.

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