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Buchkritik | Beitrag vom 10.09.2020

Annette Mingels: "Dieses entsetzliche Glück"Der Wunsch, nicht allein zu sein mit der eigenen Angst

Von Manuela Reichart

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Zu sehen ist der Titel des Buches "Dieses entsetzliche Glück" von Annette Mingels. (Pinguin Verlag / Deutschlandradio)
In "Dieses entsetzliche Glück" von Annette Mingels begleitet Angst das Leben der meisten Glückssucher. (Pinguin Verlag / Deutschlandradio)

Annette Mingels erzählt in ihrem neuen Roman von Menschen in der US-Provinz, die nach dem guten Leben suchen. Aber lohnt das wirklich? Der Titel dieses heiter-traurigen literarischen Reigens ist Programm: "Dieses entsetzliche Glück".

Hollyhook, eine 1759 gegründete Kleinstadt in Virginia "mit ihrem überschaubaren Zentrum, von dem die Wohnstraßen abzweigten, wie die Äste eines Stammes": Hier sind oder waren die Protagonisten in dem neuen Roman von Annette Mingels zu Hause.

Die Autorin erzählt Geschichten aus dem heutigen Amerika, Geschichten vom Weggehen und Wiederkommen, von Familienbanden und Freundschaftserinne­rungen, von Liebesverwicklungen und Trennungen. Um die gesellschaftspolitischen Verwerfungen dieser Tage geht es nicht.

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Einmal heißt es, Familie meine, "dass man nicht allein ist mit seiner Angst". Angst beglei­tet das Leben der meisten Glückssucher, von denen hier die Rede ist. Eine Frau will unbedingt ein Kind, ein Paar versucht sich im Fremdgehen, ein junger Schriftsteller schreibt von seiner verlorenen Freundschaft, zwei Schwestern sind sich spinnefeind.

Alle sind auf der Suche

Die einen sind weggegangen, haben so schnell sie konnten, den Heimatort mit seiner Enge und Spießigkeit verlassen. Die anderen sind geblieben, weil ihnen die Fremde bedrohlich er­schien. Alle sind auf der Suche nach diesem "entsetzlichen Glück" – und scheitern.

Oder sie merken nicht, dass sie das Glück längst gefunden haben. Wie die japanische Ärztin, die in Amerika ein glückliches Familienleben, eine gute Ehe führt. Als die Kinder aus dem Haus sind, meint sie, dass sie das Glück nur zu Hause in Japan finden kann. Als sie merkt, dass sie sich getäuscht hat, ist es zu spät.

Ein literarischer Reigen

Annette Mingels erzählt voller Melancholie und Menschenkenntnis von dem, wie es auf dem Buchumschlag heißt, "schwierig-schönen Miteinander, das Leben heißt". Sie entwirft ge­naue Paarbilder und Familientableaus, in denen es stets um das Bedürfnis nach Nähe und Ver­trauen geht. Alle ringen um das Glück und merken nicht, dass das was ihnen vorläufig er­scheint, schon ihr ganzes Leben ist.

Ein literarischer Reigen, in dem Menschen und Geschichten ineinander verwoben werden und Schicksale sich zum heiter-traurigen Roman fügen. Vielleicht wird das Glück sowieso überschätzt.

Annette Mingels: "Dieses entsetzliche Glück", Roman
Penguin Verlag, München 2020
350 Seiten, 20 Euro

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