Seit 03:00 Uhr Nachrichten
Montag, 21.06.2021
 
Seit 03:00 Uhr Nachrichten

Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.04.2020

Annett Gröschner über ihre Berlin-BeobachtungenDas Durchschimmern alter Geschichte

Moderation: Joachim Scholl

Annett Gröschner sitzt auf einer Mauer zwischen Säulen und herbstlichem Laub. (laif / Amin Akhtar)
Eine Stadt, die aus vielen Schichten besteht: Im Essayband "Berliner Bürger*Stuben" beschreibt Annett Gröschner den ständigen Wandel. (laif / Amin Akhtar)

Annett Gröschner durchstreift Berlin, sucht überschriebene Spuren der Vergangenheit. In einem Essayband sind ihre Beobachtungen mehrerer Jahrzehnte erschienen. Jetzt, in diesen Coronazeiten, erinnere sie manches an das Berlin der 80er, erzählt sie.

Wenn sie durch die Stadt streift, in der sie seit langem zu Hause ist, versteht sich Annett Gröschner als "Seismografin". Geboren wurde die Schriftstellerin in Magdeburg und kam 1989 ans Theater in Berlin, wo sie schon seit den frühen 80er-Jahren lebte.

Seit diesen Tagen ergründet sie auch die Stadt, wie sie sagt, belegt in vielen ihrer Texte. Für Annett Gröschner gleicht Berlin einer Art Schriftstück, das immer wieder überschrieben und ausgebessert werde, sagt sie im Deutschlandfunk Kultur: "Ich finde, dass Berlin ein Palimpsest ist: Es ist eine Stadt, die aus vielen Schichten besteht. Und diese Schichten werden immer wieder überdeckt durch neue Schichten. Immer bleibt etwas übrig, das durchschimmert an alter Geschichte." 

"Bürgerstuben" – wegen Corona geschlossen

"Berliner Bürger*Stuben" lautet der Titel des neuen Buchs der Schriftstellerin. Es enthält zumeist essayistische Texte über Berlin, laut Verlag ein Querschnitt ihrer Arbeit über die Stadt der vergangenen Jahre. "Bürgerstuben", das ist nicht nur der Titel ihres Essaybandes, sondern auch der Name einer Kneipe, in der sie oft sei - und die vor wenigen Tagen wie alle Lokale und Restaurants aufgrund der Einschränkungen durch die Coronapandemie geschlossen wurde.

Coronavirus-Newsletter

Dieser Lock-Down und die Folgen für das Nachtleben und die Kneipen führe dazu, dass Berlin bei Fahrten durch die Stadt fast wie in den 80er-Jahren wirke, als es nachts eben noch ruhiger zugegangen sei, sagt Annett Gröschner.

Applaus für die, die längst nicht mehr dort leben

Ein sehr markantes Beispiel für die von ihr beobachteten Veränderungen sei der Prenzlauer Berg. "Das Viertel ist komplett überschrieben worden", sagt die Schriftstellerin. Zwar seien die Häuser noch da, doch hätten sich selbst diese komplett verändert. In manchem schlechten Keller dieser sanierten Bauten vielleicht könne man noch erkennen, wie die Häuser vor 100 Jahren einmal ausgesehen haben.

Ein sehr gutes Beispiel für die dort vollzogenen Veränderungen sei zuletzt an einem Abend der Applaus von den Balkonen in der Käthe-Kollwitz-Straße gewesen, erzählt Annett Gröschner, der ja eigentlich vor allem den medizinischen Helfern gelten sollte in diesen Tagen und Wochen der Coronakrise.

"Wem applaudieren sie hier eigentlich", fragt sie. "Die Krankenschwestern und Verkäuferinnen wohnen hier nicht mehr!" Und mit genau diesem Widerspruch habe für sie der Applaus dann doch einen deutlichen Beigeschmack gehabt.

Zurück nach 1988 - lieber doch nicht

Annett Gröschner beschreibt die Veränderungen der Stadt und beklagt sich auch über deren Folgen für sie selbst: Etwa, dass sie wie viele aus ihrer Wohnung nach 20 Jahren herausgeklagt wurde.

Aber sehr klar sagt sie auch: "Wenn ich mir vorstelle, ich müsste nach 1988 gebeamt werden - ich würde schreiend wegrennen."

Annett Gröschner: "Berliner Bürger*stuben. Palimpseste und Geschichten"
Edition Nautilus, Hamburg 2020
328 Seiten, 20 Euro

Mehr zum Thema

Gentrifizierung in der Gegenwartsliteratur - Wenn die hohen Decken fehlen
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 25.09.2019)

Der Tag mit Annett Gröschner - Warum es so wenig Gleichklang gibt 
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, Der Tag mit, 09.11.2017)

Mein 9. November: Annett Gröschner
(Deutschlandfunk Kultur, Die Mauer ist weg, 23.10.2009)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

Politische LiteraturDer Druck hat zugenommen
Eine zur Faust geballte Hand wird nach oben gestreckt — in der Faust steckt ein Bleistift (Illustration) (imago / Malte Müller )

Max Czolleks und Terézia Mora sagen, das politische Zeitgeschehen beeinflusse ihre Themen und ihre Sprache. Die Sprache müsse inklusiver als die der Nazis sein, sagt Mora, und Czolleks Devise lautet: Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur