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Buchkritik | Beitrag vom 18.08.2020

Annie Ernaux: "Die Scham"Die Einsamkeit eines erschütterten Kindes

Von Sigrid Brinkmann

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Das Buchcover "Die Scham" von Annie Ernaux ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)
Im Alter von 56 Jahren blickte Annie Ernaux schonungslos in die eigene Vergangenheit. Nun ist "Die Scham" auf Deutsch erschienen. (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)

Ein Ereignis, das ihre Kindheit schlagartig beendete: 44 Jahre lang konnte Annie Ernaux nicht darüber schreiben. Am 15. Juni 1952 hatte ihr Vater versucht, ihre Mutter umzubringen. Davon erzählt die französische Schriftstellerin in "Die Scham".

"An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen." Annie Ernaux weiß um die Schlagkraft dieses gefühllos gehaltenen Aussagesatzes, mit dem sie ihr Buch beginnt. Man begreift unmittelbar, dass die Tötungsabsicht den Kern des weit in die Vergangenheit zurückblickenden Textes bildet.

Der schweigende, von den unnachgiebigen Nörgeleien der Mutter aufgebrachte Vater schleifte seine Frau in die Vorratskammer der Kneipe, riss ein Beil aus dem Klotz und hielt inne, als sie nach der Tochter zu schreien begann. Der 15. Juni 1952 besiegelte die Kindheit der damals elf Jahre alten Annie.

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Das umstandslose Anknüpfen an sonntägliche Riten vertiefte die Einsamkeit des erschütterten Kindes. "Hinterher machten wir zu dritt eine Radtour aufs Land. Nach unserer Rückkehr öffneten meine Eltern wie jeden Sonntagabend die Kneipe. Wir haben nie wieder über den Vorfall gesprochen."

Intime Selbsterkundung und soziokulturelle Klüfte

Schonungslos offenbart Annie Ernaux auch in diesem Buch, welche sprachlichen, religiösen und sozialen Codes ihr Denken und Fühlen einst begrenzten und welche Ereignisse ihre innerliche Reifung beschleunigten.

Sie verschränkt die intime Selbsterkundung mit Betrachtungen der soziokulturellen Klüfte, die sie als Tochter eines ungelernten Arbeiterpaares, das ein Kneipencafé mit angeschlossenem Gemischtwarenladen betrieb, scharf wahrnahm.

Die 1940 in der normannischen Provinz geborene Annie Ernaux hat früh gewollt, dass aus ihr eine Klassenüberläuferin würde. Die grundstürzende Tat, von der sie in dem 1996 vollendeten Buch "Die Scham" gewohnt nüchtern erzählt, hätte diesen emanzipatorischen Plan durchkreuzen können.

"Erfahrung der Nichtung"

44 Jahre lang hatte die Autorin es nicht vermocht, das traumatische Erlebnis schreibend wachzurufen. Niemand aus dem näheren Umfeld erfuhr je von der Tat des Vaters, doch das Gefühl der Unwürdigkeit, die "Erfahrung der Nichtung", machte die Heranwachsende innerlich zu einem nackten, den Blicken und dem Urteil der Welt ausgesetzten, angreifbaren Wesen.

"Die Scham", notierte Ernaux, "ist die letzte Wahrheit. Sie vereint das Mädchen von 52 mit der Frau, die dies jetzt gerade schreibt". Nach dem 15. Juni 1952 war für Annie Ernaux das alltägliche Leben mit den sprachlosen Eltern zutiefst "schambesetzt": "Das Pissoir im Hof, das gemeinsame Schlafzimmer – ich schlief mit meinen Eltern in einem Zimmer aus Platzmangel und weil das in unserem Milieu so üblich war -, die Ohrfeigen und Schimpfwörter meiner Mutter, die betrunkenen Gäste und die Familien, die bei uns anschreiben ließen."

Es ist ergreifend, mit zu vollziehen, wie die seinerzeit 56 Jahre alte Autorin darum ringt, Worte wiederzufinden, in denen sie einst über sich selbst und die Welt nachdachte. Sie erinnert sich an abgedroschene Redewendungen, mit denen man dem Leben zu Hause etwas von seiner Gefährlichkeit und Schärfe nehmen wollte. Gleichwohl käme es Ernaux nicht in den Sinn, die enge Gefühlswelt und den beschränkten Horizont ihres Herkunftsmilieus zu denunzieren.

Jeder belauerte jeden

Annie Ernaux hat die regionale Presse des Jahres 1952 gelesen. Sie beschreibt die Verhältnisse in ihrem Geburtsort, wo "jeder jeden belauerte" und die strenge Führung in der katholischen Privatschule, die sie besuchte.

Gottesliebe wortreich zu bekunden, fiel dem Mädchen Annie nicht schwer, aber außerhalb der Schule war sie von Menschen umgeben, die – wenn sie Gefühle ausdrücken wollten – Liedzeilen aus den Chansons von Luis Mariano und Tino Rossi bemühten oder Versatzstücke aus Fortsetzungsromanen in Zeitschriften zitierten.

Dass das Verlangen danach, ihre Gefühle adäquat auszudrücken, eine vitale Kraft ist, macht die Lektüre von "Die Scham" auf berührende Weise sehr klar.

Annie Ernaux: "Die Scham"
Aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
110 Seiten, 18 Euro

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